August 2008


Man kann sagen, dass das Zimmer ganz still ist. Relativ. Diese Stille ist nicht dumpf. Sie öffnet keine Türen, durch die schattige Vergangenheit hereinkriechen könnte, bis der letzte Tropfen Luft aus dem Zimmer gepresst wurde. Nein. Dies ist keine wiederkehrende Stille die beißt, und deren Gift lähmt. Eigentlich, wenn man es betrachtet wie immer, dann ist es laut. Aber dann: es ist nicht immer.

Alles passt. Nacht, Sterne, blinkende Boote, die sich im Meer spiegeln, und ein gefährliches Knurren aus dem Magen der Stadt lassen sich nur mit einem Wort beschreiben. Es ist still. Jemand liegt auf dem Bett. Ausgebreitet wie Damast aus dem Orient, die Augen spiegeln die klare Nacht. Niemand weiß, wer er ist. Auch er selbst scheint es nicht zu wissen, so antwortet er auf jede Frage nur mit einem freundlichen Aufblitzen der Augen. Er atmet die Stille. Wie man sieht. Weiß quillt sie kurz vor den Ohren aus dem Kopf, als wäre er ein Fisch mit Kiemen. Weiße, gesäuberte, verbrauchte Stille. Sie sickert schon aus seinem Bett, wie Milch, tropft ab und zu in eine wachsende Pfütze und sammelt dabei Geräusche. Über ihm schwebt ein Tier. Ohne Fell, ohne Zähne, aber wild und gefährlich. Wenn du nicht aufpasst, hat es dich schneller gefangen als dir lieb ist. Es peitscht und ist unruhig. Vielleicht liegt es daran, dass der Junge und das Tier nicht mehr zusammenpassen. Früher kannten sie sich gut. Einmal tief eingeatmet, wusste der Junge: das Tier ist da, es lebt, verteilt sich im Raum um andere Jungen zu fangen. Jetzt ragt es bedrohlich über ihm auf, ein fast durchsichtiger Berg, der leicht bebt. Es ist wilder. Es hört nicht mehr auf ihn, der da ausgebreitet auf dem Bett zuschaut, wen das Tier alles fängt, beißt, bluten lässt und tötet. Und er weiß nicht, ob er um die Männer weinen soll, ober ob er mit zubeißt, seine Augen und Zähne in den armen Geschöpfen verbohrt bis diese verbraucht und farblos aus seinen Kiemen quellen.  Also bleibt er liegen, wie eine Falle, und schaut still in die Nacht. Um ihn regnen keine Steine. Nichts. Stille, Frieden, das Tier hockt bewegungslos auf seiner Brust und in allen Ecken des Raumes flüstert man seinen Namen.

Konrad Schulze

Überall weiße Berge. Sie wachsen, brüllen ein langsames Lied und zerfallen zu Staub, in dem die Sonne tanzen könnte. Keiner weiß, warum sie es nicht tut. Sie brennt, hoch am Himmel, ein weißes Auge, aus dem feuchte Schwüle quillt und sich wie Schaum über die Stadt legt. Die Berge wachsen und sterben. Es sind ihrer so viele an der Zahl, dass ihr Lied niemals reißt. Dazwischen spielen Vögel, ebenso weiß, die wachsen und sterben, und ihre Federn ragen schmutzig aus dem weißen Sand. Der Wind bewegt sie sanft. Würde er nur auch die Luft bewegen, die durch Fenster und Münder kriecht, so langsam, man kann sie einpacken und verschicken.

Und dann sind da noch die anderen Berge. Bunt. Sie wachsen nicht. Sie sterben nicht. Vielmehr überziehen sie die weißen Berge wie ein zuckendes Netz. Nerven, die auf jede Berührung reagieren und gefährlich zu summen beginnen. Es könnte ein Herz sein, breit gelaufen und zäh auf dem Körper verteilt, pulsiert es dennoch weiter. Die Busse fahren einfach darüber hinweg, reißen Löcher in die bunte Masse bis schaumiges Rot von ihren Reifen spritzt. Das Herz jedoch schließt jede Wunde binnen Sekunden. Hinter den Bussen schwappt es bunt aufeinander zu, und die Vögel nähen geschwind mit ihren scharfen Schnäbeln den Riss aufeinander.

Wenn es dann Nacht wird, dann hört man die weißen Berge nicht mehr. Das Herz schwillt an, sein Schlag übertönt das gebrüllte Lied, und bunte Lichter schwimmen vereinzelt im Gebirge wie Boote auf einem Meer. Der Versuch, davon ein Bild zu machen, misslingt. Man bekommt Lust, eine Angel in das Gebirge zu werfen, darin herumzustochern und nach Perlen zu tauchen, bunte Fische hervor zuziehen und sie von den scharfen Schnäbeln zusammennähen zu lassen. Doch dann kommt das Lied zurück, rollt heran wie ein Donner, und der nackte Fuß flieht das Wasser.

Konrad Schulze

Antes de falamos de uma pessoa, devemos considerar três coisas:

a) Verdade - tenho certeza que algo é verdadeiro?

b) Bondade - Gostaria que dissessem a mesma coisa de você?

c) Necessidade - Serà que é necessário en contar isso?

Dona Geraldina - Fantasma no Predio 124, Apartamento 501, Areal de Cima, Dois de Julho

Ich sehe in die Zukunft, und da ist ein Sprung. Zehen sind da, die klammern sich in harten Stein, bis sie weiß werden, und keiner erkennt was sie fühlen. Irgendwann drücken sie, stoßen den orientierungslosen Körper in irgendeine Richtung davon, hinaus, auf die glitzernde Fläche, die zwei Augen blendet. Es lässt keine Blicke darunter. Es ist ein langer Sprung. Die Zeit sprang mit mir, hat sich in meine Armbeuge gekuschelt und hindert Erinnerungen daran, meine Haut zu bevölkern. Keiner weiß wie lange es dauern wird. Beim eintauchen in die Kühle streift es die Zeit von mir. Sie schwimmt oben, auf der glitzernden Fläche, und der Körper treibt vom Schwung getrieben durch das Wasser. Tiefer. Eiskalt umgibt ihn das Meer, eine Faust, die alles auswringt, was trocken gewesen. Es ist nicht direkt Schmerz, der Schrei jedoch lässt goldene Blasen entstehen, die jetzt schon vor meinen Augen zurück in die Zeit aufsteigen, um an ihr zu zerplatzen. Ohne Zeit braucht es auch keine Luft, und mit bläulichen Lippen schwebe ich im eisigen Wasser. Die Lippen lösen sich von dem Gesicht, tasten als bläuliche Tentakel nach dem Meeresgrund um sich dort zu verankern. Über all aus der Haut, meiner Haut, sprießen haarfeine, blaue Tentakel hervor, die durch das Wasser tasten bis sie an das Glas stoßen, in das Meer gefangen sitzt. Ringsum Gesichter, die interessiert beobachten, wie die Tentakel blaues Netz spannen, dass ich selbst als fleischige Spinne bewohne, leblos zwar, wenn das Lächeln nicht wäre, dass blau Zähne entblößt. Ist es die Hoffnung, die da mit blauen Tentakeln die Grenzen des Meeres abtastet? Ich blicke in die Zukunft, und das Goldfischglas lacht, gekitzelt von kaum spürbaren Berührungen. Dann zerspringt es.

Konrad Schulze