June 2008


“Ich verehre Sie so.”

“Warum?”

“Als ich gestern durch das Tal stieg, da atmeten die Bäume Ihr Gesicht.”

“Das ist ein schlechter Grund, mein Junge.”

“Nein nein, ich bin mir ganz sicher. Der Nebel roch nach Ihnen.”

“Ich bin erstaunt. Woher weißt du, wie ich rieche?”

“Ich weiß es nicht. Ich träumte es.”

“Du träumst Gerüche?”

“Ja. Ich konnte sie riechen. Und schmecken. Ihre Zunge war leicht säuerlich. Als hätten Sie geraucht.”

“Ich rauche nie”

“Und doch schmecken Sie säuerlich. Ich weiß es.”

“Humbug! So ein albernes Geschwätz! Du wirst doch den Träumen keinen Glauben schenken.”

“Warum denn nicht. Sie liegen überall auf der Straße herum. Man muss sie nur mitnehmen und füttern. Und dann bekommt man, was man will. ”

“Kind, du weißt nicht was du tust. Komm her, ich will dir helfen. Gib mir deine Hand. Es sind nicht die Träume, die deine Wünsche erfüllen. Ich möchte, dass du das verstehst. Sie spannen ein Netz um dich, dass dich deine Wünsche vergessen lässt. Sie schillern und schmeicheln und kühlen. Aber erfüllen, das können sie nicht.”

“–”

“Schau nicht so traurig.”

“Die Träume sind meine Freunde.”

“Ja, das sieht man.”

“Woran?”

“Deine Augen sind golden.”

“Oh wie wunderbar! Es ist ewig her, dass ich in einen Spiegel blickte. Früher waren sie braun.”

“Du träumst zu viel.”

“Ich will so viel.”

“Was willst du denn?”

“Ich will Sie riechen. Und schmecken.”

“Das ist ein seltsamer Wunsch.”

“Nein.”

“Nein? Aber natürlich ist er seltsam. Er sitzt auf dir wie ein schwarzer Rabe, der dir beide Augen ausgehackt hat.”

“Eben. Weil ich Sie nicht sehen kann, so bleibt nur noch das Riechen.”

“Du dummer Junge. Wozu hast du denn Hände? Mit ihnen kannst du viel besser sehen, als mit der Nase.”

“Sie träumen!”

“Nie! Wieso denkst du so etwas.”

“Sie träumen mit den Händen. Ich sehe es. Ihre Hände schweben. Ich wünschte ich könnte hören, was Ihre Hände hören.”

“Soll ich es auf deine Haut malen?”

“Nein.”

“Eben wolltest du den Kuss!”

“Ich habe Angst. Ich träumte so schön.”

“Ohja. Siehst du. Du bist schon gefangen in ihrem Netz. Küss mich. Küss mich und du wirst sehen, dass du die Träume nicht brauchst!”

“Erst muss ich eines wissen: wie machen Sie das mit den Bäumen?”

“Wovon sprichst du?”

“Sie atmeten Ihr Gesicht.”

“Das taten sie nicht. Ich habe keine Macht über die Bäume. So wenig, wie du Macht über den Wind besitzt.”

“Aber ich befehle dem Wind!”

“Du bist ein Kind.”

“Vielleicht gerade deshalb.”

“Ich sage: Küss mich! Und werde erwachsen!”

“Werde ich danach nicht mehr mit dem Wind sprechen können?”

“Du wirst es nicht mehr wollen.”

“–. Gehen Sie!”

“Wohin denn?”

“Gehen sie fort. Und nehmen sie Ihren Geruch mit. Ich brauche ihn nicht mehr.”

“Ich hätte ihn schlecht hier lassen können.”

“Sie haben wirklich keine Ahnung. Ich habe schon viele Gerüche gesammelt. Aber Ihren will ich nicht.”

“Weil er echt ist?”

“Weil er farblos ist.”

“Wirst du mitkommen?”

“In das gläserne Haus werde ich nicht folgen. Ich muss Sie enttäuschen. Nein.”

“Und was ist aus der Verehrung geworden?”

“Die werfe ich in den See.”

“Haha. Das könnte man als Umweltverschmutzung betrachten.”

“Ich weiß. Sie wollen, dass ich sie einpflanze. Damit sie blüht. Aber das werde ich nicht. Ich werde ein schleimiges Ungeheuer daraus machen, dass alle Träume frisst, in denen sie hier her zurückzukehren suchen.”

“Du bist der pure Trotz.”

“Deswegen sage ich noch Sie zu Ihnen. Einen anderen Grund sehe ich nicht.”

“Du könntest versuchen, zu verstehen, was ich sage!”

“Und wozu das Ganze? Ich habe verstanden, wer sie sind.”

“Weil du mir zugehört hast.”

“Nein. Weil ich Ihre Hände beim Tanzen beobachtete. Sie erzählen andere Dinge als Ihr Mund.”

“Mein Mund schmeckt besser.”

“Tut er das. Sie Widerling.”

“Ich könnte jetzt flehen. Aber das ist unter meinem Niveau.”

“Ihr Niveau ist schief. Man kann nichts darauf stellen. Alles rutscht.”

“Du wirst beleidigend.”

“Ja. Vielleicht gehen sie ja!”

“Vielleicht bleibe ich. Jemand muss auf dich aufpassen. Sonst schließen sich die Schatten um deine Augen.”

“Die hat der Rabe gefressen. Sie können gehen.”

“Ich werde gehen. Adieu.”

“Sie sind noch hier.”

“Ich weiß”

“–”

“Ich kann nicht. Ich höre auf, Sinn zu ergeben.”

“Ohne mich!”

“Ja.”

“Das heißt: ohne Träume.”

“Vielleicht.”

“Nein, mit Sicherheit. Jemand muss das Gesicht trinken, dass die Bäume atmen.”

“Ich schäme mich.”

“Das ist albern. Nur deshalb streiten wir. Sie sind das Kind.”

“Ich werde zerfallen in tausend Worte, wenn ich gehe. Und jedes wird sein eigenes Leben führen. Willst du das?”

“Es wäre das Spiel wert.”

“Träume, Spiele. Das bin ich nicht.”

“Doch. Durch mich.”

“Halt den Mund.”

“Mein Mund schmeckt besser.”

“Als was.”

“Als Ihrer.”

“Das wird absurd.”

“Schön.”

“Ich werde dich zwingen. Ich bin stärker als du!”

“Und wenn. Ich werde es überleben. Ich bin älter als Sie. Am Ende finden die Träume über meine Lippen endlich auch in Ihren Mund.”

“Niemals.”

“Probier’ es!”

“Ich kann nicht.”

“Siehst du! Wer hat hier Angst.”

“Wir.”

“–”

“–”

“Ja. Es ist seltsam. Ich werde spazieren gehen. Die Schildkröten haben das Zeitalter zu früh verlassen.”

“Ah, endlich. Wenn du so sprichst, brauch ich nicht mehr zu zuhören.”

“Sie sind unausstehlich!”

“Ich höre nichts, ich sehe nichts.”

“Das merkt man. Sie tun mir leid.”

Konrad Schulze

Es kommt immer mal wieder vor. Heute ist wieder so ein Tag. Ich weiß nicht wie ich hier hergekommen bin. Es ist nicht so, dass ich hier aufgewacht bin. Nein. Vielmehr bin ich plötzlich hier. Das Dumme ist: Hier ist anscheinend ein Gefängnis. Wenn auch ein schönes. Ich finde mich in einem Käfig, der genug Platz lässt, zwei Schritte in jede Richtung zu gehen. Man kann nicht ganz aufrecht darin stehen. aber ich stehe sowieso nicht so gern. Gefangen sein nimmt Kraft, und stehen ist anstrengend. Um den Käfig herum ist nochmal soviel Platz, dass ein Mensch bequem darumherum laufen kann. Aufrecht, denn das Dach ist weit oben. Das Dach ist aus Glas, wenn es überhaupt ist, und die Sonne scheint herein. Es ist wunderbar hell. Schon weil die Wände einen angenehmen Creme-Farbton haben. Kein blendendes Weiß, und keine aufdringliche Farbe. Hier hat sich jemand Gedanken gemacht. Man nimmt die Wand kaum wahr. Und wenn ich hinaufschaue, in den blauen Himmel, dann könnte ich es aushalten.

Irgendwann gegen Mittag sehe ich die Sonne wirklich. Warm scheint sie mir auf die Haut. Sie blitzt auf der Metallmarke, die ich unverständlicher Weise um den Hals trage. Gestern hatte ich sie noch nicht. Falls Gestern gestern ist. Wenn ich mich bewege, dann wirft sie die Sonnenstrahlen an die Wand zurück. Damit könnte ich wunderbar ahnungslose Passanten blenden. Aber. Hier kommt niemand vorbei. Zumindest bisher noch nicht. Platz zum darumherumlaufen wäre ja. In Ermanglung einer Beschäftigung spiele ich mit der Marke. Es gibt nicht wirklich viele Anhaltspunkte, auf die ich den Strahl lenken könnte. Die Wände sind kahl und leicht zu übersehen. Die Gitterstäbe sehen alle gleich aus. Nur zwei Dinge sind anders: Ich und das Schloss, dass die Tür verriegelt. Nun gut, nachdem ich mich selbst eine Weile abgeleuchtet und geblendet habe, versuche ich das Schloss zu blenden. Frech lenke ich den Lichtstrahl genau in das Loch und —

— staune nicht schlecht, als ich es klicken höre. Schnell greife ich nach dem Schloss und wirklich, es lässt sich öffnen. Der Druck gegen die Gitterstäbe lässt die Tür aufspringen, und gibt den Weg in einen aus Gittern bestehenden Gang frei. Auf allen Vieren krieche ich durch ihn hindurch und fühle mich wie ein Löwe auf dem Weg in die Manege. Die schöne Sonne und den hellen Raum muss ich leider gegen einen dunklen Gang eintauschen, der keinen Platz mehr für Passanten lässt. Die Gitter berühren fast die Mauer, wenn ich hindurch fasse fühle ich den feuchten, rauen Stein. Aber die Zunge ist zu kurz, und so muss ich durstig weiter. Ein halber Tag ist schon vergangen, und wer weiß wie lang ich davor nichts getrunken habe.

Irgendwann bin ich draußen. Dicke Schwestern mit weißen Häubchen schweben wichtig an mir vorbei, und verschwinden in anderen Gittertunneln. Aha. Man kümmert sich doch um uns. Das beruhigt mich. Unverfroren spaziere ich zwischen den dicken Schwestern hin und her, und suche nach dem Ausgang. Niemand beachtet mich. Ich traue mich nicht zu Fragen. Das würde den Zauber sicher lösen.

Dann, als ich den Ausgang gefunden habe, setze ich mich auf die grüne Wiese, hinter der das viktorianisch anmutenden Haus aufragt, in dem niemand ein Gefangnis vermutet, und warte, dass sie mich finden. Irgendwann wird ihnen wohl auffallen, dass ich fehle, oder? Ich hoffe es inständig.

Konrad Schulze

Es war sehr anstrengend. Wie eine Amphibie kriecht er aus dem Berg, zieht seinen Körper aus der ihn zurücksaugenden Erde und kratzt sich dabei noch einmal den ganzen Rücken auf. Sein Körper glänzt. Blutig, feucht von der Erde, soweit man dass im Dämmerlicht der ausklingenden Nacht feststellen kann, hat er keine Haut mehr. Auf seinem Weg durch den Berg muss er sie sich vom Körper geschabt haben. Auch seine Hände sind nur mehr unförmige Stümpfe. Als Schaufeln kaum noch zu gebrauchen, aber nun ist er ja draußen. Ein kleines Bündel, noch schmerzverkrümmt. Das ist verständlich. Ich frage mich sowieso, wie er die Kraft aufbrachte. Und den Willen, das zu ertragen, wovon nur noch seine fehlende Haut zeugt. Später können wir ihn ja fragen. Jetzt blicken seine glühend blauen Augen aus den tiefen Höhlen in seinem Kopf, und sie glänzen ähnlich wie der Rest seines Körpers, geschunden, obwohl sie nicht zerkratzt wirken. Man möchte hinrennen, ihm auf die Beine helfen oder ihn in den Arm nehmen. Jedoch. Undenkbar, welche Schmerzen eine Berührung jetzt bedeuten können. Für ihn. Vielleicht brennt schon mein Blick. Aber wegschauen kann ich nicht.

Doch er erhebt sich schon von selbst. Aus der kleinen glänzenden Kugel wächst er und das kühle Morgenlicht fließt dabei über seinen blutenden Körper, rinnt an ihm herab und ich weiß, dass es gut tut, dass es reinigt, dass es lindert. Man sieht es. Von den Füßen, aus der Erde durch die er sich vorher wühlen musste wächst langsam eine neue Haut, überzieht das rohe, glänzende Fleisch mit einem silbrigen Film. Wie eine Blume rankt sich die Haut an ihm empor, und das Licht glänzt ebenso auf der Haut wie auf dem Fleisch und den Knochen. Es erinnert an einen Märchenfilm, und fast sieht es wirklich so aus, als würde er schweben. Auch seine blutigen Schaufeln entkrampfen, entrollen und schlanke Finger wachsen aus ihnen hervor, silbern glänzend. Verwundert schaut er ihnen zu, erst die Innenseite der Hände, dann die Außenseite, und man kann neue Liebe in seinen Blick deuten. Als letztes wächst die Haut über seine Augen und das Glühen verschwindet. Sanft blicken sie in die Welt. Und mir wird schwindlig. Ich fühle mich leer, verbraucht, aber warum denn das plötzlich. Ich schwanke auf ihn zu. Genau als ich keine Kraft mehr habe zu gehen hebt er den Blick, und fängt meine Sturz auf, in seine Arme, die mich festhalten, obwohl ich ihn doch hätte fangen sollen.

Dann halte ich nichts mehr in den Armen. Meine Hände sind leer. Silbrig glänzen sie, und das kühle Morgenlicht tropft von ihnen zu Boden. Vorsichtig betaste ich mein Gesicht. Es ist ganz glatt, ganz kalt, aber es brennt nicht mehr. Langsam drehe ich mich um. Gerade noch sehe ich, wie der Spiegel auf der Erde aufsetzt, der die Landschaft zerteilt und aus der alten Hälfte eine zweite neue macht. Der Berg ist weg. Der Berg, der so anstrengend war, der andere tötete. Ich kann ihn nie wieder sehen. Dafür kann ich mir ins Gesicht schauen. Ich erkenne meine Augen. Der Rest glänzt silbern. Vorsichtig tauche ich die rechte Hand in den Spiegel. Das Bild verschwimmt. Fasert auseinander und verschwindet. Und ich könnte trotzig durch den Spiegel zurückgehen und stark und silbern auf den Berg steigen und meinen Sieg in die Welt schreien. Aber das brauche ich nicht mehr. Ich drehe mich um und gehe davon. Von meinen Füßen tropft kaltes Morgenlicht. Ein Vogel fliegt herbei und putzt sich in den Pfützen, eher er in den Morgen fliegt. Dann geht die Sonne auf.

Konrad Schulze

Als ich durch den Regen heim lief, hat das Wasser mir die Kleider vom Leib gewaschen. Die Nacht weint. Und ich fühle nichts? Verwirrt. Ein kleiner See bildet sich in meiner Hand, und die Dunkelheit scheint darin zusammen zufließen. Vielleicht spiegelt es den Knoten, der im Bauch der Nacht grollt, und der ihr die Tränen aus den Augen treibt. Vorsichtig kippe ich die Dunkelheit in ein Beet, und hoffe, dass keine schwarzen Tulpen daraus werden. Ich höre dir gern zu, aber sprich nicht in Bildern zu mir. Verstehst du? Es blitzt.  Der Versuch, mir etwas über mich selbst zu erzählen misslingt. Ich kann mir nur Dinge sagen, die ich schon weiß. Und selbst die verstecken sich vor dem Regen, haben wohl Angst, auch noch von mir gespült zu werden. Die Nacht leiht mir ihre Schatten, heißt sie um mich herumstehen und mich anschauen, aber auch sie schweigen. Leise rollt ein Donner durch das Beet.  Das war der Punkt, an dem ich mich verloren habe.

Nackt bin ich der Spur meiner Kleider gefolgt, um zu sehen wo alles begann. Doch was ich fand war nur ein weißer Hut. Unter ihm hatte sich ein Gespräch schlafen gelegt. Man konnte sehen, wie sich die Gedanken vermischten, in farbigen Bahnen strebten sie unter der zarten Haut aufeinander zu. Aber ich bin zu ängstlich. Ich werde es nicht wecken, nicht fragen, was vor dem Hut war. Warum die Nacht weint. Oder wer ich bin. Lieber hocke ich mich neben den Hut und schaue dem Gespräch beim fließen zu. Nackt. Ohne es zu bemerken.

Konrad Schulze

11.  Ich schalte das Licht aus, und um mich regnen Steine.

Konrad Schulze

Ich spaziere den Waldweg entlang, Um mich fallen die Gedanken. Lautlos schweben sie aus den Baumriesen herunter, nicht geradewegs, sondern hierhin und dahin, als würden sie tanzen. Ein Tanz des Sinkens. Der ganze Boden ist weich damit bedeckt. Eigentlich gibt es keinen Weg. Zwischen den riesigen Bäumen führen in alle Richtungen Wege, und der eigentliche ist unter Gedanken begraben, die weit über mir blühten, ehe sie schon halb kaputt an mir vorübersegelten. Also spazier ich ziellos unter den Gedankenträgern umher und bestaune ihre Stunden, die von dünnen Sonnenstrahlen durchbohrt werden, auf ihrem Weg zum endgültigen Verrotten. Manchmal packt es mich, und ich stecke meine Hände tief in das Laub, reiße es mitsamt der Erde hinauf und schleudere alles nach oben. Löchrige Reste und Gedankenstaub regnen um dann um mich, so schnell,  als hätte ich ihre Ruhe gestört. Bald erinnert nur ein mattes Glitzern in der Luft an die unfreiwillige Vermischung von Sterbenden und Toten. Andermal versuche ich die Stämme der Riesen zu umfassen, die zu den jungen Gedanken hinaufführen. Es gelingt mir bei keinem einzigen, und ihre Rinde ist so glatt, dass man sich darin spiegelt. Nur wenn man sie anhaucht kommt man darum herum zu entdecken, wie man sich gerade fühlt.

Konrad Schulze

picture: http://complejo.deviantar.com

Der Mann da vorn singt. Er reißt seinen Mund auf, so dass man in eine kleine rosa Hölle schauen kann. Daraus schleudert er seine Stimme hervor. Pfeilschnell und messerscharf saust sie um unsere Ohren, kämmt uns die Haare gerade nach hinten und klatscht hinter uns an die Wand. Klebrig läuft sie daran herunter, in die extra dafür aufgestellten Plastikschüsseln, die am Ende der Vorstellung luftdicht verschlossen werden. Man kann sie kaufen, und daheim am Küchentisch das Siegel brechen. Je nach Veranstaltung muss man den Brei mit dem Löffel essen, oder der Brocken springt einem freiwillig in den Rachen. Dann legt man sich hin und verdaut, weinend oder lachend, was gerade passt.

Um den Mann wachsen grüne Pilze aus den Holzdielen. Sie leuchten schwachsinnig. Anmutig ziehen sie sich selbst aus dem morschen Holz und beginnen einen sanften Tanz. Ihre kleinen grünen Hände schweben wie selbstständige Tänzer um sie herum, und werfen sich weiße Hüte zu. Echte Hüte, zum aufsetzen. Keine Pilzhüte. So steht der Sänger als rosa Gruft zwischen grünlich schimmelnden Pilzen und das grause Lied prescht an uns vorbei, den Tupperdosen entgegen, und damit unseren hungrigen Mägen. Wohlige Schauer jagen uns jetzt schon über die Haut, und es ist nur verständlich, dass die schwachen zu weinen beginnen, als eine Flöte dissonant den Abend perfektioniert. Ein knochiger Junge, der auf einer Schaukel über den tanzenden Pilzen hockt, spielt mit langen Fingern. Blau kriechen Töne aus dem Elfenbeinrohr und tropfen zwischen die Tanzenden. Wo sie auftreffen steigt Rauch auf, als würden sie ätzend sein.

Angeregt von der morbiden Frische der Vorstellung unterhalten sich die dicken Zuschauer, die sich wie immer in die ersten Reihen gesetzt haben. Ihr Geschnatter baut sich vor der Bühne auf, von üppigen Brüsten  und feisten Wänsten rhythmisch immer höher geboxt. Kaum kann man hindurchsehen. Aber ich ahne was geschieht. Die von frohem Lachen durchzogene Welle aus vermischter Wörtlichkeit überschlägt sich in den künstlichen Raum und dem Sänger genau in den rosa Schlund hinein. Dort nimmt es den Gesang gefangen, fesselt und knebelt das Stimmchen und legt sich zufrieden daneben. Kann man nur hoffen, dass sie schnell die Dosen schließen, damit das Geschwafel nicht den Nachtisch verdirbt. Der knochige Junge öffnet sodann die versteckten Taubenverschläge, und es entbrennt ein wütender Kampf zwischen Geschnatter und Geflatter. Die Pilze verwelken, da ihnen sowieso keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt wird. Wie schade. Ich gedachte mir einen zu schnappen, in Stücke zu schneiden und unter meinen Stimmbrei zu mischen. Nun. Das Chaos ist sowieso nicht mehr seine Zeit wert, und wie noch einige andere verlasse ich geschwind den angemalten Saal, der sicher nur aus Papier besteht. Flux noch eine Dose geschnappt, und schon auf den nächsten Armen gesprungen, der mich für einen Löffel Brei bereitwillig heim trägt. Sogar den Umweg über den Park, weil ich so leicht bin, und er meinen warmen Körper gern auf seinen Schultern spürt.

Konrad Schulze

Eines Morgens, in dessem trüben Zwielicht alle Zeit stehengeblieben zu sein schien, erblickte er schließlich von einem Hügel aus die Sümpfe der Traurigkeit. [...]

Artax schnaubte leise vor Entsetzen.

>>Sollen wir dort hinein Herr?<<

>>Ja!<<, antwortete Atréju, >>wie müssen den Hornberg finden, der mitten in diesen Sümpfen liegt.<<

Er trieb Artax an, und das Pferdchen gehorchte. Schritt für Schritt prüfte es mit seinen Hufen die Festigkeit des Bodens, doch kamen sie so nur sehr langsam vorwärts. Schließlich stieg Atréju ab und führte Artax am Zügel hinter sich her. Ein paarmal sank das Pferd ein, doch gelang es ihm immer wieder, sich herauszuarbeiten. Aber je tiefer sie in die Sümpfe der Traurigkeit eindrangen, desto schwerfälliger wurden seinen Bewegungen. Es ließ den Kopf hängen und schleppte sich nur noch vorwärts.

>>Artax<<, sagte Atréju, >>was ist mit dir?<<

>>Ich weiß nicht, Herr<<, antwortete das Tier, >>ich meine, wir sollten umkehren. Es hat ja doch keinen Zweck. Wir laufen etwas nach, wovon du nur geträumt hast. Aber wir werden nichts finden. Vielleicht ist es auch sowieso schon zu spät. Vielleicht ist die Kindliche Kaiserin schon gestorben, und alles, was wir tun, ist sinnlos. Lass uns umkehren, Herr.<<

>>So hast du noch nie geredet, Artax<<, meinte Atréju erstaunt, >> was fehlt dir? Bist du krank?<<

>>Vielleicht<<, erwiderte Artax, >>bei jedem Schritt, den wir weitergehen, wird die Traurigkeit in meinem Herzen größer. Ich habe keine Hoffnung mehr, Herr. Und ich fühle mich so schwer, so schwer. Ich glaube, ich kann nicht mehr weiter.<<

>>Aber wir müssen weiter!<<, rief Atréju, >>Komm, Artax!<<

Er zog am Zügel, aber Artax blieb stehen. Er war schon bis zum Bauch eingesunken. Und er machte keine Anstalten mehr, sich herauszuarbeiten.

>>Artax!<<, schrie Atréju, >>du darfst dich jetzt nicht gehenlassen! Komm! Komm heraus, sonst wirst du versinken!<<

>>Lass mich, Herr!<< antwortete das Pferdchen, >>ich schaffe es nicht. Geh allein weiter! Kümmere dich nicht um mich! Ich kann diese Traurigkeit nicht mehr aushalten. Ich will sterben.<<

Atréju zerrte verzweifelt am Zügel, aber das Pferdchen versank immer tiefer. Er konnte nichts dagegen tun. Als schließlich nur noch der Kopf des Tieres aus dem schwarzen Wasser ragte, nahm er ihn in die Arme.

>>Ich halte dich fest, Artax<<, flüsterte er, >>ich lass dich nicht untergehen.<<

Das Pferdchen wieherte noch einmal leise.

>>Du kannst mir nicht mehr helfen, Herr. Mit mir ist es aus. Wir wussten beide nicht, was uns hier erwartet. Jetzt wissen wir es, warum die Sümpfe der Traurigkeit diesen Namen haben. Die Traurigkeit ist es, die mich so schwer gemacht hat, dass ich versinken muss. Es gibt kein Entrinnen.<<

>>Aber ich bin doch auch hier<<, sagte Atréju, >>und fühle nichts.<<

>>Du trägst den Glanz, Herr<<, antwortete Artax, >> du bist geschützt.<<

>>Dann will ich dir das Zeichen umhängen<<, stieß Atréju hervor, >>vielleicht schützt es dich auch.<<

Er machte Anstalten die Kette von seinem Hals zu nehmen.

>>Nein,<< schnaubte das Pferdchen, >>das darfst du nicht, Herr. Das Pantakel ist dir gegeben worden, und du hast nicht die Erlaubnis, es nach deinem Gutdünken weiterzugeben. Du musst ohne mich weiter suchen.<<

Atréju drückte sein Gesicht and die Wange des Pferdes.

>>Artax…<<, flüsterte er erstickt, >>oh mein Artax!<<

>>Willst du mir noch eine letzte Bitte erfüllten, Herr?<< fragte das Tier. Atréju nickte stumm.

>>Dann bitte ich dich fortzugehen. Ich möchte nicht, dass du zusiehst, wenn es jetzt mit mir zum Letzten kommt. Willst du mir diesen Gefallen tun?<<

Atréju stand langsam auf. Der Kopf des Pferdchens lag jetzt schon halb im schwarzen Wasser.

>>Leb wohl, Atréju, mein Herr!<< sagte es, >>— und danke!<<

Atréju presste die Lippen aufeinander. Er vermochte nichts zu sagen. Er nickte Artax noch einem zu, dann wandte er sich ab und ging fort.

Michael Ende, “Die Unendliche Geschichte” Kapitel 3 “Die uralte Morla”

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