March 2010


Schon eine Weile frage ich mich: was passiert, wenn der ganze Schnee schmilzt?

Ich habe das zarte Leben an der Hand. Vorsichtig führe ich es den Berg hinab. Es ist so unselbstständig geworden, ich habe Angst, es könnte sich den Hals brechen. Ist es zu alt? Ein bläulich schimernder Ball, ganz leise. Es sieht so lebendig aus. Und wenn ich es berühre, flammt es auf, kühl, blau, hell, um gleich wieder nur schwach zu glimmen. Ein wenig weinlerlich. Es ist mir anvertraut, und ich möchte es mit der Hand umspannen, um es zu schützen, aber es gelingt mir nicht. Immer weiter müssen wir den erg hinab. Ummer weinerlicher wird sein Glimmen, immer einsamer, obwohl ich doch da bin. Bin ich das? Vermutlich klaffen andere Abgründe als nur Entfernung zwischen uns, auch wenn Berührungen diese kurz für nichtig erklären. Ich will nicht bergab. Unten wartet das Meer, in dem wie uns auflösen werden, oder, zumindest, das zarte blaue Leben, dass ich begleite. Aber der Wegt lässt sich nicht aufhalten, und so weine ich jetzt schon, wo wir doch noch nebeneinander hergehen. Es ist so viel, was ich dem Leben geben möchte. Wärme, Zärtlichkeit, Verständnis. Etwas weniger Einsamkeit, und vielleicht Zufriedenheit, und alles quillt aus mir und verfliegt farbig hinter uns. Alles was ich erreiche ist eine Berührung, fest, ohne Scheu, und voller Ehrlichkeit. Aber nicht mehr. Und es tut weh, den Rest nicht teilen zu können. Die Erinnerungen sterben. so schnell wie das Licht, und das zarte Leben wird so grau…Es fühlt sich so einsam, und ich vermag es nicht zu lindern, so nah ich auch bleibe. Aber das weiß ich noch nicht. Ich glaube noch an meine Nützlichkeit.

Dann erreichen wir das Meer, und unaufhaltsam strebt das zarte Leben hinein, strebt weiter, und fühlt sich so einsam. Es bricht mir das Herz, ich kann es doch nicht allein lassen. Fest packe ich es und werfe mich mit ihm in die Flut.

Sofort spült das Wasser das zarte Leben aus meiner Hand, dass kaum noch existierte, und ein reißender gewaltiger Strudel wirft uns auseinander. So wie wir das Meer betreten werden wir getrennt und lösen uns langsam auf. Ich spüre wie das Meer durch mich hindurchspült, etwas blaues, noch kräftiges, aus mir mir herausträgt und zerreißt, in tausend Stücke, die in tanzenden Wirbeln auseinanderstieben. Kurz fühle ich mich riesig.Ich bin ganz das Meer, das zarte Leben gibt es schon lange nicht mehr. Dann zerreißt das Netz, das die Teile noch verbunden hielt. Und alles wird grau, entfernt, stumpf, bis es verschwindet. Ich verschwinde. Und kurz bevor ich aufhöre zu existieren, bemerke ich die Nutzlosigkeit des Opfers. Und Bedauern flammt auf, bevor das Nichts mich ver…

Konrad Schulze

Es ist eine kleine Gewissheit. Sie setzt sich von oben auf mich, und es fühlt sich so an, als wäre es auf die Nase. Sie kam herabgeschwebt, schon oft, und verfehlte mich wohl. Vielleicht bewege ich mich zu schnell für sie. Aber jetzt, und wenn es auch nur für den Moment ist, da hat sie sich auf meine Nase gesetzt, so scheint es. Natürlich schmilzt sie dort, ihre perfekte Form kann nicht erhalten bleiben, so nah an mir. Ich bin zu warm. Ich schiele auf sie herab. Wie sie zusammenfällt und noch kleiner wird, wie sie flüssig wird, wabbert, und dann, langsam erst, meine Nase herunterläuft. Schon kann ich sie nicht sehen, nur spüren, wie sie langsam meine Haut entlangwandert, in Richtung Kinn. Einen Mund habe ich heute nicht, der sie verschlingen könnte. Keine Gier, kein Schlund, keine Wolfszähne. Es juckt, als die Gewissheit über die Stelle rinnt, wo mein Mund sonst sperrt. Die Zunge drängt sich von innen an den Tropfen, will ihn in den Rachen ziehen. Aber schon ist er vorbei, verwirrt sich im nicht geschnittetenen Bart und. Verschwindet, ehe sie vom Kinn weiter nach unten fallen kann. Sie hinterließ wohl ihre Spur, auf dem Weg über mein Gesicht, einen kleinen Graben, dessen Ränder golden schimmern. Es sieht aus, als hätte ich einen senkrechten Mund. Sehr hässlich. Aber ganz langsam bin ich geworden. Entspannt. Mit diesem senkrechten Mund, der sich nicht gierig öffnen kann, nach deinen Worten und Berührungen, und die er doch nur wild zerreißt und in Brocken herunterschlingt, anstatt sie in ein weißes Tuch zu hüllen und darauf zu schlafen. Der neue Mund gemahnt zur Ruhe. Und die wilde Zunge wird sich schon noch beruhigen, die so in ihrer Höhle herumtanzt, als wäre sie früher freier gewesen.

Wenn ich jetzt singe, dann ist es eher wie Läuten von Glocken. Klar und frei lösen sich die Töne von den senkrechten Lippen, die vibrieren und bringen die Luft zum Klingen. Golden auch. Und so perlt es aus mir heraus, viel Gewissheit, zu viel vielleicht, aber es fühlt sich so gut an. Und die Töne fliegen wie Seifenblasen von mir weg, setzen sich in die Landschaft, die aufgerissen wie mein leerer Bauch von gestern halb zerstört vor uns liegt. Und, wo sie auftreffen, da platzen sie leise, und ihre Tropfen setzen sich wie Flocken auf die zerflederten Teile. Rinnen an ihnen herab und wo sie rinnen öffnen sich senkrechte Münder und Spalten, aus denen es ebenfalls quillt. Kühl und sanft füllt sich so das ganze Bild, als wäre es in einem Aquarium, füllt sich bis zum Rand, und muss eigentlich überlaufen vor Gewissheit und zerschellen. Aber. Mit einem leisen Plopp verschwindet das Klingen, hallt aus, und mein Bauch ist wieder geschlossen. Nicht vernäht. Keine hässliche Narbe. Mein Bauch, wie er früher war, und wenn ich ihn berühre spüre ich die silberen Kugeln darin, wie sie sich drehen und sacht aneinanderstoßen und es genießen. Und ich genieße es auch. Ein intakter Bauch. Ich blicke nicht zurück in das Tal. Meine Füße lösen sich vom Boden und wie ein Tuch finde ich meinen Weg durch den Wind dahin zurück, wo ich einst herkam. Vor allzukurzer Zeit. Hinter mir schließt das Land seine Wunden von selbst, die ich ihm schlug. Das war schon immer so, und ist auch eine Gewissheit, die sich schon vor langer Zeit auf mich gesetzt hat. Dann beißt der Winter zart in meine Wange und bestreicht die Haare mir Reif.

Konrad Schulze

Und heute stehe ich noch einmal am Rand des Tals. Selbst weiß geworden, wieder. Die losen Haaren wehen im Wind wie Spinnenweben und kleben an meinem trockenen Mund, der rissig weiß in mein Gesicht gegraben ist, wo ich sonst lächle. Heute nicht. Heute öffne ich meinen Mantel, meinen Bauch, reiße ihn weit auf und lasse alles was ich darin festhielt in das Tal strömen. Eine kalte Flut aus weißen Flocken, Eis, silbern ist es auch. Alles strömt und wirbelt und reißt, und senkt sich wie eine riesige Pranke in das Tal hinein um alles unter sich zu begraben. Es ist ein Schrei, ein weiß wirbelnder, der seine kleinen Teile in Flocken von sich stößt und alles mit einer Schicht zudeckt, die das weiße Entsetzen genannt werden kann. Dabei ist es totenstill. Keine Erinnerungen graben sich aus der harten Erde um in ihre zerissenen Kleidung ein falsches Bild von der Vergangenheit zu beschwören. Verrottend. Nein. Es ist friedlich. Nur ich stehe am Rande des Tals, und lasse etwas in das Tal strömen, das aus mir kommt, weil in mir zu wenig Platz ist es zu halten.

Von oben schneit es auch, silbrig glitzernde Tränen, die sich auf meine weißen Augebrauen setzen und sacht vom nächsten Windhauch wieder hinweggetragen werden. Es gibt keine Alptraumvögel mehr, die den Rand des Tales bewachen, damit sich keine Warmen hierher verirren. Es gibt keine grazilen Wesen mehr im Tal, die sich ihre Welt schön singen und dabei nicht altern. Es gibt keine kleinen Jungen mehr, die halb erfroren am Rande des Tals gefunden werden, um das Singen zu erlernen. Nur noch der Schnee, der wirbelnd weiß das Vergessen mit dem Entsetzen vertauscht, und dabei ist es doch ganz still. Selbst der Wind hat seine Stimme abgegeben, nicht aber seine Kraft, die aus mir herausträgt, was keinen Platz mehr hat. Meine Hand, zum Wolf gekrümmt, streckt sich nach dem Tal aus, und der weißen Masse, die es verdecken wird. Ein ganzes Tal habe ich schon gefüllt, und der Winter in mir scheint immernoch hungrig. Rissig weint es aus meinen Augen, trocken, kalt, weiß, und mischt sich auf den Lippen mit dem Salz von der mühsamen Wanderung. Die Haut unter den Augen ist hellrot, der einzige Farbton im gesamten Bild, und schreiend grell übertönt er das wirbelnde Wüten im Tal. In meinem Bauch. Auf den gefrorenen Wimpern balanciert ein Wort, mit dem ich mich ausdrücken möchte. Doch da reißt es mir der Wind fort, von den weit aufgerissenen Augen, die in die Unform starren, die entsetzlich wütet. Still.

Und dann, als es mir genug Zerstörung wurde, da bin ich fortgegangen. In einen Vogel habe ich mich verwandelt, einen weißen, zerzaust und halb gerupft, die Federn am Kopf wie zum Kampf aufgerichtet, und der Wind hat mich getragen, wohin, das weiß ich nicht mehr. Ganz leer, die Brust frei von diesem Sturm, der eisig den gesamtem Platz beanspruchte, der in mir war. Ganz leer, das wäre etwas, das wünsche ich mir. Leer, um zu empfangen. Es presst sich aber mein Leben und Wollen aus mir, etwas, das ich nicht will. Und dabei entleerte ich mich doch am Talesrand, und schnitt einen Riss dahin, wo ich sonst lächle. Das Warten, das habe ich immernoch nicht gelernt. Bis ich ganz hohl und trocken beim nächsten Schritt zerspringen muss. Es drängte zu lange in mir. Ich wusste nicht, wohin. Und der aufgerissene leergestürmte Bauch ist kein schöner Anblick.

Ich sollte mich zunähen. Mich füllen mit silbernen Kugeln und darauf warten, dass ein Hirsch das Gras beiseitereißt, dass sich über mir zu einem filzigen Hut verwoben hat. Ein wenig gebende Weiblichkeit in mich lassen, um zu wachsen und zu geben, ein Mutterleib. Aber ich bin das Vatermesser, das sich selbst schnitt, weil es nichts mit seinen Gefühlen anzufangen wusste. Und so stecke ich wieder am Rande des Tals, Klinge in das Eis gerammt, und niemand kann sie lockern. Und die Welt löst sich um mich auf, bis sie nur noch aus mir besteht. Zu viel Vatermesser, wo ein wenig Mutterleib doch so von Nöten wäre. Hilflos mit sich selbst.

Konrad Schulze