March 2009
Monthly Archive
Tue 31 Mar 2009
Posted by Haselmaus under
Brasilien ,
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Und dann habe ich ohne Janus gehandelt. Warum bist du nicht gekommen, mir zu helfen. Du weißt, ich spiele und verspiele die Momente, die wie kleine Lichter zwischen den Regenvorhängen hindurch leuchteten. Noch ist nicht klar, ob verspielt oder gewonnen. Mein Kopf weint zwar, aber die schwarze Hand hat den Schrei losgelassen, der Brustkorb sich knackend geöffnet und das wilde Tier herausgelassen, das von innen an den Wänden kratzte. Warum weint aber der Kopf? Ist es Janus? Hat er etwa geliebt, er, der es nie zugeben wollte? Hat er mehr geliebt als ich? Und wenn der Kopf sich auch wehrt, da muss er lächeln. Das Bild dazu ist friedlich: unter einem gekrümmten Kiefernbaum, am Strand, hinter den ersten Dünen, da findet sich ein Laubhaufen. Friedlich, unbewegt atmet er im silbrigen Mondlicht, dass über die Kiefer auf ihn heruntertropft. Und, man sieht es nicht, man spürt es nur, unter dem Haufen schläft er. Nicht Janus. Er, der jetzt so weit ist, wie man sich nah gewesen war. Das Meer ist still. Alle Stürme liegen wohl unter dem Haufen, rasen durch ihn, fressen, und ich kann nichts mehr tun. Es ist fast eine Schuld, aber wir wissen alle, dass dieses Wort zu einfach ist. Aber, meine Hände sind endlich wieder warm, und mein Blick lebt. Ich fliege meinem Blick hinterher, nicht frei, aber leicht. Und ohne gekrümmten Rücken. Es könnte mir ein Kuss fehlen, wenn es vorher einen gegeben hätte. So aber setze ich mich neben den Laufhaufen und singe ein Schlaflied, um die Wut in Schmerz zu verwandeln. Und so grausam es klingt: Ich will dass er mich vermisst, so wie ich ihn vermisst habe. Nicht der Gerechtigkeit wegen. Denn vermutlich ist alles schon gerecht, so wie es geschieht. Er soll die Kälte schmecken, die er an die gab, die ihn liebten. Damit er dies nicht wieder tut. Kühle Morgenluft fließt in Wolken aus meinem Gesicht, und das Meer ist immer noch still.
Ich weinte nicht um die Liebe. Ich weinte um die verschenkten Möglichkeiten.
Tue 31 Mar 2009
Posted by Haselmaus under
Brasilien ,
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Ich stehe an der Bushaltestelle und möchte nach Janus schreien, aber es antwortet niemand. Es regnet nur. Von mir weg, klar. Ich werde nicht nass. Der Regen scheint jeden Laut zu schlucken. Die langsam an mir vorbeischwebenden Regenschirme, schwarz, sind auf jeden Fall geräuschlos. Sie berühren sich nicht. Die Schirme. Obwohl sie so gern würden, das sieht man ihnen an. Jedoch, sie drehen sich sacht auf ihrem Weg aneinander vorbei, während der frische Regen silbrig von ihren Ecken tropft. Als würde ich lächeln.
Es ist heiß. von der Straße dampft es warm an mir herauf, der ich trocken im Regen versuche zu schreien. Und zu allem Übel scheint auch noch die Sonne, golden und schräg durch die Bäume hindurch. Der Bus kommt. Hält. Eine bleiche, schmale Hand entrollt sich aus der geöffneten Tür und streckt sich mir entgegen. Eine Einladung! Die schmalen Fingernägel leuchten milchig aus der Haut und versprechen Ruhe oder Verderbnis. So stehe ich vor ihm. Nicht zugreifen, nicht davonlaufen kann ich, und nicht hier bleiben, soviel weiß ich. Aber das goldene Licht blendet und fast berühren sich die friedlichen Schirme und, und, und…. Und der Bus fährt. Ich schaue ihm nicht nach, das Hier ist mir schon wieder zu viel, das mich aufhielt auf den Bus zu springen. War sie nicht schön die Hand? War es nicht schön, hier? Bevor ich mich entschied zu bleiben. Durch die Füße ist mir eine Kralle in den Bauch gewachsen, die ich mir schwarz vorstelle. Dort hat sie den Schrei nach Janus gepackt. Wäre er in den Bus gestiegen? Jetzt, wo er schweigt, weil ich nicht mehr rufen kann, da ist mir als wäre er nie da gewesen. Zweifel wachsen wie hellgrünes Schilf aus den sich füllenden Pfützen und glänzen angenehm in der Sonne. Zweifel an mir, an ihm, und letztlich am Bus. Ich bin immer noch trocken, und um mich dampft es warm aus den Schilfinseln.
Ich kann mich so nicht bewegen. Liefe ich los, ich risse mir den Schrei aus dem Unterleib, der doch dort fest gewachsen ist. Und dabei ist es hier so wunderbar, dass keiner versteht, warum der Bus überhaupt regelmäßig vorbei fährt, wo alles was man zur Zufriedenheit braucht doch nur dies ist: gelassen hier zu bleiben, die Sonne und den Regen beobachten, und dann und wann genießen, wenn sich die Schirme zufällig berühren. Aber ich vergaß, ich bin nicht gelassen.
Heute fliehen wir! Aber ich habe schnell erkannt, die gemeinsame Flucht ist das Bleiben, das man bekämpft wie einen lästigen Schwarm. Ich sehne mich nach einer goldenen Sichel, den Zweifel niedrig zu halten, der die grauen Häuser schon zuwuchert, vor denen ich warte. Aber als ich sie mir so stark wünsche, dass sie tatsächlich in meiner Hand auftaucht, da ist das Gemäuer schon so porös, dass ich alles einreißen würde. Dort, an der Bushaltestelle. Und dann fällt es mir ein. Es ist das warten, dass ich nicht ertrage, wie ich mich auch entscheide.
Konrad Schulze
Fri 20 Mar 2009
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Ich sitze in einer Höhle. Es gibt kein Licht. Trotzdem sieht man alles, die Wände, den Boden, mich. Alles ist rötlich, warm. Blutig? Es gibt nichts, was ich betrachten könnte. Die Höhle ist ein hohles Ei, in der ich herumkriechen kann, um verschiedene Orte zuweilen mit mir zu füllen, aber das füllte die Höhle keineswegs. Und nach langer Zeit mit geschossenen Augen, als dies so langweilig geworden war, dass meine Augen sich von selbst öffneten, um etwas neues zu sehen, da entdeckte ich nur mich. Und da, im rötlichen Ton, in sämtlichen Positionen in denen man Zeit in einer leeren Höhle verbringt, da fand ich mich doch recht unpassend. Nicht in der Höhle, vielmehr allgemein. Es war auch nicht so, dass es an mir etwas besonderes gab, was nicht zum Rest passte, und was mich von einer vermeintlichen Masse abgesondert hätte. Nicht im positiven wie im negativen Sinne. Ich passte nicht, oder, vielleicht ist es so klarer: ich wollte mich nicht. Aber auch das ist gelogen. Klar wünschte ich mir mehr Haare, zumindest aus einigen Blickwinkeln heraus, und ich hätte gern ein wenig mehr dies und weniger das. Mehr Mut. Weniger Zweifel. Aber in allem mochte ich mich schon, wie ich mich da so in der Höhle sah. Nur eben. Vielleicht mochte ich nicht, was ich in den letzten Jahren anstrebte zu sein, wohin ich gerade wuchs, und auch davon mochte ich eigentlich das meiste. Aber gerade in diesem Moment, als ich nach langer Zeit die Augen öffnete, da musste ich weinen. Künstlicher Wind blies mir ins Gesicht, ich hielt die Hände davor und an den Unterarmen liefen die heimlichen Tränen herab. Und dann, dan den Tränen, kam die Gewissheit, dass ich so nicht sein wollte. Nun aber konnte ich, und das war auch gut so, für die Welt wie für mich, mich nicht zurückändern, in etwas was ich vielleicht nie war, aber mir gewesen zu sein wünschte, und zu etwas hinändern, dass ich schon überwunden hatte, eigentlich, bevor ich mich ansah, das ging auch nicht. Logisch. Also schaute ich weiter, rötlich, schaute mich an, und weinte nicht mehr. Es war etwas an mir, unpassend und überflüssig für meinen Geschmack, eine Offensichtlichkeit, der ich hinterhergestrebt, früher. Und plötzlich, endlich offensichtlich offensichtlich, wurde es mir fad. Nun, in der Höhle, konnte der nächste Schritt geschehen.
Konrad Schulze
Fri 20 Mar 2009
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Und wenn es der Wille ist, der die Welt verändert, gerade so wie sie behaupten? Der Wille und eine gute Gesinnung, die wie ein Schutzschild um mich leuchten, und jeden vertreiben, der lügt und nichtiger Gesinnung durch die gleichen dunklen Gassen schreitet wie ich. Die Stadt besteht daraus. Komplett. Riesige Häuser spannen sich wie Segel zwischen die Sonne und mich. Es mutet an wie auf dem Meeresgrund, die krustigen Steine, die sich zu Straßen finden, an denen die Reste von Passanten und Gemüse kleben. Und, ich möchte mich nicht als Perle bezeichnen, weil das wäre komplexbehaftet, aber wie eine Perle rollt mein Schutzpanzer über die Reste und kein Messer kommt mir nahe. Man sagt, es sind die Augen, die halb wirr, halb stechend klar auf der Straße entlangschaben ohne etwas zu sehen. Zu oft gingen sie diesen Weg. Und die Üblen haben Angst. Sagt man. Wie lächerlich. Es gibt niemandem in diesem Wirrwarr, der ungefährlicher erscheint als ich, niemanden, der mehr zu Schandtaten einlädt. Und trotzdem. Ich gleite unberührt von den Üblen durch den Sumpf. Und wenn es der Wille ist? Das Vertrauen, sicher zu sein? Haben die anderen keinen Willen? Bitten sie um Raub und Verstümmelung? Suchen sie den Tod?
Es fällt schwer mir vorzustellen, dass sie nicht ähnliches wollen wie ich. Und dann. Darauß entsteht wohl viel Übles auf der Welt. Aus dieser Beschränktheit der Vorstellungskraft. Dennoch: Wie kann jemand derartiges wollen. Es wird ein Rätsel bleiben. Wie ich selbst. Einem Apfel gleich rolle ich durch die dreckigen Straßen, in denen nur Fleisch angeboten wird, und wundere mich, warum niemand zubeißt. Unter der roten Schale glänzt weißes Fruchtfleisch, aber vielleicht weiß das niemand.
Konrad Schulze