Der Pilz schimmert wie Gold. Ein leichter Nebel umgibt ihn, ebenfalls golden schimmernd, ehe die Dunkelheit wie eine Wand auf dem felsigen und zerfurchten Boden aufsitzt. Dunkel fließt das Wasser durch die Krater, langsam und leise wispernd. Der Pilz pulsiert ganz leicht, emitiert sein Leben in die Dunkelheit. Er kämpft, nicht absichtlich, gegen die Wände aus Dunkelheit. Es ist ein Kampf ohne Gewalt, und für lange Zeit bemerkt keiner den Kampf, denn die Grenzen verschieben sich nicht. Der Pilz ist stark genug, seine Kugel aus Licht zu behalten, und die Dunkelheit geduldig genug, sie ihm nicht streitig zu machen. Natürlich aber wird der Tag kommen, an dem er verwelkt.

Das Blut, dass aus dem Brunnenloch über ihm tropft, leuchtet im starken Kontrast auf der goldenen Kappe des Pilzes, rinnt an ihm herunter und löst sich vom Rand in hellroten Tropfen, die von innen zu leuchten scheinen, ehe sie im Wasser zwischen den grauen Steinen dunkel verlöschen. Hier unten gibt es keine Zeit, außer die in unregelmäßigen Abständen fallenden Tropfen des hellroten Blutes. Keiner weiß, ob sie zuerst tropften, und der Pilz dort anfing zu wachsen, wo das Blut auf die Erde traf. Aber es ist zu vermuten, dass der Pilz verwelken wird, sobald das Blut versiegt. Es wird schon weniger. Anfangs troff es, nicht ununterbrochen, aber doch häufig, und oft im Schwall. Jetzt wartet man auf die einzelnen Tropfen. Schon lange bevor sie auf die lederne Kappe des Pilzes tropfen hört man sie. Wie an einer Harfensaite klettern sie in die Höhle hinab. Jeder mit einem unterschiedlichen seidenen Ton. Fielen sie regelmäßiger könnte man eine Musik erkennen, so aber vermag das Gedächtnis die Fragmente nicht zur Melodie zusammensetzen.

Man sagt jedoch, es ist das Blut eines jungen Mädchens, dass oben am Rande des Brunnens liegt, mit geöffneten Augen, und ihr Blut singt ein Schlaflied, dass es vom Mond gelernt hat. Als das Mädchen noch lebte. Denn soviel kann man sehen. Im goldenen Schimmern des Pilzes ist der Kuss des Mondes verborgen, blass, zart, unaufdringlich. Manchmal wird er deutlicher, vielleicht wenn die Melodie stärker wird, weil kurzzeitig mehr Blut die Saiten herunterklettert. Dann greifen die silbernen Hände aus dem Licht des Pilzes heraus und schweifen kurz durch die Dunkelheit wie durchsichtige Möwen. Streifen die Wände oder schwirren ins Leere, stumm segelnd, bis sie verlöschen, weit weg vom Pilz, der Dunkelheit nicht mehr trotzend. Ein Lichtballett. Doch viele zerschellen an den rauhen Steinen, die in der Nähe des Pilzes aufragen. Zerschellen und rinnen noch kurz glimmend wie Milch an den Steinen herunter. Dann ist es wieder still, und man erinnert sich nicht mehr an die Melodie des Schlafliedes.

Unsere größte Angst ist, dass jemand den Pilz findet, bevor das Blut von selbst versiegt. So alleine leuchtend in der völligen Dunkelheit hier unten. Wir haben ihn schließlich auch gefunden. Wir, dir wir in scheuem Abstand auf den kalten Steinen liegen, und verträumt dem Pilz beim leuchten zuschauen. Selten streift uns die Hand des Mondes, und dann perlen die milchigen Tropfen an uns ab, wie am rauen Stein. Der Unterschied ist nicht zu bemerken. Wir sind selbst wie Steine. Langsam und rau. Aber wir erfreuen uns der Schönheit des Pilzes. Wenn jetzt jemand vorbeikommt. Schnell. Warm. Hungrig. Er wird den Pilz bemerken und ihn plücken und verschlingen, und alles was bleibt ist ein dumpfer, roter Schimmer, der durch seinen Magen nach außen dringt. Und schwächer werdend wird auch dieser noch verdaut, während der Warme, Schnelle, davonstrebt, auf der Suche nach einem anderen toten Mädchen, dass ihr Schlaflied zu uns herunterschickt. Und wir lägen auf den kühlen Steinen, dem Wasser zuhörend, blind, geblendet von der Erinnerung an den Pilz, der so schön mitten in der Dunkelheit wuchs. Und hoffen darauf, dass bald wieder ein Mädchen an dem Brunnen da oben stirbt, damit wir hier unten nicht so einsam sind. Nicht so verlassen.

Noch aber steht der Pilz, leuchtet, von einem Schleier umgeben, während es rot und traurig auf ihn herabtropft. In einer anderen Höhle, von der wir nichts wissen, dazu sind wir zu langsam, steigt das Wasser, salzig, von den ungeweinten Tränen der Mutter. Und die silbernen Fische, die in dieser Höhle wohnen, tanzen und gleiten glitzend durch den neuen See. Weder sie noch wir wissen von der Mutter. Wir wissen nichts. Bezaubt vom goldenen Licht. Wir fragen nicht. Das Schlaflied klingt sanft von oben zu uns herab, die wir den Blick nicht wenden von unserem Pilz.

Konrad Schulze

PS: Europa