March 2008


1.

Fernab von der warmen Höhle, wo Beeren und schillernde Insekten jeden Winter überstehen, habe ich mein Fell verloren. von der Suche kehrte niemand zurück.

2.

Obwohl die Lebenden warm durch meine Finger quellen, kann ich mich nicht dazu durchringen, mir endlich das Gesicht zu waschen.

Man behauptet ich sei glänzend, aufrecht, nicht umzuwerfen, unkaputtbar. Aus Metall gefertigt rage ich inmitten einer Wiese auf, er Mond glitzert auf mir und alles perlt von mir wie der Morgentau von jener Figur, die ungefragt als Figur für mich herhalten muss. Ein Biss im oberen Ende brennt ihr ein Lächeln dahin, wo es der Tagesbesuch haben will. Nehmen wir absurderweise an, sie haben recht. Tun wir so, als lächelte ich metallen und heroisch von der Wiese. Festbetoniert, schon allein dadurch unbeweglich. Nun kommt der Sonnenuntergang hinzu, und siehe, aus den feuchten Schatten, in denen verschwörerisch schon lang das Laub wisperte, erheben düstere Bäume ihre Kronen, fassen sich bei den Ästen und verfilzen mir die Sicht. Ringsumher treten sie alle einen Schritt näher, graben ihre Wurzeln unter mir hindurch und vielleicht sogar in mich hinein. Selbst wenn ich könnte, sie ließen mich nicht vorbei, die nächtlichen Wächter, am Tag ebenso freundlich wie das Grinsen, dass mir der Künstler ins Gesicht riss. Doch nun, im Dunkeln, wenn der Mond meinen Mund mit zerfetztem Licht füllt, saugen die Wächter bei jeder gedachten Bewegung tief Luft ein, und neigen bedrohlich das verworrene Haupt. Aber da ist kein Kampf, da ist kein Wettbewerb. Ein totes Werk, ja Kunstwerk, von einem Kreis aus Leben bewacht, das fließt und vergeht, so wie ich nie Leben werde. Würde, wäre ich die Figur aus Metall. Aber meine Lippen sind kein klaffender Spalt und meine Füße stecken selten in Beton.

Ich habe mich auf den härtesten Fußboden gelegt, den ich finden konnte. Hingelegt, und gedroht. So lange wollte ich liegen bleiben, bis ER zu mir zurückkommt. Und wenn ich ein Loch in den Boden liegen muss.

Inzwischen hat der Boden ein Loch in mich gelegen. Oder mehrere, ich habe aufgehört nachzusehen. Und ich drohe auch nicht mehr. Vielmehr warte ich darauf, dass mich der Boden komplett wegliegt, bis er durch mich hindurch in den Frühlingshimmel fallen kann.

Konrad Schulze

Ein Baum steht vereinzelt auf dem einzigen Hügel, den dieser Landstrich noch aufweist. Alle anderen Hügel, teils höher und kräftiger als dieser letzte, sind davongewandert oder wurden aus der Landschaft herausgebissen, mit feuchter Zunge. Von weit her sieht man nun den vereinzelten Baum, der seine Äste freudig in den unghindert hinweggaloppierenden Sturm streckte, sich die Blätter entreißen ließ und dabei vor Lust stöhnte, und der trotzdem nicht umfallen will.

Jetzt steht er nakt da oben, die Blicke der Menschen kratzen über seine entblößte Rinde und schürfen sich daran auf, so dass ihre Augen ganz blutig werden. Am liebesten würden sie weinen. Aber auch die Rinde, früher einmal so dick und hart gewesen, ist nur noch ein Schatten ihrer selbst, kaute doch ein goldener Hirsch darauf herum, bis sie weich war. Ihm zu weich. Nun, in einen Pfau aus Licht verwandelt, fliegt er in den Morgen und der weiche Baum steht vereinzelt und nackt auf dem letzten Hügel, den dieser Landstrich noch aufweist. Harz tropft von den gebeugten Ästen und sammelt sich um die Wurzeln, die sich wutig in die Erde des letzten Hügels bohren, wie nackte Würmer. Sie graben und wühlen, immer tiefer, bis an den Fuß des letzten Hügels. Dann, als der Schmerz zu groß wird, und nur noch ein Loch in der Rinde alles hinauslassen könnte, wofür der eigentlich so große Baum zu klein ist, da packen seine verharzten und nackten Äste nach dem Sturm, der bisher ungehindert durch den Baum hindurchgaloppierte. Fast ist es ein Kampf, aber die Verzweiflung ist groß genug, der Baum umfängt den Sturm, quetscht und windet Schnee und Eis aus ihm und wirft ihn, immer an der Leine gehalten , über das Flachland und die Menschen. Fauchend prügelt sich der Sturm durch die Gegend, schaut nicht nach links und rechts, zerhackt Menschen und Häuser, bis alles genauso klein ist wie die Eiskristalle, die der Baum den Sturm spucken lässt, und das Flachland einer riesigen Wanne voll Zucker gleicht. Auf dem Schnee liegen vereinzelt die blutigen Augen der Menschen, die zuvor den Baum angestarrt hatten. Sie starren immernoch. Und da, genau an dieser Stelle, muss der Baum anfangen zu weinen. So weich wie er ist schmilzt er beim Weinen, schmilzt inmitten des Eismeeres, über das immernoch der kalte Sturm fegt, und mit ihm schmilzt der letzte Hügel, der ja gar kein Hügel mehr war, sondern ein Berg aus Wurzeln. Der Sturm, endlich wieder freigegeben, deckt die Pfütze aus Baum noch schnell zu, mit Eiskristallen und roten Augen, bis nichts mehr von der einzigartigen Hügellandschaft übrig ist, für die so viele Menschen herkamen. Hoch oben kreist ein Pfau aus Licht, warscheinlich auch weinend, denn er sucht immernoch den Frühling.

Und der Baum war so kurz davor, zu blühen.

Konrad Schulze

 

Ein großes Schaf wird vom Himmel kommen und euch retten, ihr Überglücklichen.

 

Mareike Mikat

In einer Träne löse ich mich aus meinem Gesicht, falle und falle in den schwarzen Schlund, der tagsüber eine Wiese ist, und den sich nachts keiner traut zu betreten, da er bodenlos alles Licht aus den silbernen Kugeln saugt, die mich bisher durchs Leben trugen. Ein goldener Hirsch gallopiert darüber hinweg, von seinen Hufen stieben Funken aus Feuer in den Abrund. Als ich meine Hand nach ihm ausstrecke, verliert sie jegliche Farbe. Nur das Auge, das unförmig auf dem Zeigefinger steckt, es leuchtet sanft, wie ein kleiner Mond, und wartet darauf, verspeist zu werden. Aber der Hirsch will es nicht. Kraftvoll sprengt er davon, die Muskeln an seinem Hals gespannt. Bei dem Versuch, ihm zu folgen, verflüßige ich mich, sickere über den harten Bordstein auf die Wiese, zwischen die Gräser, die haushoch den Blick dorthin verwehren wo er vielleicht das Gras weggefressen hat. Für mich. Um eine Pfütze zu werden, ein kleines Schlammloch, ein Schwamm. Auf den man nur kurz drücken muss, und schon ergießt sich das innere Licht nach außen. Von der Wiese sogleich verschlungen. So zu einem kleinen grauen Stein geworden, ist das Bild von mir fertig: Ein kleiner grauer Brocken, aus dem eine Hand ragt, auf der ein Auge steckt, aus dem eine Träne fällt, die im Schwamm versinkt. Konsistenz: schwammig. Gleich morgen reihe ich mich dort ein, wo ich nie stehen wollte.

Meine Angst löst sich in einer Träne aus meinem Gesicht. Sie ist nicht salzig, sondern scharf. Und spitz. Auf ihrem Weg in die bodenlose Wiese schlägt sie ein Loch in meine Hand, die gerade dabei war, sich nach etwas auszustrecken, dass von weiten wie ein goldener Hirsch aussah. In dem Loch sieht man wie sich die silbernen Kugeln unter meiner Haut drehen, die mich durchs Leben tragen. So langsam sind sie heute. Aber auch sie verdienen ab und zu Schlaf. Das Loch sieht aus wie ein Auge, dass angestrengt dem Licht hinterherstarrt, das dort in der Nacht verschwunden ist. Aber es ist nichts mehr zu sehen. Deswegen setze ich mich, ein wenig traurig schon, an das Ufer der Wiese, die sich stumm um mich schließt. Es ist so dunkel. Als wären die Grashalme über meinen Kopf gewachsen. Um mich zu schützen? Oder um mich zu hindern, endlich wieder aufzustehen, und nach dem Licht zu schauen. Es kommt bestimmt zurück. Fast fühlt es sich an, als würden die weichen Lippen eines Hirsches die Hütte aus Gras, die ich mir über mir vorstelle, leicht anheben und dann mit einem Ruck abreißen und sofort auffressen. Gierig? Nein, die Gier liegt wohl in mir, dass er es endlich tut. Für mich. Damit ich ein See werden kann, ein Meer, wie diese Wiese, auf der er sich frei bewegen kann. Und endlich ist das Bild von mir fertig: ein Mensch, der sich selbst mit Tränen angeschossen hat, und energiegeladen darauf wartet, dass die Wunden von weichen Lippen geheilt werden, die Muskeln am Hals kraftvoll gespannt. Konsistenz: gespannt. Gleich morgen stehe ich auf, und bereite ihm ein schönes Frühstück.

Konrad Schulze

Wenn man sich vorstellt, wie zwei Menschen langsam übereinander wachsen, dann erscheint folgendes Bild: Einer liegt unten, und der andere breitet sich wie eine moosige Decke über ihm aus. An den Rändern, wo die beiden aufeinander treffen, da zischt und sprüht es ganz zaghaft, als vernähten sich die zwei Häute von selbst. Und, während der Eine über den Liegenden hinwegschwabbt wie eine langsame Welle, so durchdringt der Liegende den Fließenden an tausend Stellen, erscheint auf der moosigen Oberfläche und breitet sich pilzförmig darauf aus, nur, um von der nächsten Welle wieder übermoost zu werden. Das ganze kann ewig dauern, bis das Meer austrocknet und die Pilze ertrinken, oder bis keine Welle mehr kommt, was auch immer.

Ich liege nun da. Soweit bin ich schon, habe festgestellt: ich bin der Liegende, der Wartende, der Pilz, der irgendwann ertrinkt. Aber soweit sind wir noch lange nicht. Heute erst habe ich mich in die Sonne gelegt und auf eine Welle gewartet. Fast verlor ich den Verstand, schien es doch als käme keine. Die Pilze schossen schwarz und eklig aus mir, wanden sich auf der Suche nach dem Moos und wuchsen so in mich hinein, dass ich ein verknoteter Ball wurde, ganz hässlich, ich hätte mich auch nicht gemocht. Und doch, nach einem Sonnentag und mathematisch akribischer Oberflächenbetrachtung muss man feststellen, dass die Welle kommt. Ja, zwei weitere Millimeter meiner Haut wurden symbiotisch verschlungen oder vernäht, und dort regt sich das gesunde Pilzleben, zur Freude aller. Kurz vor dem Einschlafen denke ich: Das Meer ist ewig und riesig. Der Pilz ist klein und vergänglich. Maßstab macht glücklich. Und von oben betrachtet verflechten sich die Tage wie unsere Hände. Das Tintenfass wird zugeschraubt. Hoch offiziell natürlich, und alles ohne Gewähr.

Konrad Schulze

Vorhin noch schwebte mein Kopf zwischen den Dächern, während der unwichte Körper seinen Weg durch die wirren Gassen der Stadt suchte. Jetzt, gar nicht so viel später, jetzt sitzt er zwischen den Füßen, die schadenfroh gegen ihn treten, denn oft haben sie diese Macht nicht.

Der Abend lag zart und schon leicht angefressen auf der ausgestreckten Hand, die fast durchsichtig unter ihm schimmerte, so dass ich sie selbt nicht bemerkte. Doch dann schloss sie sich darum, umspannte den Abend ganz und entzog ihm meinen Blicken, die so gierig den ganzen Tag darauf gestarrt hatten. Aber nicht nur das. Sie drückte zu, immer fester und mit dem schrillen Schrei eines gepeinigten Kückens bleibt nichts mehr von dem Abend übrig außer zwei dreckige Tropfen Blut, die mir aus den glasigen Augen rinnen. Und die die Federn verkleben, so dass selbst der laue Nachtwind nichts mehr ausrichten kann. Zornige Wimpern spießen durch den Spiegel, der nur ein Gesicht zeigt, graben in den weichen Wangen, bis nichts mehr von dem Menschen übrig ist, außer blinde Wut auf deine Hand. Hätte ich jetzt die Gelegenheit, ich würde sie packen, und mit ihr ebenso verfahren, wie du mit dem Abend. Statt dessen ziehe ich mir die gläsernen Schuhe an, die schon so lange auf ihren Einsatz warten und spiele Fußball mit meinem Kopf. Dumpf springt er über das raue Kopfsteinpflaster, reißt sich Nase und Ohren ab, um besser rollen zu können, und markiert seinen Weg mit verspritzter Tinte. Mit gebrochenen Fußgelenken stürze ich in ein Glas Bier und tanze darin bis zum Morgengrauen. Und wie er graut, blass grün und dreckig orange, so dass jede Haut, die vorbeikommt, wie verdorben aussieht. Die ganze Stadt grunzt in ihrem toten Leben, während ich bitteren Tee in die weit geöffneten Münder gieße, aus denen Zähne wie göttliche Verheißungen auffliegen und mit ihrem Geflatter den letzten Sonnenstrahl verscheuchen.

Konrad Schulze

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