Man ist eine Spinne, von ihrem eigenen Netz gefangen, denn es stellte sich heraus, dass man es nicht selbst spann. Die Fäden laufen um einen herum, wie zu schnell gewachsen, zu dünn und brüchig. Und zu alt. Man erwartet sie an anderen Stellen und man erwartet sie straffer. Sind es noch die, an die man sich erinnert? Keiner kann es sagen. Man hängt in dem Netz, und ist überwältigt von dem Käfig der sich da um einen auftut. Oder schließt. Öffnen, das wäre ja schön. Sehnsüchtig verfolge ich die Fäden zurück, dort wo sie aufgeknüpft sind. Wohin sie mich leiten sollen, zurückbringen vielleicht, damit ich neue da festmachen kann, wo die alten bald reißen. Aber es funktioniert nicht. Ich kann nicht auf den Wegen tanzen, zu übermächtig ist der Abgrund, und wenn ich mich recht entsinne, vorher spannte sich der Faden über festen Boden. Jetzt klaffen Wunden dort, oder in meinem Kopf, wo man früher sicher trat.

Das ist nicht alles. Das Netz wickelt mich ein. Und die Geborgenheit, die mir so offensichtlich schien, die will sich nicht einstellen. Klebrig umspannen sie meine Hände, kaum kann ich nach etwas neuem greifen. Und die Augen. Quer hinüber, so dass ich jeden Morgen nicht aufzuwachen vermag. Mit dem Gespinst über den Augen, wie soll ich erkenne wo ich eigentlich bin? Und wer ich bin? Auch fällt es mir schwer zu erkennen wer ihr seid. Das Netz liefert die Informationen, nur traue ich ihnen nicht mehr. Sie hängen durch wie die Fäden, sind welk und brüchig, und verkleben den Weg für neue. Und so muss ich ihnen doch vertrauen, lächle euch zu, und vermag mich nicht zu öffnen, zu tanzen, auf dünnen neuen Wegen, die sich grazil zwischen uns spannen könnten. Vielmehr scheint es mir eine Hängematte zu sein, in der wir faul aneinander vorbeischaukeln.

Aus meinem Rücken ragen die golden glänzenden Stummel. Flügel, die ich mir auslieh um ein wenig zu fliegen. Sie nässen noch, hab ich sie mir doch plötzlich wieder herausreißen müssen. Das Netz klebt sich auch darüber, feucht, unerbitterlich, und ich versuche den Schmerz nicht zu spüren. Die Stumpen ziehen mich, ziehen mich zurück in die Luft, zwischen die Wolken. Aber das Netz, es hängt an meinen Füßen, wie harte Steine, Wurzeln, die den Boden irgendwo dort im Abgrund gefunden haben und nun nicht mehr loslassen. Unvermeidlich werde ich auseinandergezogen, in die Tiefe und in die Höhe, und als mein Bauch reißt, fallen die silbernen Kugeln daraus hervor und läuten die tränige Stille ein.

Der Wind schaukelt mich hin und her, und trocknet die Risse zwischen den Rippen. Auch zwischen den Augen und den Schulterblättern. Immernoch kann ich mich nicht bewegen, und mir fehlt der silberne Sinn im Bauch. Die Stille schleicht aus meinem Mund, und läuft für mich zwischen euch hin und her. Sie ist nicht zerrissen, und scheint sich auch mit dem Netz besser abzufinden. Und so wie sie euch in die Augen schaut, so scheint ihr zufrieden. Niemand zieht mehr am Netz, und ein Wir scheint nicht mehr in Frage gestellt. Verkrustete Stummel zucken auf meinem Rücken, hier und da, und bewegen das alte Netz, als würden wir es nutzen.

Ich werde einen Spiegel essen müssen, um mich mit dem zu füllen, was aus mir herausfiel als ich zeriss…

Konrad Schulze