Wed 3 Mar 2010
Es ist eine kleine Gewissheit. Sie setzt sich von oben auf mich, und es fühlt sich so an, als wäre es auf die Nase. Sie kam herabgeschwebt, schon oft, und verfehlte mich wohl. Vielleicht bewege ich mich zu schnell für sie. Aber jetzt, und wenn es auch nur für den Moment ist, da hat sie sich auf meine Nase gesetzt, so scheint es. Natürlich schmilzt sie dort, ihre perfekte Form kann nicht erhalten bleiben, so nah an mir. Ich bin zu warm. Ich schiele auf sie herab. Wie sie zusammenfällt und noch kleiner wird, wie sie flüssig wird, wabbert, und dann, langsam erst, meine Nase herunterläuft. Schon kann ich sie nicht sehen, nur spüren, wie sie langsam meine Haut entlangwandert, in Richtung Kinn. Einen Mund habe ich heute nicht, der sie verschlingen könnte. Keine Gier, kein Schlund, keine Wolfszähne. Es juckt, als die Gewissheit über die Stelle rinnt, wo mein Mund sonst sperrt. Die Zunge drängt sich von innen an den Tropfen, will ihn in den Rachen ziehen. Aber schon ist er vorbei, verwirrt sich im nicht geschnittetenen Bart und. Verschwindet, ehe sie vom Kinn weiter nach unten fallen kann. Sie hinterließ wohl ihre Spur, auf dem Weg über mein Gesicht, einen kleinen Graben, dessen Ränder golden schimmern. Es sieht aus, als hätte ich einen senkrechten Mund. Sehr hässlich. Aber ganz langsam bin ich geworden. Entspannt. Mit diesem senkrechten Mund, der sich nicht gierig öffnen kann, nach deinen Worten und Berührungen, und die er doch nur wild zerreißt und in Brocken herunterschlingt, anstatt sie in ein weißes Tuch zu hüllen und darauf zu schlafen. Der neue Mund gemahnt zur Ruhe. Und die wilde Zunge wird sich schon noch beruhigen, die so in ihrer Höhle herumtanzt, als wäre sie früher freier gewesen.
Wenn ich jetzt singe, dann ist es eher wie Läuten von Glocken. Klar und frei lösen sich die Töne von den senkrechten Lippen, die vibrieren und bringen die Luft zum Klingen. Golden auch. Und so perlt es aus mir heraus, viel Gewissheit, zu viel vielleicht, aber es fühlt sich so gut an. Und die Töne fliegen wie Seifenblasen von mir weg, setzen sich in die Landschaft, die aufgerissen wie mein leerer Bauch von gestern halb zerstört vor uns liegt. Und, wo sie auftreffen, da platzen sie leise, und ihre Tropfen setzen sich wie Flocken auf die zerflederten Teile. Rinnen an ihnen herab und wo sie rinnen öffnen sich senkrechte Münder und Spalten, aus denen es ebenfalls quillt. Kühl und sanft füllt sich so das ganze Bild, als wäre es in einem Aquarium, füllt sich bis zum Rand, und muss eigentlich überlaufen vor Gewissheit und zerschellen. Aber. Mit einem leisen Plopp verschwindet das Klingen, hallt aus, und mein Bauch ist wieder geschlossen. Nicht vernäht. Keine hässliche Narbe. Mein Bauch, wie er früher war, und wenn ich ihn berühre spüre ich die silberen Kugeln darin, wie sie sich drehen und sacht aneinanderstoßen und es genießen. Und ich genieße es auch. Ein intakter Bauch. Ich blicke nicht zurück in das Tal. Meine Füße lösen sich vom Boden und wie ein Tuch finde ich meinen Weg durch den Wind dahin zurück, wo ich einst herkam. Vor allzukurzer Zeit. Hinter mir schließt das Land seine Wunden von selbst, die ich ihm schlug. Das war schon immer so, und ist auch eine Gewissheit, die sich schon vor langer Zeit auf mich gesetzt hat. Dann beißt der Winter zart in meine Wange und bestreicht die Haare mir Reif.
Konrad Schulze