April 2008


10.

Obwohl ich dich nich kenne wachsen Erinnerungen aus deinen Ohren, über deine Haut und den Hals bis hinten zwischen die Schulterblätter, aus denen alte Zärtlichkeit spricht.

9.

Angefangen darüber nachzudenken habe ich erst, als die automatischen Türen im verglasten Supermarkt mich nicht mehr wahrnahmen.

Alles ist grau und still. Man riecht nur eine schwache Brise kalte Luft und Schnee, der schon eine weite Reise hinter sich hat. Kein Gefühl legt einen Farbfilter vor das lidlose Auge, dass starr auf die graue Fläche blickt. Nach einer Ewigkeit hört man leise Geigen, die mehr nach Wind als nach Musik klingen. Sie modelieren sacht einen harten Thron aus dem Grau. Ganz Metall oder Stein ragt er gotisch in einem schmalen, leeren Saal auf. Die Fenster sieht man nicht, aber sie sind wohl kaputt, trägt ein müder Wind doch vorsichtigen Schnee über den Thron hinweg. Kalt umweht. Es sieht nach Ewigkeit aus.

Schwerter stecken in dem Thron, so scharf dass der Blick sich daran aufschneidet. Blutend rollt das lidlose Auge auf der Sitzfläche herum und der Schnee fällt leuchtend rot. Ein schneller Hieb lässt das Bild zerspringen. In Scherben hängt der Thron nun da, und von den Bruchstücken tropft rötlicher Wind. Das Auge rollt weiter, panisch, versucht das zu sehen, worüber es nun gebietet, wo es schon auf einem Thron sitzt. Aber so sehr es auch rollt. Das wichtige scheint immer hinter ihm zu liegen, vor ihm sieht es nur sich selbst, rollend, zwischen Scherben hin und her. Ein Rabe fliegt herein, vermutlich durch eines der Fenster, ganz schwarz. Auch aus seinen Flügeln fällt der Schnee eisig, bevor er das Auge mit seinem dunklen Schnabel in die Luft wirft, um es im Flug zu schlucken. Das musste ja so kommen.

Wie ein Ei presst er eine große verrostete Krone aus seinem Bauch, ehe er davonfliegt. Sie hängt jetzt schräg über der Lehne aus Schwertern, wie nur kurz abgesetzt, weil sie zu schwer für den letzten Kopf geworden war. Einige Edelsteine fehlen ihr. Langsam, zu langsam, um ihr die ganze Zeit dabei zuzuschauen, sinkt sie in das kalte Metall. Sie wird durch den ganzen Thron sinken, einen hässliche Wunde hineinreißen, durch das scherbenhafte Bild sooft vervielfältigt, dass Einsamkeit daraus zu uns emporsteigt, in einen Mantel aus Schnee gekleidet und mit Haaren aus Wind. In den großen, blassblauen Augen brennt ein Kuss, der schon seit Ewigkeit nach seinen eigenen Lippen sucht.

Konrad Schulze

7.

Verfolgst du mich, bis in meinen Tränengarten, so ist es nur deine Hand, die zu meinem Schlaf noch fehlt.

8.

Wenn das Licht ausgeht liegst du so annährend neben mir, dass ich jede Bewegung fürchte, die durch dich hindurchfahren könnte.

Konrad Schulze

Ein kleiner Mann, fein angezogen, mit goldenen Schuhen, eilt behände über das große Zahnrad, einen Staubwedel aus alten Straußenfedern in der Hand, den er hier und dahin schwingt, um die noch unmerklichen Staubeschichten aus dem Getriebe zu pinseln. Es ist auch golden, das Getriebe, jedoch machen die Schuhe keine Geräusche, vielmehr, der kleine Mann macht keine Geräusche. Flink und unhörbar entfernt er die beginnenden Zeugnisse vergehender Zeit, schiebt den Staub von den Zahnrädern und Spangen und Federn des Getriebes, so dass er leicht und ohne Eile zu ihnen heruntersinken kann um dort wie vom Druck der Zeit zu Jahren verbacken zu werden. Der kleine Mann ist nicht alt. Das mag daran liegen, dass er den antiken Staubwedel ab und an über sich selbst schickt, eine Tat, die sicher keineswegs offiziell erlaubt ist, jedoch gebilligt wird. Zwecks sparen der Personaleinarbeitung. Auf jeden Fall ist der Mann nicht alt, obwohl jeder Schritt schon tausendmal gegangen zu sein scheint. Er erinnert an einen Klavierspieler, der mit verbunden Augen spielt und selbst dazu singt. Ein völliger Automatismus, erfüllt von Liebe und Aufopferung für die Aufgabe. Ähnlich wie bei einem Schlittschuhlauf gleitet er durch das Getriebe, ruhig und gleichmäßig. Mit der einen Hand entstaubt er, mit der anderen zaubert er. Eine Kaffeekanne, er gießt heißen Kaffee in eine schwebende Tasse um diesen gemütlich zu schlürfen. Ein Pinsel, er malt Erinnerungen auf eine schwebende Leinwand, die verschwindet sobald er fertig ist. Ein Buch, er liest laut Geschichten, die vor seinem Mund in den Raum blühen und als farbige Wolken hinter ihm zurückbleiben. Später mischt sich alles unter den Staub, der es wagt, sich auf dem Getriebe niederzulassen. Bei all dem sieht der kleiner Mann sehr zufrieden aus. Natürlich, er ist nicht aus Glas, und wir können nicht in ihn hineinschauen, aber geschäftig und perfektioniert genießt er alle Annehmlichkeiten des Lebens gleichzeitig, während er mit der anderen Hand die Zeit aus der Uhr schiebt. Er hat zufrieden auszusehen. Wurde beschlossen? Vielleicht gehörte das mit zum Vertrag, der damals ausgehandelt wurde, als die Menschheit die Langeweile satt hatte und die Zeit einführte. Einmal konnte man sein zufriedenes Grinsen entgleisen sehen. Es war der Tag an dem von oben, wo es sonst eigentlich immer schwarz ist, blassrote Magnolienblütenblätter regnete. Sie schwebten, viel anmutiger noch als der kleine Mann, und natürlich viel sanfter, von oben herunter, tauchten ins Licht des Getriebes, zersprangen in kleine Tropfen wenn sie an etwas stießen, oder verschwanden unten in der Welt der Menschen sofern sie das Getriebe unbeschadet passiert hatten. Völlig stumm natürlich wieder. Man hörte weder die Blätter fallen noch sein Gesicht entgleisen. Was eigentlich schade war, das dazu passende Geräusch hätte sich geeignet, einen neuen Kosmos entstehen zu lassen. Aber, wie Würmer lösten sich die Gefühle des kleinen Mannes von seinem Gesicht, krochen aufgeregt erst ganz in seiner Nähe umher um dann wie Funken, flink und wuselig, in alle Richtungen davonzuspritzen und den armen Mann völlig allein zurückzulassen. Da hatte der sich natürlich aber schon wieder unter Kontrolle, sein Gesicht schwebte zufrieden über seinem Körper, der zufrieden über dem Getriebe schwebte. Später kam es vor, dass eines seiner Gefühle beim Putzen des Getriebes aufgeschreckt wurde. Unter einem besonders hübschen Zahnrad hatte es sich versteckt, oder hinter einer straff gespannten Feder, und der alte Wedel kitzelte sie hervor. Meist blieb dem kleinen Mann nichts anderes übrig, als schnell nach ihnen zu greifen und sie wieder dahinzustecken, woher sie kamen, nämlich tief in seinen Bauch. Doch einige entkamen immer und immer wieder, und er entdeckte sie unter immer wieder neuen Rädern, in neuen Ecken, an Stellen, wo normalerweise so kleine Gefühle nie hinkommen. Dort hockten sie wie dunkelblaue Salamander und warteten vorlaut auf die plötzliche Entdeckung. Die konnte ihm zwar keine neue Entgleisung das Gesichts entlocken. Zum Glück, sonst wären ja die restlichen Gefühle auch wieder frei gewesen. Aber für Momente sah die Zufriedenheit eisig aus, und blickte den frechen Würmen fast grimmig entgegen und hinterher. Danach ist alles wieder weich, Schlittschuhfahrt, Entpinselung. Die alten Straußenfedern verschieben die Sekunden, und von oben regnet es vorest keine Magnolien mehr.

Konrad Schulze

Es gibt einen See. In den habe ich dich geworfen. Dich und alle Erinnerungen an dich. Auch dein Hemd, in dem ich immer noch schlief. Der See ist so klar, man hat alles sinken sehen können. Bis auf den Grund. Auch jetzt sieht man dein Gesicht noch, wie es unter dem kühlen Wasser starr in den Himmel blickt. Das war alles, nachdem ich geweint hatte. Ich selbst war ganz Wasser, kühl, fließend, ruhig. Aus mir schaute dein Gesicht in den Himmel, und nur wenn ich mich zu schnell bewegte, verbrannte ich mir an dir die Ohren.

Später trank ich den See aus. Mit dir. Alles weg. Und bettet die gesamte Landschaft vorsichtig auf meinem Herzen, dass sie mir den Platz zum Atmen nahm und die Schultern krumm bog. Aber, doch halb Baum, ich wuchs darum herum, hässlicher vielleicht als zuvor, verknarzter, aber wieder aufrecht. Die Phantasie anregend.

Dann kam die Nacht, an dem mein kalter Fuß wieder den Weg durch das Zimmer auf den Balkon ertastete, nackt, doch diesmal waren meine Hände leer. Nichts hatte ich mehr, was ich dir hätte schenken können. Nichts wolltest du mehr. Spröde und rissig waren meine Hände nicht mehr als Werkzeuge, die keiner mehr pflegte. Doch. An der Brüstung angekommen, die Wiese vor Augen auf der ich dir einst zuflog, die jetzt verbrannt und öde von meinem Wüten niemanden mehr ernährt, da hing ich meinen traurigen Kopf über das Geländer und erbrach lächelnd den See. Seither fließt er aus mir, nicht nur aus dem Mund. Vor allem aus den Fingerspitzen, die sanft den Schrank berühren, an dem ich vorbeigehe. Aus den AUgen, zwischen den Wimpern hervor und über fremde Menschen, mit den Worten, die auf den Wellen segeln wie leuchtend weiße Schiffe. Du aber bleibst am Grunde des Sees, der niemals leer wird, solange dein Gesicht in dessen Tiefe ruht.

Und plötzlich bin ich der goldene Hirsch, mit goldenen Hufen, von denen Feuer stiebt, der sich mit starkem Hals und kräftigen Augen der Welt stellt, sie alle im Sturm nimmt und zertritt, der auf Pfaden entflieht, die ihm keiner folgen kann, der aus dem schäumenden Fluten auftaucht wie eine Sonne und der Licht dahin bringt, wo es bisher nicht gesehen werden konnte.

Konrad Schulze

Ich treibe im offenen Meer. Die Wellen spülen mich einem Korken gleich hierhin und dorthin. Aber hier sieht alles gleich wie dort aus. Nämlich nie wie jemals zuvor, da das Meer sich ständig selbst neu erschafft. Einzig ich sehe immer gleich aus. Nass. Bewegungslos. Wie ein totes Stück Holz, dass einer Insel entrissen wurde, die inzwischen meilenweit entfernt andere Holzstücke in die Unendlichkeit entlässt. Gerade als ich mich frage, warum ich noch nicht untergegangen bin, vollgesogen von salzigem Meerwasser, genau da taucht eine riesige Magnolienblüte auf, eine Knopse, die sich unter mir öffnet und mich in ihren trockenen Magen saugt. Das überflüssige Wasser sprüht sie durch ein Loch als Fontäne in die Luft. Dann taucht sie mit mir wieder ab, und das Licht der Oberfläche verschwindet in der Erinnerung. Der schwere Duft meiner neuen Behausung spendet zumindest soviel Trost, als dass ich mich entspannt zurücklehne und beginne die Zeit zu studieren. Die sich ständig selbst tötet. Aus der Blume heraus in den kalten Ozean sickert und dabei Stücke von mir mitnimmt, die früher einmal uns gehörten. Bevor du gingst. Jetzt treiben sie herrenlos in der Dunkelheit da draußen, und niemand, der nicht zufällig direkt hindurchschwimmt, bemerkt sie.

Konrad Schulze

5.

Grau wächst die Leere aus einem Riss in meiner Brust, blüht blasslia und fällt von meinen tonlosen Schritten, die mich durch die erwachende Frühlingsstadt tragen.

6.

Sehnsüchtig wartete ich auf den Moment vollständig leer zu sein, um endlich über den Balkon in den Frühlingshimmel entweichen zu können. Im Wind lag Liebe.

Konrad Schulze

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