November 2008
Monthly Archive
Mon 17 Nov 2008
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4. Die Werkstatt
Der Kopf ist halb geöffnet. Es scheint jemand hat vergessen ihn zu schließen, nachdem er den Kopf benutzte. Lange Zeit geschah nichts. Der Kopf war offen, und ruhte vergessen im Sand. Dann regnete es. In den Kopf hinein, ein wenig salzig, ein wenig rot, und ehe der Regen in den Kopf verschwinden konnte bildet sich ein kleiner See in der Öffnung, rotsilbrig, an dessen Grund sich schwarze Augen öffnen, wie Blüten, wachsen und zu Früchten werden, schwarz ebenfalls. Von der Sonne verbrannt? Der Prozess ist jetzt nicht mehr aufzuhalten. Dunkle Pflanzen winden sich langsam aus der Öffnung hervor und um den Kopf herum. Zuerst formen sie eine Krone, mit violetten Blüten, doch bald schon rutscht der Schmuck über die Augen und dickfleischige Blätter legen sich klebrig über die Lider. Schon kommen die Dornen aus den Ohren, platzen und werden durch neue ersetzt. Die Zunge drückt sich aus dem Mund, schwarz, von der Sonne verbrannt. An ihr hängen die Reste von verschluckten Worten, die besser gesagt hätten werden müssen. Irgendwann platzt der Kopf sicher, wenn der Baum groß genug ist, zu groß für den kleinen Kopf, der da in der Wüste vergessen wurde. Dann hängt ein Ohr oben an einem Ast, trocknet und verbrennt in der Sonne, und die Zähne ruhen weiß und immernoch frisch unter der Erde, fest in eine dicke Wurzel verbissen, ein Krampf, der keinen vernünftigen Gedanken zulässt. An einigen Ästen hängen schwarze Augen, die Blühen, springen auf, und später hängen schwarze, reife Köpfe dort, wo die Augen blühten. Schaumwein und Zärtlichkeit quillt aus den Mündern, kurz bevor sie fallen und im Sand aufspringen, halbgeöffnet aus dem Schatten der Mutter rollen und auf den Regen warten.
Jahre später findet man einen Wald schwarzer Bäume dort, wo die Wüste war, und an den Ästen hängen sabbernde Köpfe. Die einzigen Bewohner des Waldes sind faustgroße Bienen, scharlachrot, die sich von den Augen ernähren und so verhindern, dass der Boden des Waldes von schimmelnden Köpfen überquillt. Sie stechen nicht. Sie sind ganz freundlich. Aber niemand hat je herausgefunden, ob sie auch ehrlich sind.
Konrad Schulze
Mon 17 Nov 2008
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3.Auswärtsspiel
Es war eine Insel. Das habe ich erst verstanden, als ich auf sie zurückblicken konnte. Die ersten Schritte auf dem Wasser waren wackelig, schwankend. So ungewohnt. Ich wanderte nie auf dem Meer. Aber heute. Ich musste die Insel einfach verlassen. Wie ein Ring aus Eisen legte sich das Meer um meine Lunge, drückte fest zu und ließ mich nach Luft und Freiheit ringend zurück. Aber ich habe es gewagt. Ich habe das Meer betreten, und hoffte nun auf eine neue Freiheit. Drüben. Auf dem weiten Festland, dass schon immer zu mir herüberzwinkerte, nachts, wenn der Ring aus Misstrauen und Angst fast unerträglich war. Aber ich naives Kind. Seine Mutter trifft man überall auf der Welt, die Grenzen der Insel nahm ich natürlich mit, in mir, das eiserne Ring hütete mit Eifersucht mein Herz und die schwankenden, unsicheren Schritte zwangen mich fast in die Knie.
Dann kam er. Der alte Freund, mit dem ich tobend von den Bergen ins Tal gerast war, fauchend zwischen die Büsche, und der Bäume für mich ausriss, wenn meine Wut mir selbst nicht genug Kraft schenkte. Er kam von hinten, legte mir seine starken Arme um die Schultern und drückte mich vorwärts, hielt mich aufrecht. Sprengte den eisernen Ring, der mich so taumelnd ließ. Wie immer war es der Wind, der mich öffnete und die Dinge aus mir heraustrug, die mit den Tränen nicht gehen wollten. An seiner Hand glitt ich über das Wasser, mit festem Stand, ich wuchs in den Nachthimmel und Funken sprühten von meinen Haaren und aus den Augen. Ha! Welch Kraft! All die anderen, die die Inseln auch verließen, an diesem Abend, sie hatten keinen Freund. Frierend schwankten sie und fielen im Sturm, während ich zwischen ihnen hervorwuchs und auf das Festland zuschritt. Ich weiß nicht, ob überhaupt einer von ihnen das Festland erreicht hat. Während ich so voranschritt, floss die Insel aus mir heraus. Alles. Die Eifersucht, das Misstrauen, die Sehnsucht, die Traurigkeit. In einem See bunter Farben breitet sich dieser Schleim auf dem Meer aus, eine Ölspur, die ich hinter mir zurücklasse, als der Wind Hoffnung in mich füllt. Jetzt bin ich auf dem Festland angekommen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich hierbleiben soll. Ohne das offene Meer habe ich ein recht inseliges Gefühl, und die Flut hat schon all die Farben angespült. Sie liegen untem am Strand, ich kann sie von meinem Fenster aus sehen. Von der Sonne getrocknet erscheinen sie so hässlich, ich kann gar nicht hinschauen. Und ein neuer Ring ist auch schon um meine Brust gewachsen. Noch kann ich ihn mit den Händen zerreißen, aber wie lange noch? Morgen werde ich den Strand nach Überlebenden absuchen.
Konrad Schulze