Schon eine Weile frage ich mich: was passiert, wenn der ganze Schnee schmilzt?

Ich habe das zarte Leben an der Hand. Vorsichtig führe ich es den Berg hinab. Es ist so unselbstständig geworden, ich habe Angst, es könnte sich den Hals brechen. Ist es zu alt? Ein bläulich schimernder Ball, ganz leise. Es sieht so lebendig aus. Und wenn ich es berühre, flammt es auf, kühl, blau, hell, um gleich wieder nur schwach zu glimmen. Ein wenig weinlerlich. Es ist mir anvertraut, und ich möchte es mit der Hand umspannen, um es zu schützen, aber es gelingt mir nicht. Immer weiter müssen wir den erg hinab. Ummer weinerlicher wird sein Glimmen, immer einsamer, obwohl ich doch da bin. Bin ich das? Vermutlich klaffen andere Abgründe als nur Entfernung zwischen uns, auch wenn Berührungen diese kurz für nichtig erklären. Ich will nicht bergab. Unten wartet das Meer, in dem wie uns auflösen werden, oder, zumindest, das zarte blaue Leben, dass ich begleite. Aber der Wegt lässt sich nicht aufhalten, und so weine ich jetzt schon, wo wir doch noch nebeneinander hergehen. Es ist so viel, was ich dem Leben geben möchte. Wärme, Zärtlichkeit, Verständnis. Etwas weniger Einsamkeit, und vielleicht Zufriedenheit, und alles quillt aus mir und verfliegt farbig hinter uns. Alles was ich erreiche ist eine Berührung, fest, ohne Scheu, und voller Ehrlichkeit. Aber nicht mehr. Und es tut weh, den Rest nicht teilen zu können. Die Erinnerungen sterben. so schnell wie das Licht, und das zarte Leben wird so grau…Es fühlt sich so einsam, und ich vermag es nicht zu lindern, so nah ich auch bleibe. Aber das weiß ich noch nicht. Ich glaube noch an meine Nützlichkeit.

Dann erreichen wir das Meer, und unaufhaltsam strebt das zarte Leben hinein, strebt weiter, und fühlt sich so einsam. Es bricht mir das Herz, ich kann es doch nicht allein lassen. Fest packe ich es und werfe mich mit ihm in die Flut.

Sofort spült das Wasser das zarte Leben aus meiner Hand, dass kaum noch existierte, und ein reißender gewaltiger Strudel wirft uns auseinander. So wie wir das Meer betreten werden wir getrennt und lösen uns langsam auf. Ich spüre wie das Meer durch mich hindurchspült, etwas blaues, noch kräftiges, aus mir mir herausträgt und zerreißt, in tausend Stücke, die in tanzenden Wirbeln auseinanderstieben. Kurz fühle ich mich riesig.Ich bin ganz das Meer, das zarte Leben gibt es schon lange nicht mehr. Dann zerreißt das Netz, das die Teile noch verbunden hielt. Und alles wird grau, entfernt, stumpf, bis es verschwindet. Ich verschwinde. Und kurz bevor ich aufhöre zu existieren, bemerke ich die Nutzlosigkeit des Opfers. Und Bedauern flammt auf, bevor das Nichts mich ver…

Konrad Schulze