
Heute in der Stadt, da fragte es mich, wer in mir lebt. Ob das wirklich ich bin, dieses trotzige Kind, das aufstampft wenn es nicht bekommt was es will. Oder der traurige Baum, der sich hinter seiner Rinder versteckt um zu weinen. Und ob das lachende Gesicht, was ich so oft in die Welt strahle, zu denen gehört, die in mir leben. Das Lachen ist so schwach. Es ist so kurzweilig, so unbeständig. Wohingegen das Weinen. Das bleibt. Eine Stunde oder länger. Und wenn es geht, wenn es von meinem Gesicht verschwindet, dann lebt es in mir fort. Lebt also das Weinen in mir? Wie traurig.
In den letzten Tagen bleibst sogar die Frage neu zu formulieren. Nicht länger wer lebt in mir. Dieser Wer, er sollte schon menschlich sein, aufrecht gehen und sich artikulieren. Aber was da in mir lebt, es kriecht, wenn es sich überhaupt bewegt, und schweigt. Ein Schweigen das durch meine Haut scheint wie Winter, dass aus meinen Augen läuft und die ganze Wohnung kühl hält, so dass deren Bewohner flüchten. — Lebt das Schweigen in mir. Ich zweifle noch denn mir ist nach schreien, trampeln und Haare raufen, schon habe ich mir auf die Zunge gebissen und trinke mein salziges Blut. Mein Körper während dessen färbt sich schwarz vor Müdigkeit. Es beginnt um die Augen herum, bis die schlafenden Teile von mir abfallen, wie Asche von einem brennenden Holzscheit, und es bleibt nur zurück, was in mir lebt, was mich nicht schlafen ließ. Aber wer denkt, man könnte es jetzt erkennen, jetzt wo es ohne mich, freigelegt von meiner Hülle vor uns liegt, der täuscht sich. Vielmehr bin es immernoch ich, ein schleimiges, unförmiges Monstrinho das mit den Beinen strampelt und wimmert. Ich weiß nicht, ob ich ich schon einmal so benommen habe, wie ich es jetzt tue, auf dem Tisch vor uns. Und es erfüllt mich mit Scham. Meine Asche will, dass ich damit aufhöre, aber zu meinen Füßen in Häufchen hat sie keine Chance.
Ich glaube ich ignoriere mich absichtlich. Ich findet nicht statt? Wie schön wäre das jetzt. Aber was in mir lebt, das trotzige Kind Ich, was ich nicht erkennen kann und das durch meine Finger gleitet wie ein glitschiger Aal, es zerstört weiter. Mich, ihn. Uns. Wie traurig.
Konrad Schulze
Picture: http://mid0.deviantart.com
Wie ich mich fühle? Wie fühl ich mich….
Ja?
Ich weiß nicht recht… Ich…
Ja?
Mein erster Gedanke war: ein schlafendes Brot auf der Treppe.. Aber dann…
*seufz* Ja?
Nein, es ist nicht Schlaf. Es ist etwas anderes. Kennst du das? Man tanzt wie wild durchs Zimmer, aber in einem, da tanzt es nicht?… Da tanzt das Nichts…
Ha, bestimmt nicht. Du bist so voll, in dir, dass du keinen Platz mehr findest, in dir, um zu tanzen.
Hm, Ja. Genau das ist es…
…von wegen Nichts…
Es ist, als würde ich am Fenster stehen und durch die Nacht hindurch auf das Meer schauen. Es ist warm. Doch die Musik spricht kühl zu meinem Rücken.
Ich dachte du tanzt.
Ich tanze doch! Gleichzeitig.
Wer tanzt, ist froh!
Das ist es eben. Ich bin nicht froh.
Na also. Du fühlst dich: nicht froh. Wozu das ganze Gelaber von Brot auf der Treppe und Tanz.
Janus. Du weißt so gut wie ich, dass ich so fühle, und dass es keinesfalls ausreicht zu sagen, ich sei nicht froh. Das ist erstens nicht genug, und zweitens vielleicht sogar eine Lüge. Manchmal glaube ich, sobald man Worte denkt, lügt man. Meine Worte sagen nie das, was ich sagen will.
Hätte ich Augen, würde ich sie verdrehen. Junge. Kann es sein, dass du wieder liebst?
Niemals!
Warum nicht? Du bist wirr und fühlst mehr als du sagen kannst…
Ich bitte dich. Sag einmal wir.
Wir? WIR? Du weißt dass ich niemals liebe! Ich bin ganz Wort.
Ja, ganz Lüge. Wir, wir, wir. Wenn ich liebe, dann tust du es auch, dann fühlst du es auch, dann sprichst du es aus, als ob man es aussprechen könnte…
Genug! Genug. Ich stelle die Frage nun so, wie du es brauchst. Nicht, weil ich annähme du hättest recht. Aber um dir zu helfen spiele ich mit. Kann es sein, dass wir lieben?
Ich halte es für unwahrscheinlich. Ich halte es nicht aus. Der Schweiß stinkt auf mir und hält den Wind fern, der mir sonst immer beistand. Es ist so anders, Janus. Vormals war ich ganz warm, und weich, und offen. Und jetzt, wo ich doch so sehr will, jetzt bin ich hart und Angst. Weißt du? Eine Muschel, die vergessen hat, ob in ihr eine Perle ruht, und die Angst hat nachzuschauen. Denn vielleicht hat sie die Perle ja verloren oder verschenkt.
Junge. Komm her. Hätte ich Arme, würde ich sie um dich legen. So müssen meine Worte ausreichen, die ich dir um die Schulter legen kann.
Worte! Immer Worte. Es sind die Worte, vor denen ich Angst habe, und am meisten vor denen, die nie gesprochen werden.
Es klingt, als hättest du kein Vertrauen.
Woher nehmen? Ich will so sehr. Ich fühle mich… jetzt weiß ich wie ich mich fühle: Wie ein roter Käfer auf einer weißen, leeren Wand, die so groß ist, dass man den Boden nicht sieht. Oder ich bin zu klein. Ich krieche und krieche, um endlich der Gefahr zu entkommen, hinunterzufallen, aber ich kann den Boden nicht finden. Und vielleicht kríeche ich ja auch im Kreis…
Dreh doch das Bewusstsein.
Wenn du einen Kopf hättest, würde ich ihn jetzt schlagen. Du kannst immer alles. Deine Worte können alles. Wohingegen meine… meinen können nichts! Und wenn ich anfange zu fühlen, anstatt zu sprechen, wird alles nur schlimmer. Janus. Sprich du für mich mit ihm.
Törichtest Kind. Ich habe keinen Mund, und er… er hat keine Ohren. Und höre endlich auf, mit Freuden zu verzweifeln. Du… Kind.
Janus, du warst schon immer unverständig und wenig eine Hilfe. Ich beginne wohl besser wieder zu tanzen. Ich weiß, dann kommt der Wind und bringt mich auf andere Gedanken.
Ja, tanze und spiele, und vergiss so das Wesentliche. Das wird dir nicht helfen!
Uns! Denn du liebst mit mir! Obwohl ich nicht weiß, ob es Liebe ist. Es ist so anders… so schwierig… so..
Mein Junge. Gerade jetzt erinnere ich mich der weisen Worte einer deiner Freundinnen. Kommunikation ist ein Spiel, und wer schmollt, verliert. Also spiele! Das ist es doch, was du kannst! Spiele! Wozu brauchst du mich, wenn du spielen kannst?
Konrad Schulze (und Katrin Kamin als Freundin)
5. Der Regisseur
Alles war sehr still. Auf den Bänken saßen Steine, einige schliefen, andere atmeten nur, ohne Erinnerung und, natürlich nur scheinbar, ohne Zukunft. Sie saßen da, und Moos kroch durch die Fenster und Türen, um auf dem Rücken der Steine auszuruhen. Zehn Jahre. Bewegungslos starrten sie auf die Bühne, auf der nichts geschah. sie war keinesfalls leer. Zwei Menschen mühten sich auf ihr ab, wirklich, aber auch ihre Haut schien schon grau und unbeweglich. Sie sprachen, immer und immer wieder die gleichen Worte, bis deren Sinn verschwamm und eine Pfütze zu deren Füßen bildete. Und immernoch wiederholten sie die Buchstabenketten, die sich wie Nebel im Publikum ausbreiteten, und die wenigen geöffneten Augen mit Macht zu verschließen suchte. Und erfolgreich war. Es wäre übertrieben zu sagen, die Bretter der Bühne schimmelten. Nein, die Bretter nicht. Die Steine vielleicht, schimmelten auf ihren Bänken fest, sanken halb in das Holz und schliefen an den Nachbarn gelehnt weiter. Hunger hatte sich ausgebreitet, schwappte sogar aus den Schlafenden und warf sich den Schauspielern zwischen die Beine, so dass sie stolperten, den Text vergaßen und schließlich in die Requisiten bissen. Und kein Erbarmen. Der strenge Arm, der aus der Decke ragte und der all jene bestrafte, die nicht schliefen, er drückte und quetschte die leeren Worte aus den Gauklern heraus und schmierte sie über die Bissstellen um sie zu verbergen. Die Steine schimmelten weiter, verströmten eine süsslich stinkenden Hunger, und wollte doch nur frei sein. Schließlich zündete die glatzköpfige Hand auch noch die Kältemaschine an, die eisige Luft in Würfeln auf die Füße der Schlafenden warf. Das war dann wohl doch zu viel. Gelangweilt und halb wütend sprengten die Steine die harte Schale ab, und bewegten ihr zartrose Fleisch. Die Reihen leerten sich, bis letztlich nur die zwei Puppen übrig waren, und leere Worte sabberten, bewegungslos, ausgeleert, zerdrückt, und die Hand trieb sie weiter und weiter, die Guten, die wir doch alle mal mochten. Später stürzte das Haus über ihnen zusammen, doch sie hatten nicht genug Willen übrig, es schnell zu verlassen. Im Garten lagen nun rosa Steine, die sich in der Sonne aufwärmten, und aus denen langsam ein Lachen quoll, dass sich in den Erdfurchen verteilte. Und wenn wir Glück haben wächst so ein neues Haus im Garten; wenn noch ein Samen in der Erde ruht, versteht sich.
Konrad Schulze, zu ‘Ehren’ von Paulo Cunha