June 2010


Der Pilz schimmert wie Gold. Ein leichter Nebel umgibt ihn, ebenfalls golden schimmernd, ehe die Dunkelheit wie eine Wand auf dem felsigen und zerfurchten Boden aufsitzt. Dunkel fließt das Wasser durch die Krater, langsam und leise wispernd. Der Pilz pulsiert ganz leicht, emitiert sein Leben in die Dunkelheit. Er kämpft, nicht absichtlich, gegen die Wände aus Dunkelheit. Es ist ein Kampf ohne Gewalt, und für lange Zeit bemerkt keiner den Kampf, denn die Grenzen verschieben sich nicht. Der Pilz ist stark genug, seine Kugel aus Licht zu behalten, und die Dunkelheit geduldig genug, sie ihm nicht streitig zu machen. Natürlich aber wird der Tag kommen, an dem er verwelkt.

Das Blut, dass aus dem Brunnenloch über ihm tropft, leuchtet im starken Kontrast auf der goldenen Kappe des Pilzes, rinnt an ihm herunter und löst sich vom Rand in hellroten Tropfen, die von innen zu leuchten scheinen, ehe sie im Wasser zwischen den grauen Steinen dunkel verlöschen. Hier unten gibt es keine Zeit, außer die in unregelmäßigen Abständen fallenden Tropfen des hellroten Blutes. Keiner weiß, ob sie zuerst tropften, und der Pilz dort anfing zu wachsen, wo das Blut auf die Erde traf. Aber es ist zu vermuten, dass der Pilz verwelken wird, sobald das Blut versiegt. Es wird schon weniger. Anfangs troff es, nicht ununterbrochen, aber doch häufig, und oft im Schwall. Jetzt wartet man auf die einzelnen Tropfen. Schon lange bevor sie auf die lederne Kappe des Pilzes tropfen hört man sie. Wie an einer Harfensaite klettern sie in die Höhle hinab. Jeder mit einem unterschiedlichen seidenen Ton. Fielen sie regelmäßiger könnte man eine Musik erkennen, so aber vermag das Gedächtnis die Fragmente nicht zur Melodie zusammensetzen.

Man sagt jedoch, es ist das Blut eines jungen Mädchens, dass oben am Rande des Brunnens liegt, mit geöffneten Augen, und ihr Blut singt ein Schlaflied, dass es vom Mond gelernt hat. Als das Mädchen noch lebte. Denn soviel kann man sehen. Im goldenen Schimmern des Pilzes ist der Kuss des Mondes verborgen, blass, zart, unaufdringlich. Manchmal wird er deutlicher, vielleicht wenn die Melodie stärker wird, weil kurzzeitig mehr Blut die Saiten herunterklettert. Dann greifen die silbernen Hände aus dem Licht des Pilzes heraus und schweifen kurz durch die Dunkelheit wie durchsichtige Möwen. Streifen die Wände oder schwirren ins Leere, stumm segelnd, bis sie verlöschen, weit weg vom Pilz, der Dunkelheit nicht mehr trotzend. Ein Lichtballett. Doch viele zerschellen an den rauhen Steinen, die in der Nähe des Pilzes aufragen. Zerschellen und rinnen noch kurz glimmend wie Milch an den Steinen herunter. Dann ist es wieder still, und man erinnert sich nicht mehr an die Melodie des Schlafliedes.

Unsere größte Angst ist, dass jemand den Pilz findet, bevor das Blut von selbst versiegt. So alleine leuchtend in der völligen Dunkelheit hier unten. Wir haben ihn schließlich auch gefunden. Wir, dir wir in scheuem Abstand auf den kalten Steinen liegen, und verträumt dem Pilz beim leuchten zuschauen. Selten streift uns die Hand des Mondes, und dann perlen die milchigen Tropfen an uns ab, wie am rauen Stein. Der Unterschied ist nicht zu bemerken. Wir sind selbst wie Steine. Langsam und rau. Aber wir erfreuen uns der Schönheit des Pilzes. Wenn jetzt jemand vorbeikommt. Schnell. Warm. Hungrig. Er wird den Pilz bemerken und ihn plücken und verschlingen, und alles was bleibt ist ein dumpfer, roter Schimmer, der durch seinen Magen nach außen dringt. Und schwächer werdend wird auch dieser noch verdaut, während der Warme, Schnelle, davonstrebt, auf der Suche nach einem anderen toten Mädchen, dass ihr Schlaflied zu uns herunterschickt. Und wir lägen auf den kühlen Steinen, dem Wasser zuhörend, blind, geblendet von der Erinnerung an den Pilz, der so schön mitten in der Dunkelheit wuchs. Und hoffen darauf, dass bald wieder ein Mädchen an dem Brunnen da oben stirbt, damit wir hier unten nicht so einsam sind. Nicht so verlassen.

Noch aber steht der Pilz, leuchtet, von einem Schleier umgeben, während es rot und traurig auf ihn herabtropft. In einer anderen Höhle, von der wir nichts wissen, dazu sind wir zu langsam, steigt das Wasser, salzig, von den ungeweinten Tränen der Mutter. Und die silbernen Fische, die in dieser Höhle wohnen, tanzen und gleiten glitzend durch den neuen See. Weder sie noch wir wissen von der Mutter. Wir wissen nichts. Bezaubt vom goldenen Licht. Wir fragen nicht. Das Schlaflied klingt sanft von oben zu uns herab, die wir den Blick nicht wenden von unserem Pilz.

Konrad Schulze

PS: Europa

Ich habe einen Ort gefunden, den ich nie betreten wollte. Von klein an hört man von ihm, tief im Wald versteckt, ein dunkel schimmerndes Leben, das seine dünnen schleimigen Fäden aus dem verfilzten Pelz ausstreckt wie tastende Fühler, so dünn, dass es keiner bemerkt, bis sie einem die Augen verkleben, in den Körper dringen, Nase, Mund, alle Öffnungen. Und am Anfang, ganz kurz, ist es Lust. Man öffnet sich weiter, und… Dann ist es in einem. Schimmert dunkel und wächst und grinst höhnisch, mir ins Gesicht, von innen, der ich ängstlich in das Draußen schaue, das plötzlich anders wirkt, obwohl sich nichts geändert hat, für das Draußen.

Dunkel schimmert es, und öffnet sich in mir, immer weiter, bis meine Arme es nicht mehr überspannen können und ich hineinfalle. Und dann sprüht es, mir aus den Augen. Vergiftet die Luft, die ich atme. Doch so lange ich still bleibe, bemerkt es hoffentlich keiner. Es sei denn, jemand beobachtet meine Schultern, die sich spannen und krümmen, als wollten sie etwas daran hindern, aus meinem Mund zu springen. Und so zittere ich leicht, under der Anspannung, nichts entkommen zu lassen, nicht selbst zum Sumpf zu werden, der so heiß in mir brodelt. Ich schließe die Augen, und beginne zu rennen. Gewichte und Gewichte stämme ich in alle Richtungen, und es ist ein Kampf gegen mich selbst. Ich brenne und brodele, in mir bläst sich die matschige Masse des glimmenden Sumpfes auf, stämmt sich gegen meine Haut, um mich endlich zum Platzen zu bringen. Aber ich stämme dagegen. Und je weiter ich laufe, je mehr Gewichte ich stämme, umso mehr formen sich aus den blubbernden Massen Muskeln. Stück für Stück gewinne ich meinen Körper zurück, mich zurück, bis ich schließlich lächeln kann, denn nur noch leicht funkelt es düster an einigen Stellen, und selbst die kann ich unter der Dusche vergessen. Oder spätestens, wenn das Spiel mit ihm wieder anfängt, welches das dunkle Schimmern erst in mich hineingelassen hat. Und dann ist der Tag gerettet.

Aber der Ort in mir schläft nur. Funkelt und schimmert hinter meinen Ohren und untern meinen Fingernägeln und schickt graue Wolken mit meinen Blicken ins Draußen, die werden nur von wenigen bemerkt. Diese jedoch erschrecken. Wie ich ebenfalls erschrecke, und mir etwas suchen möchte, dass Glimmen aus mir herauszukehren. Er wäre so eine Möglichkeit. Aber er will nicht. Und an die Grenzen meines bloßen Wollens gestoßen, möchte ich die impotenten Hände in den Schoß legen und mit den Zähnen blutige Tränen aus der Lippe bohren.

Und da schlägt es wieder los, und löst mich von innen auf. Und es ist Nacht. Ich kann nicht rennen, keine Gewichte in der Nähe, und er, nur zwei Schritte entfernt, seinen Geruch in den kleinen Raum atmend, den wir uns für den Zeitraum des Spieles teilen. Vielleicht fließe ich aus dem Bett und verätze den Fußboden, oder ich explodiere und verunstalte die Wände, oder ich weine einfach, bis der Schlaf kommt, seine kühle Hand auf meine heißen Augen zu legen. Still und leise, denn ich mag ihn nicht aufwecken, wegen so einer Kleinigkeit wie eines inneren Sumpfes. Eine kleine weiche Kuh drückt sich gegen mich, wie um zu sagen, dass ich nicht der einzige Sumpf bin, hier. Aber das presst nur noch mehr Wasser aus mir, und die Kuh wird auch nass. Und wenn ich sie jetzt an mich drücke, weint sie mit.

Die Lust, etwas gegen die Wand zu werfen, und sei es mein Kopf, bleibt jedoch. Auch im Traum, in dem wir uns dann endlich küssen.

Konrad Schulze