Und heute stehe ich noch einmal am Rand des Tals. Selbst weiß geworden, wieder. Die losen Haaren wehen im Wind wie Spinnenweben und kleben an meinem trockenen Mund, der rissig weiß in mein Gesicht gegraben ist, wo ich sonst lächle. Heute nicht. Heute öffne ich meinen Mantel, meinen Bauch, reiße ihn weit auf und lasse alles was ich darin festhielt in das Tal strömen. Eine kalte Flut aus weißen Flocken, Eis, silbern ist es auch. Alles strömt und wirbelt und reißt, und senkt sich wie eine riesige Pranke in das Tal hinein um alles unter sich zu begraben. Es ist ein Schrei, ein weiß wirbelnder, der seine kleinen Teile in Flocken von sich stößt und alles mit einer Schicht zudeckt, die das weiße Entsetzen genannt werden kann. Dabei ist es totenstill. Keine Erinnerungen graben sich aus der harten Erde um in ihre zerissenen Kleidung ein falsches Bild von der Vergangenheit zu beschwören. Verrottend. Nein. Es ist friedlich. Nur ich stehe am Rande des Tals, und lasse etwas in das Tal strömen, das aus mir kommt, weil in mir zu wenig Platz ist es zu halten.

Von oben schneit es auch, silbrig glitzernde Tränen, die sich auf meine weißen Augebrauen setzen und sacht vom nächsten Windhauch wieder hinweggetragen werden. Es gibt keine Alptraumvögel mehr, die den Rand des Tales bewachen, damit sich keine Warmen hierher verirren. Es gibt keine grazilen Wesen mehr im Tal, die sich ihre Welt schön singen und dabei nicht altern. Es gibt keine kleinen Jungen mehr, die halb erfroren am Rande des Tals gefunden werden, um das Singen zu erlernen. Nur noch der Schnee, der wirbelnd weiß das Vergessen mit dem Entsetzen vertauscht, und dabei ist es doch ganz still. Selbst der Wind hat seine Stimme abgegeben, nicht aber seine Kraft, die aus mir herausträgt, was keinen Platz mehr hat. Meine Hand, zum Wolf gekrümmt, streckt sich nach dem Tal aus, und der weißen Masse, die es verdecken wird. Ein ganzes Tal habe ich schon gefüllt, und der Winter in mir scheint immernoch hungrig. Rissig weint es aus meinen Augen, trocken, kalt, weiß, und mischt sich auf den Lippen mit dem Salz von der mühsamen Wanderung. Die Haut unter den Augen ist hellrot, der einzige Farbton im gesamten Bild, und schreiend grell übertönt er das wirbelnde Wüten im Tal. In meinem Bauch. Auf den gefrorenen Wimpern balanciert ein Wort, mit dem ich mich ausdrücken möchte. Doch da reißt es mir der Wind fort, von den weit aufgerissenen Augen, die in die Unform starren, die entsetzlich wütet. Still.

Und dann, als es mir genug Zerstörung wurde, da bin ich fortgegangen. In einen Vogel habe ich mich verwandelt, einen weißen, zerzaust und halb gerupft, die Federn am Kopf wie zum Kampf aufgerichtet, und der Wind hat mich getragen, wohin, das weiß ich nicht mehr. Ganz leer, die Brust frei von diesem Sturm, der eisig den gesamtem Platz beanspruchte, der in mir war. Ganz leer, das wäre etwas, das wünsche ich mir. Leer, um zu empfangen. Es presst sich aber mein Leben und Wollen aus mir, etwas, das ich nicht will. Und dabei entleerte ich mich doch am Talesrand, und schnitt einen Riss dahin, wo ich sonst lächle. Das Warten, das habe ich immernoch nicht gelernt. Bis ich ganz hohl und trocken beim nächsten Schritt zerspringen muss. Es drängte zu lange in mir. Ich wusste nicht, wohin. Und der aufgerissene leergestürmte Bauch ist kein schöner Anblick.

Ich sollte mich zunähen. Mich füllen mit silbernen Kugeln und darauf warten, dass ein Hirsch das Gras beiseitereißt, dass sich über mir zu einem filzigen Hut verwoben hat. Ein wenig gebende Weiblichkeit in mich lassen, um zu wachsen und zu geben, ein Mutterleib. Aber ich bin das Vatermesser, das sich selbst schnitt, weil es nichts mit seinen Gefühlen anzufangen wusste. Und so stecke ich wieder am Rande des Tals, Klinge in das Eis gerammt, und niemand kann sie lockern. Und die Welt löst sich um mich auf, bis sie nur noch aus mir besteht. Zu viel Vatermesser, wo ein wenig Mutterleib doch so von Nöten wäre. Hilflos mit sich selbst.

Konrad Schulze