October 2008


2. Der Friseursalon

Es ist ein Traum. Ein Fernsehtraum, eine Seifenblasenrealität, die sich um das alltägliche Leben geschmiegt hat, die ich nicht so recht ertragen mag. Von überall her kommt die Verwirrung, sie duftet und schallt, aber vor allem ist sie weich. Ein Handtuch, so weich, dass man darin versinkt, obwohl es nicht tief ist. Es umschmeichelt die Haut, zwar, aber mehr noch den Geist, und der vergisst darüber was er eigentlich will. Nacken und Hirn sind also in weiches Frottee gepackt, während die Locken geräuschlos zu Boden fallen. Die Luft ist erfüllt von sanften Massagen, die versprechen Schönheit und Kraft, und die massierende Hand lacht mit weit geöffnetem Mund in den Rücken des Betäubten. Und schließlich wird in Richtung des elfenbeinfarbenen Beckens geschwebt, geschoben und ein wohligweicher und frischduftender Schaumberg mit schmiegsam warmen Wasser vorsichtig vom Kopf gehoben. Darunter kommt ein in Frottee gepacktes Hirn zum Vorschein, dass sich beglückt und betört im goldumrandeten Spiegel bejubelt. Aber der dumpfen Geschmacklosigkeit nicht genug wird nun frech in fremden Privatleben geblättert, dass mehr Geld ausgeben kann, und dessen Salon so verspielt und entspannt lockt. Auf dem Heimweg bleiben rosa Wölkchen zurück, und man hat vergessen, das Handtuch vom Hirn zu heben. Schon ist es getrocknet und daran festgeklebt, und weil man es nicht mehr losbekommt vom Hirn, das Frotteehandtuch, so schlingt der nächste Zauberer ein neues darum, welches bestimmt auch wieder vergessen wird. Du meine Güte wie sie alle wieder herumlaufen, die Schönen und Dummen. Aber nein, nicht dumm, nur bruchsicher verpackt. Wer gibt dafür nicht gern sein Geld aus?

So sehr ich es aus versuche, beim Stich in die Seifenblase zerplatzt nichts, und ich bleibe lächerlich zurück. Eine riesen Nadeln in der Hand, mit der ich wild in der Luft herumstochere. Die Nadel habe ich aus dem kleinen Laden an der Ecke, wo eine alte Frau auf hartgewaschenen aber sauberen Handtüchern Fingernägel lackiert und dabei aus fremden Leben schwätzt. Dem Laden fehlt eine Tür, und das Becken hat einen Sprung. So gelang es mir die enorme Haarnadel zu entwenden, hierher zurükzukehren und wild zuzustechen. So viel Gewalt, werdet ihr sagen, aber ist es nicht gerechte Empörung? Der Versuch, den Film abzuschalten, endet also in der Erkenntnis, dass dies kein Film ist. Aber was dann. Die Haarnadel betrachtend gehe ich durch die Straßen einer Stadt. Eine Filmstadt im Kopf, eine schmutzige Stadt um mich herum, bleibt eine Frage zurück. Schafft Realität Filme oder sind es die Filme, die die Realität erschaffen?

Konrad Schulze

1. Der Garten

Ich würde gern das Bild eines Waldes bemühen, aber es ist mehr ein Garten. Es sind noch keine Bäume, mit tiefen Wurzeln und einer starken Rinde. Vielmehr sind es Blumen. Ob sie schön sind oder nicht vermag ich nicht zu entscheiden. Ich verbrachte schon so viel Zeit damit, sie zu betrachten. Und wahrhaftig, in der Sonne glänzen und brillieren sie, schillernd, und der Wind reißt das Lächeln von ihren Lippen so dass die ganze Stadt danach stinkt. Aber genügt das denn. So wie sie wachsen, wuchern, schön und hässlich, wandern die Zähne aus ihrem Mund und verteilen sich auf der Haut. Eine Berührung ist gefährlich, eine Umarmung aber? Und sie lieben es, sich zu umarmen. Sich und mich. Jedoch, es klingt seltsam, ich weiß, wo sich die Zähne in meine Haut bohren, entstehen keine Wunden. Kein Blut, keine Träne, kein Schmerz. Später vielleicht Tränen. Drinnen im Haus, zwischen den kalten Fliesen des engen Badezimmers. Aber nicht immer. Und wenn, dann versteht niemand warum. Auch ich nicht. Also scherzen die Blumen weiter. Ich glaube aber dass sie sich in der Nacht verstecken. Ihre Haut ist zu dünn, sie sind keine Bäume. Aber ich bin nicht sicher. Ich verstecke mich ja selbst, zwischen dem Mond und dem Meer, und der Garten liegt brach. Heißes, scharfes Öl quillt aus den Furchen der Erde, dampft und bildet kleine Teiche, die meine Füße fritierten, traute ich mich aus dem Badezimmer heraus. Ich fühle mich wie eine Krabbe im Blumenladen. Die Zähne der Blumen bohren Löcher in meinen Panzer, aus denen könnten Blüten sprießen, wenn ich einen Weg in das Öl fände.

Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, was ich eben gesagt habe, dann kommt es mir fast so vor, als wären die Blumen hässlich. Aber, vielleicht sind es eher meine Gedanken, und ich sollte mich schämen. Sicherlich ist es so, es muss so sein, bin ich doch ein Schatten aus dem Wald, der sich in einen Garten verirrt hat, und dort bemerkt, dass er nicht tanzen kann.

Konrad Schulze