September 2008
Monthly Archive
Sun 14 Sep 2008
Er kann sich nicht erinnern, wann er angefangen hat zu denken. Es war lange, bevor die erste Bewegung kam, und er vermutet auch, lange vor der ersten Erinnerung. Der erste Gedanke, der so groß war, Spuren zu hinterlassen, kann nicht der allererste Gedanke gewesen sein. Nur, als er dies dachte, da waren die Erinnerungen schon zu zahlreich, um Erinnerungen zu bleiben.
Irgendwann rief eine Stimme. Klar und gerade zog der Ton von einem Ende des Meeres zum anderen, durchstieß jeden Kopf und natürlich auch seine harte, weiße Schale. Sie hatte ihn beschützt! Sie hatte ihn behindert. Keine Bewegung war möglich, und seine Tage am Meeresgrund waren eintönig. Doch jetzt, wo die Schale durchdrungen war, wo seine Gedanken langsam in seine Arme kriechen konnten wir Ameisen, jetzt sollte auch eine Bewegung folgen. So klein und langsam, dass selbst er die erste Bewegung nicht bemerkte, rührte sich ein Finger. Später sollten sie Spuren in den Sand ritzen, wo er sich langsam entlangschob, doch, vorerst lösten sie keine Wellen aus. Und so verstrichen die Jahre. Die Bewegungen wuchsen, die Wellen auch, bis nach sechs Jahren die Spannung so groß war, dass er sich mit einem Ruck aus den Felsen löste, die sich mit der Zeit um ihn gebildet hatten. Die Zeit der Wanderschaft konnte beginnen, und man kann sich lebhaft vorstellen, wie er von Mund zu Mund wanderte, um die sechs Jahre wieder aufzuholen, aber dem war nicht so. Mühsam schob er sich über den Meeresgrund, so dass die Schale schrill über die Steine schabte, und ignorierte jeden Mund, der sich ihm bot. Vielleicht nahm er auch jeden, und die Erinnerungen an die Münder sind nun ein Knoten, den er nicht betritt. Wie auch immer. Er nimmt nichts mit, aus dieser Zeit, außer sich die Schale vom Leib zu schleifen, und in allen vier Ecken des Meeres Salz zu probieren. Nicht schwer im Meer, werdet ihr sagen, aber ihr vergesst die Reise. So langsam zog er sich über den Meeresgrund, dass ihn jede Stimme überholen konnte, ganz leicht, und niemand mehr nach ihm rief.
Blieb letztlich nur der Kinderwunsch, der ihn wild in den Sand trieb, und ein Kind aus Wasser gebären ließ, dass in seinen Armen trieb, bis auch der Wunsch von ihm gestriffen wurde, das letzte Stück Schale. Nun kann er frei über den Meeresgrund schweben, könnte, wenn er nicht wüsste, dass jeder Schritt auf feinen Sand gesetzt wird. Feiner Sand, Kalk, der aus harten Schalen geschliffen wurde.
Konrad Schulze
picture: http://yaoisy.deviantart.com
Wed 10 Sep 2008
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Ich bin versucht folgendes zu denken:
Diese Stadt kriecht in mich hinein. Dabei stimmt das nicht. Vielmehr kriecht sie aus mir heraus. Wenn ich nachts die Hand auf den Bauch lege, dann fühle ich zwei Dinge: Zuerst ist da die Atmung. Sie lebt in mir wie ein Tier, wölbt mit der Kraft eines Gefangenen eine Höhle hinein und jedes Mal fühlt es sich an, als könnte sie sich diesmal mit einem kräftigen Knall befreien. Dann fällt alles in sich zusammen, und für kurze Zeit ist ein Loch da, wo ich sein sollte. Aus dem Loch wachsen Bewegungen, aber ich denke sie nur. Es ist ja Nacht.
Aus dem Loch wächst auch die Stadt. Sie schiebt sich langsam in mir Richtung Kopf, durchbohrt den Magen, die Lunge, das Herz, und sie würde meinen Hals aufreißen, wäre ich nicht völlig entspannt, und ließe die Stadt passieren. Eine hohle Röhre ist sie, die aus meinem weit aufgerissenem Mund schaut, und den Weg für Licht und Luft frei hält, bis in den unteren Bauch hinein. Und endlich kann das tiefe U im Bauch vibrieren, sich die Röhre hinaufschrauben und mitten im Raum platziert werden. Dort vibriert es allein, man kann es sehen. Aus meinem Bauch gezogen, durch die Stadt geschleudert und zum Trocknen auf die Fensterbank gelegt, stinkt es leicht. Das kann zwei Gründe haben. Ich oder die Stadt. Aber damit höre ich auf. Wie vor der Ankunft beschlossen. Es gibt kein oder mehr, das aus mir kommt. Das oder findet mich von selbst. Vorerst ist es aber eingeschlossen, in einer Kuppel unter der Wohlstand glänzt, und genießt dort ein Leben.
Konrad Schulze
Wed 10 Sep 2008
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Es war ein schöner Tag, als ich dem Hass begegnen musste. Es war, zum Glück, nicht meiner. Ihm möchte ich nie begegnen. Will ich doch mein Fleisch bewahren. Doch hört.
Die Sonne schien heiß auf das Blechdach des Omnibusses, wie jeden Tag, und die Fenster waren noch geöffnet, so dass der Fahrtwind herein wirbeln konnte, bevor der Schweiß der Menschen von der Luft Besitz ergriff. Ein Mann, blind, sang. Der Rest schwieg. Hinter dem Bus hing eine Fahne farbiger Gedanken, ein Gedanke pro Fahrgast, damit bezahlt man hier. Dazwischen Seifenblasen, da einer träumte. Die Fahrt führt zwischen zerfallenen Häusern entlang, die nackt und leergebrannt in die Sonne ragen, und aus denen jeden Tag trotzdem die bunte Masse quillt, die farbig hinter den Bussen herweht. Es gibt keinen Platz auf der Straße, wo niemand ist. Die Menschen fließen ineinander und übereinander und branden gegen die offenen Läden und Kirchen. Doch da. Das Auge bleibt an einem Ort hängen, unbewusst, der anders ist. Leer. Der Fluss teilt sich und fließt wenig später wieder zusammen. Ein kleiner Platz ohne Menschen, nur SIE steht in der Mitte. Noch ist sie ein Mensch. Aber ihr Körper verrät sie: bald wird sie zerreißen. Schau, schon bückt sie sich, greift einen faustgroßen Stein und schleudert ihn mit unbändiger Kraft dem Bus entgegen. Der Stein bohrt sich krachend ins rostige Blech, ehe er auf die Straße zurückfällt. Der Vorfall ist nicht beunruhigend. Im Bus verändert sich fast nichts. Ein paar Fenster werden geschlossen, keinesfalls alle. Es riecht dezent nach Schweiß.
Beunruhigend ist vielmehr sie. Schon die Bewegung, den Stein zu greifen, mutet fast tierisch an, doch als sie sich aufzurichten versucht, gelang es ihr nicht mehr. Der Hass hatte ihren Rücken gekrümmt, um Kraft in den Stein fließen zu lassen. Vorgebeut stand sie nun da, die Hand vom Wurf noch mit abgespreizten Fingern in Richtung Bus gestreckt, wie zum Fluch. Ihre Augen schimmern wie goldenen Kohlen, sie sind in den Kopf zurückgesunken, und aus den tiefen Höhlen kriechen Schatten auf das Gesicht, von dem sich langsam die Haut löst wie welkes Laub. Auch von den Beinen, den Armen, fällt das Fleisch, und ihre Knochen glänzen matt in der Sonne. Schon sieht man ihre Zähne durch ein Loch in der Wange. Die Haare sind schwarzes Stroh, das wild an ihr herunterwächst. Über fleischlose Schultern. Der Blick bohrt sich in den Bus, und anders als der Stein, durchdringt er die rostige Schale und zerfetzt zahlreiche Sitzpolster auf der Suche nach Totem, dass es zu wecken gilt. Auch noch, als der Bus sie schon längst hinter sich gelassen hat. Der Blinde bittet um Geld für sein Lied. Etwas zu geben wird den Hass vertreiben, zumindest vorerst, hier im Bus. Und wirklich. An der nächsten Haltestelle springt er aus dem Bus, auf die Straße wie eine dünne Spinne, und verschwindet in den Hütten hinter dem Müll.
Konrad Schulze