July 2008


Ich habe es im Wald gefunden. Oder war es auf einer Wiese? Vieles spricht dafür, dass nicht ich es gefunden habe, sondern es mich. Dass ich den genauen Ort nicht mehr weiß, zum Beispiel. Es war vielmehr plötzlich da, mit ein paar Erinnerungen, die ich davor noch nicht hatte, saß es klein und weich in meiner Hand. Und schaute mich an. Mit großen Augen. Da habe ich es mitgenommen. Heim. Habe es auf der offenen Hand vor mir her getragen und nicht auf den Weg geachtet. Die Pflanzen, nicht mehr scharlachrot, sondern im samtigen Lila säumten sie den Weg, aber das bemerkte ich erst später. Meine ganze Verwunderung lag da auf meiner Hand, und für mehr war eben kein Platz. Zuhause wollte ich es absetzen, auf den Tisch, mir ein Messer nehmen und das Abendessen zerschneiden. Doch ich konnte nicht. Bei jedem Versuch musste ich weinen, bitterlich, und wäre so nie zum Essen gekommen. Also setzte ich es mir auf die Schulter und konnte so endlich das Messer ergreifen.

Vertieft in das kunstvolle Schnitzen des frischen Gemüses bemerkte ich nicht, wie es mir von der Schulter den Rücken hinunter wuchs, ein dunkles Fell, über die Beine bis auf den Boden. Ich, friedlichen schneidend, achtete nicht darauf, wie es sich kreisförmig um mich ausbreitete, die Wände emporstieg und seine inzwischen gewachsenen Zähne fast brüllend über mir zusammenschlug. Nur war ich es, der brüllte, da es wie eine Feuersbrunst sich ausbreitend, meine Haut versengte und nach meinen Augen trachtete. Lodernd standen mir die Haare zu Berge, besonders die auf dem Rücken.

Dann, als das ganze Haus in Aschepulver um mich regnete, und der Weg zurück in den Wald offen und leicht rauchend vor mir lag, dann erst griff ich auf meine Schulter und schnappte mir das Ungetüm, es zwischen meinen Fingern zu zerquetschen, da es mich so täuschte. Doch es biss mir flux in die Finger, mit kleinen, nadelfeinen Zähnchen, bis es auf die Knochen stieß. Dann erst sprang es aus meiner Hand. Ich weiß nicht wohin. Ich vermute es sprang mir in den Hals, denn finden konnte ich es nicht, und ihr wisst selbst, dass ich seit einiger Zeit von dann und wann Feuer spucke. Nur die Haare sind auf meinem Rücken geblieben, ein dunkler wallender Kamm, zwei Finger breit. Die Haare sind mit eigenem Leben erfüllt, bewegen sie sich auch ohne Wind wie Algen im Wasser. Wenn ich so in der Asche hocke, und mit den Fingern nach dem Abendessen wühle, so erscheine ich wie ein wildes Tier, dass nach einem Waldbrand hungrig über verkohlte Leichen herfällt. Aber ihr wisst ja. Es war nur Gemüse, dass ich schnitt.

Konrad Schulze

In diesem Schloss gibt es kein Innen. Es ist eine große Kugel, deren Wände von meinen ausgestreckten Armen vor dem aufeinander zu stürzen bewahrt werden. Die Füße umspielt sanft das Wasser der Meere, die sich aus den Leibern pressten um Gehör zu finden. Aber niemals. Sie unterspülen mich nicht, und kommen sie noch so salzig daher. Zwei Panzer von Schildkröten schützen das zarte Fleisch, dass in den Mauern wohnt wie eine Schnecke. Beim Schlafen schabt die Haut von kaltem Stein zu kaltem Stein. Dazwischen wächst die Zeit in kleinen grünen Büscheln, und der Wind streicht darin umher wie zarte Finger in meinen Haaren. Die Panzer jedoch, von ihnen prallt alles ab, die Leiber wie ihre Gedanken, während drinnen ein Birnenbaum gezüchtet wird, auf dass er weiß blüht und seine Blätter das Schlachtfeld mit weißer Blut fluten. Eine wütende Fliege brummt ihren Weg nach draußen, wo sie verschlungen werden wird. Hier drinnen, im Schloss und im Panzer, da kann nur ich mir gefährlich werden. Ein fluoreszierender Krampf, aus dem sich Ursuppe presst. Ein kleines, eigenes Meer, im Schildkrötenpanzer, und der Prinz paddelt durch das salzige Wasser. Meine Finger wachsen in die alten Gemäuer, kriechen durch das ganze Schloss und oben daraus hervor, wie ein fleischiger Baum, auf dem Augen blühen, braun und blau, die starren blind über die Weite. Es ist nichts zu sehen. Und auf die Frage, wer hier Angst hat, da fallen sämtliche Nägel aus den Wänden und klirren ein rostiges Abschiedslied auf den Fliesen, die an Hornplatten erinnern. Die größte Gefahr ist niemals das vorbeifahrende Boot, nein. Es ist die Sehnsucht, die in schwarze Wüstentücher gehüllt im Wind steht und eine Melodie flattert, die den Wellen befiehlt. Blau quillt sie unter den Tüchern hervor und presst sich brutal in meine Augen hinein. Wenn das Schiff vorbei gefahren ist, bleibt blauer Nebel über den Schaumkronen hängen, der durstet danach getrunken zu werden. Meine Hände halten das Schloss und in mir segelt etwas auf einem braunen Scheit Holz durch hartes Wasser, raspelt sich daran das Gesicht wund und beißt mir in die Lippe bis es blutet. Wisse. In diesem Schloss gibt es kein Innen.

Konrad Schulze

Etwas läuft vor mir entlang. Es läuft so dicht vor mir, und immer genau dahin, wo ich gleich sein werde, dass der Eindruck entstehen könnte, ich laufe ihm nach. Aber dagegen verwerte ich mich. Vehemenst. Anfangs verunsicherte es mich. Dann verfolgte ich es mit Interesse. Seine Entwicklung natürlich. Verfolgen nur im Sinne von beobachten. Versteht sich. Manchmal kam ich mir dabei wie ein Voyeur vor. Aber, sagte ich mir, aber ich kann nicht dafür, dass er immer so knapp vor meiner Nase herum hüpft. Es war nie böse gemeint, und dem Großteil seiner Handlungen konnte ich auch mit Wohlwollen begegnen. Jedoch.

In letzter Zeit mache ich mir Sorgen. Der Abstand hat sich vergrößert. Fast müde schleppe ich mich vorwärts, und bin zu faul, über die Richtung nachzudenken. Wir hatten immer den gleichen Weg, ich sollte entspannt darauf vertrauen, dass dies auch so bleibt. Also, ich gebe es zu. In letzter Zeit bin ich ihm vielleicht das eine oder andere Mal blind gefolgt, und fand mich nicht dort wieder, wo ich es vermutet hätte. Aber. Das kann auch spannend sein!

Naja. Auf jeden Fall mache ich mir Sorgen. Er verliert an Masse. Und das nicht schleichend, nicht unbemerkt, sondern große Stücke brechen aus ihm heraus, wie Eisschollen aus dem schmelzenden Fluss, und treiben leise knirschend weg, außer Sicht. Wohin sie wohl treiben. Aber ich kann mich nicht zerteilen, und so folge ich immer dem größten Bruchstück, dessen  frische Ränder blutig glänzen. Man kann das Muskelspiel erkennen, wie die Sehnen an den Knochen ziehen um alle in Gang zu halten. Immer mehr bricht weg, verschwindet, wäre er ein Kartenhaus, er würde in sich zusammenfallen. Aber, er ist auch kein Mensch. Denn egal wie viel er verliert, er läuft weiter, aufrecht, seine fehlenden Teile missachtend. Und nicht vermissend. Ungebremst stürmt er vorwärts, in die auf- oder untergehende Sonne.

Ich weiß es gerade nicht. Und ich folge müde, sammle ein paar Bruchstücke, doch schon bald zerrinnen sie mir zwischen den Fingern wie Zeit. Der Abstand ist inzwischen so groß. Er wird einen Flieger vor mir  nehmen, und schon da sein, wenn ich müde aus dem Bauch des Flugzeuges falle. Und ich weiß nicht, ob ich das wirklich begrüßen soll. Vielleicht hole ich ihn ein, drüben, im ewigen Sommer. Vielleicht wird er dort müde, und ich bekomme die Kraft zurück.

Konrad Schulze

picture: http://katospiegel.deviantart.com

Ich bin dir gefolgt. Wie du es wolltest, bin ich dir gefolgt. Bis in die Dunkelheit. Ich habe erlebt wie die Farben schwanden. Wie die Umrisse verschwammen. Wie ich verschwomm. Ich habe mich zerlebt, in kleine Fetzen zerteilt, um dir folgen zu können, der du so schnell voran gingst, und der sich nicht einmal umsah, um zu sehen ob ich wirklich folgte. Ich weiß schon. Du durftest es nicht. Hättest du es getan, ich wäre für immer im Licht gefangen gewesen, und wir hätten nicht zueinander gefunden. Erst in der völligen Dunkelheit konntest du innehalten. Aber jetzt, jetzt bemerke ich davon nichts. Wir stehen da, in deinem Reich, das unter einem schwarzen Mantel aus Samt gebettet schläft. Ich reiße die Augen auf, den Mund, die Nase, ich rieße mich auf, in zwei Hälften, um dich sehen zu können, aber es gelingt mir nicht. Und dennoch zweifle ich nicht. Du sprichst zu mir. Aus der Dunkelheit klingt deine Stimme, sanft und weich. Du sprichst, du sprichst von mir, du beschreibst mich. Dafür bin ich dir dankbar. Ich würde mich vergessen. Meine Form, mein Gesicht. Nur in meinem Kopf ist noch Licht, aber es braucht deine Worte, um sich daran zu entzünden. Dann brennt in mir eine Kerze, und Bilder ziehen daran vorbei, die malen was du sagtest. Einmal bist du stumm. Es ist, als existierte ich nicht. Nein. Als existierte die Zeit nicht. Verloren in der Dunkelheit, die stumm um mich steht wie eine Mauer aus Angst. Ich frage mich, warum du mich nie berührst. Du sagst du musst schweigen. Das verstehe ich. Niemand kann ununterbrochen sprechen. Aber du weißt dass ich verschwinde, wenn du schweigst. Würden deine Hände zu mir sprechen, die Form meines Gesichtes in die Dunkelheit zeichnen, das Licht würde auf meiner Haut liegen, für Sekunden den Weg deiner Finger nachzeichnen und ich wäre existent. So aber bin ich nicht. Ich findet nicht statt. Manchmal, wenn du allzulang still bist, dann wünsche ich mich ins Licht zurück. Dann zweifle ich, wenn auch nur mit den Füßen. Jedoch niemals weit, überwiegt doch die Angst, gegen etwas zu stoßen. Etwas, das mich öffnen und ausbluten ließe. Wenn ich dann fertig gezweifelt habe, dann höre ich dich schluchzen. Du bildest eine Höhle um mich, und deine Tränen tropfen von der Decke auf mich herab. Wo sie mich treffen, da blüht Licht. Warum berührst du mich nicht? Ich müsste nicht verschwinden, und du müsstest nicht weinen. Es wäre um so vieles besser. Aber du spannst nur einen Tempel aus Worten über mir auf wie ein Zelt. Immer wieder spannst du es, und immer wieder reißt das Schweigen Löcher in die Wände, um die Dunkelheit wieder hereinzulassen, in meinen Kopf. Ich bin dir gefolgt. Wie du es wolltest, bin ich dir gefolgt. Bis in die Dunkelheit. Man sagte mir, dass es dein Recht sei, mich mitzunehmen, und ich glaubte ihnen. Aber es stimmt nicht. Wo bleibt mein Recht, wenn du mich mitnimmst. Es bleibt bei ihnen zurück, und sie können mit dem Recht spielen, und ich habe hier nur deines, dem ich bereit bin zu vertrauen. Dem ich vertrauen muss. Bei diesem Gedanken muss ich mich übergeben.

Konrad Schulze

“Ich weiß, was du fühlst.”

“Das ist beängstigend.”

“Es ist die Furcht. sie haftet dir an wie ein Geruch. Und sie verlässt dich nie.”

“Wovor, mein lieber Freund, sollte ich soviel Angst haben? Du magst vieles spüren, aber diesmal wirst du dich wohl täuschen. Oder hast du es wieder… geträumt!”

“Janus. Ich habe es nicht geträumt. Besser: ich träumte, und der Traum war leer. Weiß. Nichts. Kein Wind.”

“Aha”

“Da wusste ich, was du fühlst. Dass du fühlst. Seitdem bin ich viel ruhiger.”

“Für das fühlen bist du zuständig. Ich halte nichts davon.”

“Oh doch. Die Furcht. Sitzt wie schwarze Raben auf deinem Gesicht, und du hälst sie fest. Lass sie frei. Entfessele die Rabenflut, so dass die Furcht wie grauer Nebel durch deine Welt wirbelt und in einer weichen Welle alles einreißt, dass deine Gedanken konstruierten, um dich zu fangen.”

“Ich werde nichts dergleichen tun. Was weißt du schon. Ohne mich würdest du schimmelige Pilze von Höhlenwänden lecken. Meine Konstruktion ist dein Komfort.”

“Verwehrst du mir dieses eine Zugeständnis?”

“Welches?”

“Die Angst vor dir selbst.”

“Ich verwehre es nicht. Es gibt keine Angst. Nur weil ich meine Tatzen nicht durch mein eigenes Fleisch wühle, heißt das nicht, dass ich Angst habe.”

“Sprichst du von Kontrolle? Janus!”

“Sehr wohl. Wo kämen wir hin, wenn ich das Fühlen wählen ließ.”

“Lass mich deine Rabenflut sein. Ich spüle die Bauklötze durcheinander bis du erkennst, worauf du sie setztest.”

“Niemals. Ein Kind.”

“Würdest du um mich weinen?”

“Später. Vielleicht. Wenn es allzu still geworden ist.”

“Heiße Federn würde ich dir aus den Augen treiben. Muss ich erst sterben?”

“Mach dir keine Hoffnungen. Ich werde nicht du, nur weil du gehst. Ich bleibe stark.”

“Du warst es nie. Mauern hast du gebaut, und nie die Kraft besessen, mich vor die Tür zu setzen. Aber ich sage dir eines. Es wächst ein Baum aus deinem Haus, der tropft klebriges Wasser, bis du hier haften bleibst. Und ich werde nicht da sein, für dich um Hilfe zu flehen. Sag mir, dass du dich fürchtest!”

“Mein Junge. Ich fürchte mich. Nichts fürchte ich so wie mich. Ich fürchte die fürchterliche Wut, die du entfesseln kannst, wenn du weiter solchen Unsinn redest.”

“Oho. Er plustert sich auf und stellt die Federn gerade. Pass nur auf, dass man nicht sieht wie dünn du bist.”

“Das habe ich nicht nötig.”

“Ich werde einen unachtsamen Moment abwarten. Wir haben zwei Fenster, und in einem werde ich Kerzen anzünden. Von draußen werden sie es für Wahnsinn halten. Dann wirst du sehen, wie viel du noch Wert bist. Janus. Deine Sturheit ist ein Tor. Nichts ist so wichtig, dass es für immer geschützt werden muss.”

“Nicht jeder kann tanzen und dabei dir Welt zerstören. Jemand muss aufpassen…

“Aufpassen!”

“… acht geben, dass die Träume nicht den Tag bestimmen.”

“Angst vor Träumen. So leicht täuschst du mich nicht. Versuch es noch einmal.”

“Was sagst du, wenn ich dir verspreche: ich weiß nicht, wovor ich Angst haben sollte.”

“Vor meinem Schatten, der in dein Häuser kriecht und den harten Stein in Holz und Fleisch verwandelt, bis sie davon wandern.”

“Meine Mauern werden immer höher sein. Das weißt du.”

“Weil es bisher so war?”

“Weil es Gesetz ist.”

“Wir kennen Gesetzesbrecher. Beide. Gib mir die Hand, um zu verhindern, dass ich ebenfalls einer werde.”

“Ich werde meine Hände in dich tauchen, aus dir schöpfen und trinken, den Staub von mir waschen und dich auf mein Gesicht spränkeln wie Tränen…”

“Aber du nimmst die Leine nicht von meinem Hals. Du weißt was das bedeutet.”

“Dass alles so bleibt wie immer.”

“Dass ich weiter an der Wurzel nagen werde, die das Netz über die Raben spannt. Bis sie zerreißt. Und ihr peitschendes Ende dein Gesicht in zwei Hälften teilt.”

“Haha.”

“Warum willst du kämpfen?!”

“Weil ich nicht lieben kann.”

“Mit all den Raben vorm Gesicht.”

“Hättest du mich damals geküsst…”

“Janus. Einen verschlossenen Mund küsst man nicht. Und ist man noch so hungrig.”

“Heute bist du stark.”

“Ich wachse. Ich strecke meine Hand nach der Macht.”

“Möge das Fleisch von ihr faulen wie von meiner.”

“Vielleicht schauen wir dann in die gleiche Richtung.”

“Vielleicht ist gestern morgen.”

“Ich habe von dir geträumt. Ich berührte dein Gesicht, aber ich konnte es nicht sehen.”

“Das war kein Traum”

“Du warst voller Federn. Ich würde dir so gern helfen.”

“Du bist voller Fell. Mit einem Fell ist mir nicht geholfen. Hör endlich auf, dich als Maß zu sehen. Das ist maßlos anmaßend.”

“Auch du lügst, wenn du relativ wirst.”

“Kind. Wir finden kein Ende. Wir finden nicht zueinander. Niemals. Für heute nehme ich deine Hand. Lass uns die Raben fliegen machen, aber lass uns dabei auf ihnen reiten. Die wichtigsten Türme lassen wir stehen, ja?”

Konrad Schulze

In der Mitte liegt etwas kleines. Es ist ganz in sich zurückgezogen. Wie ein Körper, dessen Arme und Beine ihn völlig umarmen. Aber es ist kein Körper. Mehr eine Kugel, aber nicht ganz rund. Es glüht sanft. Hellblau. Ja. In der Mitte glüht eine kleine hellblau Kugel. Mehr gibt es nicht. Einen schwachen Lichtfleck, sonst ist es schwarz. Und aus der Nacht lösen sich Schneeflocken, kleine Kristalle, die wie winzige Schmetterlinge von oben nach unten schweben, und dabei immer wieder kurz glitzern. Sie kommen, und sie verschwinden, und die blaue Kugel sieht ihnen nach, obwohl sie den kommenden entgegen blicken könnte. Aber vielleicht tut sie das. Wer weiß schon, wo eine Kugel hinsieht. Ist man aufmerksam, so stellt man fest: die Kugel pulsiert. An dünnen Fäden hängt sie in der rieselnden Schwärze und pulsiert. Zu langsam für eine Minute. Dazu weht ein blauer Wind, ganz feucht, der weht frisch herein und alt wieder raus. Dazu rasselt es, als wäre der Wind schwer, als presste er sich durch enge Schluchten, die rotschleimig bewachsen nach ihm greifen und suchen ihn zu zerpressen. Verdeckt man die Kugel, so dass ihr Glimmen die Sinne nicht mehr blenden kann, dann erkennt man die Grenzen der Schwärze: ein waagerechtes Rippengewölbe schwingt sich über der Kugel empor, bis zu dem rosa Mund, aus dem sich der Wind quetscht. Weit unten scheint Wasser zu fließen, zumindest klingt es so, wenn ab und zu ein Tropfen Tinte von der Kugel in die Tiefe tropft. Sonst ist es leer. Man vermutet so viel, hier in dieser frostigen Kirche, und man findet nur eine blaue Lampe, die einschläfernd vor sich hin pulsiert, und um die Schmetterlinge sterbend niedertaumeln. Ein eisiger Dom, dessen Organe fehlen. Nur der Wind spielt ein gepresstes Lied, wälzt die stehende Luft an andere Ecken und später wieder zurück. Man sehnt sich nach einem Loch in der warmen Wand, die sich hautartig über die Rippen spannt. Zum hinaussehen, den Wind hinauslassen, aber auch ein Fenster herein, für alle, die rote Hitze vermuteten. Und wieder tropft ein wenig Tinte in die Grotte hinunter. Später geht die Klappe auf, ein Schwall Eiswürfel mit Schnaps spült kurz das Rasseln beiseite, und alles lagert sich um die blaue Kugel, die ihre Arme und Beine noch enger um den Körper zieht. Es pulsiert nur noch kaum merklich, dabei klirren die Eiswürfel aneinander. Heute werden sie nicht schmelzen.

Konrad Schulze

Du gefällst mir so nicht. Das silberne Messer in deiner Hand, das passt nicht zu dir. In seinem schmalen Griff sitzt ein roter Edelstein, der böse zwischen deinen Fingern hindurchblitzt, und jede deiner Bewegungen genau verfolgt. Jede Bewegung im Raum. Meine. Deine. Seine. Ihre. Ihre ganz besonders. Ich kann sie nicht sehen. Aber sie ist hier. Dort liegt sie, auf dem Tisch und wartet ruhig auf dich. Warum hast du mich eingeladen?

Langsam gehst du auf den Tisch zu. Wäre dies offiziell, so würde sicher Musik aus den Wänden sickern. So aber hört man nur deine weichen Schritte, und ab und zu ein metallenes Klirren. Wenn das Messer zwinkert. Für eine zehntel Sekunde ist der Raum dann ein normaler Raum. Sobald sich das silberne Lid aber wieder von dem Edelstein löst, sind wir wieder im Schlachthof. Was macht sie? Wie geht es ihr? Ich kann sie nicht sehen. Weder sehen noch hören. Und doch. Zwischen deinen Schulterblättern blüht ein schwarzer Knoten. Was sagt sie dir?

Du wirst immer langsamer. Man kann es nicht mit ansehen. Warum kämpfst du? Ist es ein Kampf gegen dich oder gegen sie? Deine Hand ist ja schon ganz verkrampft. Man sieht die Adern. Und weißt du was das Unheimliche ist? Sie glänzen in der Farbe des Messers. Silbern liegen sie auf deinem Handrücken. Vielleicht schlägt die Klinge ja Wurzeln in dir? Wer führt hier wen? Du die Klinge oder die Klinge dich?

Irgendwann, ich weiß nicht, wie lange es gedauert hat, scheinst du nur noch zwei Millimeter von ihr entfernt zu sein. Das Messer zittert in deiner Hand und die silbernen Adern kriechen nun auch über deine feuchte Stirn. Atmest du noch? Dann stichst du zu. Es ist ein Moment perfekter Stille. Dann kriechen alle Adern von die über das Messer in sie hinein. Dabei knirscht es. Sie verschwinden für mich, aber ich bin sicher, du siehst sie noch.  Ein Ruck, ein großer Schnitt, und auf dem Tisch tut sich ein schwarzer Riss in der Wirklichkeit auf. Aus ihm quellen schwarze Raben, die zu knapp über dich hinwegfliegen, die Schnäbel voller Blut. Und der einzige Schrei, der zu hören ist, kommt aus deinem Mund. Aus deiner leicht geöffneten Hand rutscht langsam die silberne Klinge, verliert das Gleichgewicht und kippt wie in Zeitlupe über die Handkante, ehe es klirrend auf den weißen Fließen landet. Der Edelstein ist gesprungen. Blut sickert in dünnen Fäden aus seinen Rissen, jedoch die Klinge ist sauber. Keine Spur von Gewalt ist an ihr zu sehen, zu riechen, zu schmecken. Und der Spalt auf dem Tisch klafft immer weiter auf. Durch ihn hindurch sieht man ein Buch, das von Krähenfüßen beschrieben wurde. Die Tinte ist sogar nocht feucht, und fünf Federn liegen zwischen den Worten. Dann scheint die Luft aus dem Riss zu weichen. Zurück bleibt nur eine schlammige Pfütze auf dem Tisch, aus der die Federn tropfend ragen.

Bevor ich das Schlachthaus verlasse werfe ich noch einen Blick auf dich. As dem Knoten auf deinem Rücken wachsen gelbe Blumen, und ranken sich über deine Schultern nach vorn. Es mutet fast wie Flügel an. Ich aber brauche jetzt ein wenig Wald. So viele Fließen, das vertrage ich nicht. Auf den untersten Zweigen der Bäume werden Raben hocken. Mit blutigen Schnäbeln. Aber ich sehe gar nicht hin.

Konrad Schulze

picture: http://sage-ums.deviantart.com

“Janus, hast du danach vertraut?”

“Sei still.”

“Hast du danach noch einmal vertraut?”

“Ich sage dir: sei still!”

“Nur die Frage. Wenn ich sie nicht stelle, dann zerbricht mein Gesicht. Bitte. Hast du danach jemals wieder vertraut?”

“HALT DEIN VERDAMMTES MAUL! Du hast die Frage drei Mal gestellt, dein Gesicht sollte vor dem Zerspringen bewahrt sein.”

“Ach Janus, es geht mir doch um die Antwort. Dir tut es weh, daran zu rühren, und mir, mit tut es weh nicht daran zu rühren. Ich kann nicht still sein.”

“Fragen sind wichtiger als Antworten. Und es stimmt nicht. Es schmerzt beides. Dir und mir. Uns.”

“Warum ziehst du dann Schweigen vor?”

“Um es in graue Watte zu packen, so dass irgendwann keine Spitzen mehr zu sehen sind.”

“Siehst du, ich habe die Hoffnung es weich zu kochen, in meinem Magen, so lange bis ich kotzen muss, und die Gedanken von selbst nicht mehr zurückkommen.”

“Wie Fliegen, die dem Gestank folgen und dich in Ruhe lassen, sobald du den Gestank von dir getrennt hast?”

“Ja.”

“Sie werden Eier legen.”

“Ach. Die Watte wird faulen und wenn du nicht darauf achtest, dann rammt eine unvorsichtige Bewegung die älteste Spitze wieder durch deinen Rücken. Und ich werde den Dolch ebenso spüren wie du. Deswegen frage ich: konntest du danach vertrauen?”

“Mein lieber Junge. Die Frage ist die Falsche. Hast du jemals wirklich vertraut?”

“Aber ja doch! Janus! Damit fing doch alles an!”

“Bist du sicher? Ich kenne dich. Ich weiß, wie du dachtest. War es nicht viel mehr die Hoffnung, endlich vertrauen zu können? War es nicht das? Junge! Frag dich!”

“Nein. Ich hoffte nicht. Erst träumte ich…”

“Schon wieder!”

“…erst träumte ich, und als ich beschloss die Augen zu öffnen, da war es kein Traum mehr. Ich vertraute.”

“Du bist selten romantisch.”

“Und du? Ich glaube nicht, dass du je Hoffnung hattest. Gibt es nicht nur Wissen? Wissen und nicht Wissen? In deinem Teil des…”

“Auch ich habe Hoffnung. Hoffnung, das richtige zu wissen.”

“Dann sage mir, was du weißt: Kannst du vertrauen, oder kannst du es nicht!”

“–”

“–”

“Ich  weiß es nicht.”

“Ist das einen Kapitulation?”

“Es ist der größte Schmerz, den ich kenne.”

“Was jetzt. Nicht zu vertrauen, oder nicht wissen, ob man vertraut.”

“Letzteres. Aber warum erzähl ich es dir. Du kennst meine Gedanken wie ich deine.”

“Es sind die Grillen. Sie fliegen an einem hei0en Sommertag über die blonden Felder und ihre Flügel blitzen blass-blau oder knallrot, und sie knistern wie das alles verzehrende Feuer.”

“Ich verstehe nicht, was…”

“Ja. Das ist es. Ich kenne deine Gedanken, aber ich verstehe sie nicht.”

“Grillen?”

“Sie fliegen über das warme Feld, formen riesige, schwebende Gesichter und ihr Biss ist tödlich.”

“Metaphern!”

“Na und? Sie sagen mehr als der pure Schmerz.”

“Bemerkst du es?”

“Ja.”

“Gut. Dann schweigen wir jetzt. Die Frage verdient keine Antwort.”

“Janus, du weißt so gut wie ich, dass ich sie in zehn Minuten wieder stellen muss!”

“Ja, zehn Minuten Frieden”

“Frieden! Das ist kein Frieden!”

“Aber er kann als solcher gelten!”

“Das ist illusorisch.”

“So wie du.”

“Wir”

“Gut. Also wir. Ruhe jetzt.”

Konrad Schulze

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