Thu 10 Jun 2010
Ich habe einen Ort gefunden, den ich nie betreten wollte. Von klein an hört man von ihm, tief im Wald versteckt, ein dunkel schimmerndes Leben, das seine dünnen schleimigen Fäden aus dem verfilzten Pelz ausstreckt wie tastende Fühler, so dünn, dass es keiner bemerkt, bis sie einem die Augen verkleben, in den Körper dringen, Nase, Mund, alle Öffnungen. Und am Anfang, ganz kurz, ist es Lust. Man öffnet sich weiter, und… Dann ist es in einem. Schimmert dunkel und wächst und grinst höhnisch, mir ins Gesicht, von innen, der ich ängstlich in das Draußen schaue, das plötzlich anders wirkt, obwohl sich nichts geändert hat, für das Draußen.
Dunkel schimmert es, und öffnet sich in mir, immer weiter, bis meine Arme es nicht mehr überspannen können und ich hineinfalle. Und dann sprüht es, mir aus den Augen. Vergiftet die Luft, die ich atme. Doch so lange ich still bleibe, bemerkt es hoffentlich keiner. Es sei denn, jemand beobachtet meine Schultern, die sich spannen und krümmen, als wollten sie etwas daran hindern, aus meinem Mund zu springen. Und so zittere ich leicht, under der Anspannung, nichts entkommen zu lassen, nicht selbst zum Sumpf zu werden, der so heiß in mir brodelt. Ich schließe die Augen, und beginne zu rennen. Gewichte und Gewichte stämme ich in alle Richtungen, und es ist ein Kampf gegen mich selbst. Ich brenne und brodele, in mir bläst sich die matschige Masse des glimmenden Sumpfes auf, stämmt sich gegen meine Haut, um mich endlich zum Platzen zu bringen. Aber ich stämme dagegen. Und je weiter ich laufe, je mehr Gewichte ich stämme, umso mehr formen sich aus den blubbernden Massen Muskeln. Stück für Stück gewinne ich meinen Körper zurück, mich zurück, bis ich schließlich lächeln kann, denn nur noch leicht funkelt es düster an einigen Stellen, und selbst die kann ich unter der Dusche vergessen. Oder spätestens, wenn das Spiel mit ihm wieder anfängt, welches das dunkle Schimmern erst in mich hineingelassen hat. Und dann ist der Tag gerettet.
Aber der Ort in mir schläft nur. Funkelt und schimmert hinter meinen Ohren und untern meinen Fingernägeln und schickt graue Wolken mit meinen Blicken ins Draußen, die werden nur von wenigen bemerkt. Diese jedoch erschrecken. Wie ich ebenfalls erschrecke, und mir etwas suchen möchte, dass Glimmen aus mir herauszukehren. Er wäre so eine Möglichkeit. Aber er will nicht. Und an die Grenzen meines bloßen Wollens gestoßen, möchte ich die impotenten Hände in den Schoß legen und mit den Zähnen blutige Tränen aus der Lippe bohren.
Und da schlägt es wieder los, und löst mich von innen auf. Und es ist Nacht. Ich kann nicht rennen, keine Gewichte in der Nähe, und er, nur zwei Schritte entfernt, seinen Geruch in den kleinen Raum atmend, den wir uns für den Zeitraum des Spieles teilen. Vielleicht fließe ich aus dem Bett und verätze den Fußboden, oder ich explodiere und verunstalte die Wände, oder ich weine einfach, bis der Schlaf kommt, seine kühle Hand auf meine heißen Augen zu legen. Still und leise, denn ich mag ihn nicht aufwecken, wegen so einer Kleinigkeit wie eines inneren Sumpfes. Eine kleine weiche Kuh drückt sich gegen mich, wie um zu sagen, dass ich nicht der einzige Sumpf bin, hier. Aber das presst nur noch mehr Wasser aus mir, und die Kuh wird auch nass. Und wenn ich sie jetzt an mich drücke, weint sie mit.
Die Lust, etwas gegen die Wand zu werfen, und sei es mein Kopf, bleibt jedoch. Auch im Traum, in dem wir uns dann endlich küssen.
Konrad Schulze