December 2007


worüber ich nachts nachdenke: statt guerilla stadtguerilla oder stadtguerilla statt guerilla? und kurz bevor ich einschlafe ergibt es einen sinn.

glucksfee (l.l.r.)

Schon seit Tagen ist niemand mehr hier. Seit meiner Warnung, der die Panik folgte wie eine Gaswolke, die über der ganzen Stadt hängt, und die die Luft beim Atmen brennen lässt, so dass man zu atmen vermeidet so oft es geht. Fast grün wälzte sie sich durch die Straßen, die langsam mit Menschen verstopften. Der Begriff Masse bekam eine neue Dimension, verschmolzen doch die einzelnen Körper wirklich derart miteinander, dass Nachströmende die schon vorhandene Menge auf dem Asphalt festtraten, bevor sie fesgetreten wurden. Man wird nicht sagen können, was schlimmer gewesen ist, die Zeit vor dem Sturm, oder der Sturm selbst. Ich war als einziger zurückgeblieben. Mir in meinem Leben nie etwas sicher gewesen, so wusste ich diesmal: hier ist mein Platz. Ich hätte dem Sturm auch schlecht ausweichen können, würde er doch aus mir selbst hervorbrechen.

Jetzt, kurz vor dem Ausbruch, stehe ich nocheinmal auf dem Dach des höchsten Hauses. Die Luft um mich ist totenstill. Kein Blatt zuckt, keine Plastiktüte kriecht über den Boden oder verführt in anmutigem Tanz melancholische Herzen. Heiß und sauer brütet sie über der leeren Stadt: Die Panik ist noch zu riechen, wie der schwache Geruch von Schweiß in einem leeren Zimmer. Es macht keinen Sinn, dramatisch die Arme auszubreiten, denn weder Haare noch Kleidung würden unterstützdend flattern. Ich tue es trotzdem, eine zaghafte Geste, noch einmal nach meiner Heimat zu geifen, obwohl ich sie schon vorher nicht zu fassen bekam. Der Himmel ist gestochen blau, und doch: in fünf Minuten wird es losgehen. Ich weiß es. Leider habe ich keine großartigen Gedanken mehr, so kurz vor dem Ende, aber es wäre auch niemand anwesend, sie weiterzugeben.

Wie rose Schlangen winden sich dünne Bänder aus Luft durch die Straßen, in der völligen Starre dieser Stadt kann man ihre Bewegungen durch die Wände der Häuser wahrnehmen. Ich bleibe ganz ruhig, auch wenn ich unverkennbar das Ziel bin, die Mitte, in der die Schlangen sich zu einem Schlangenkönig vereinigen werden, ein König, gekommen um zu zerstören. Als sie mich erreichen, mich mit ihrer eiskalten Hand streifen, so dass mir sämtliche Haare zu Berge stehen, fühle ich nichts. Nichts in mir. Keine Trauer, keine Panik, keine Vorfreude, Schadenfreude, Lust, nichts davon. Ich spüre nur die Kälte, sehe wie mir der Wind um die Haut kriecht wie Quecksilber. Als er schließlich unter meine Fingernägel fährt, kommt Schmerz hinzu, der natürliche Schmerz, wenn sich Eiseskälte zwischen Finger und Nagel schieben würde, und dann ist es plötzlich vorbei. Einen Bruchteil einer Sekunde existiert nichts. Weder die Stadt, noch ich oder der Sturm.

Euphoria

Die Rückkehr der geballten Realität sprengt den Rahmen alles Erlebbaren. Mein Körper implodiert, doch gleichzeitig habe ich einen neuen, leichten, riesigen Körper, wie tausend Fische, alles auf einen Fingerhut gepresst, der wächst, aufgeht und sich ausdehnt, erst bin an den Rand meiner alten Hülle, dann durch alle Öffnungen heraus in die Freiheit quellend, die der Flut und dem Druck nicht standhalten, zerreißen, aufplatzen, neue Öffnungen entstehen, schließen sich zusammen, bis nichts mehr übrig ist von einer Form, die meine Freiheit hätte noch behindern können. Aber da ist noch etwas. Ich bin nicht allein in diesem Körper. Noch etwas ist hier, alt, kraftvoll und an den Körper gewohnt. Und es freut sich. Hinter oder vor das fremde Bewusstsein geklemmt fühle ich mit, erlebe die neugewonnene Freiheit wie meine Eigene. Nun, ohne Hülle, ist jeder Gedanke gleich Form, jedes Gefühl Bewegung. Und aus jeder Bewegung fließt Freude und Lust, wiederum sofort Kraft und Bewegung, ein sich potenzierender Kreislauf, den niemand unter Kontrolle hat, er nicht, ich nicht, und den niemand unter Kontrolle haben will, der die Lust erfährt die aus diesem Anwachsen von Kräften entspringt. Derartig energiegeladen wird der ganze Organismus, dass Funken zwischen den Muskeln tanzen und von jetzt auf jetzt riesige dunkelschwarze Wolken entstehen, die sich in alle Richtungen wälzen und drehen, sich aneinander entladen und sich verschlingen. Und dann stoßen wir gegen die Grenze. Nach unten, mein altes Bewusstsein empfindet es jedenfalls als unten, stoßen wir auf Widerstand. Unser riesiger, kräftiger und schneller Körper kann dorthin nicht wachsen. Und plötzlich ist alles rot. All die Lust und Freude ist Wut, Wut, die sich nach unten richtet, und die alle Kraft entfesselt, die in uns gesteckt hat. Der Sturm, wir, ich wüte gegen diese Grenze, schleudere meinen leichten Körper gegen die massive Wand. Wie zwischen zwei Betonplatten wird alles zu Pulver, was zwischen mir und der Erde gewesen sein könnte. Ich schleife, ich wetze, ich wüte, ich öffne mich als riesen Mund und verschlinge die Welt, verletze, zerbreche, wälze mich in den Scherben und lechze nach Zerstörung. Zu spät bemerke ich, wie mit jedem Ansturm die Kraft aus mir fließt, wie ich schächer werde, unbewusster, und langsam hinter dem riesigen, uralten Bewusstsein verschwinde, mich in ihm auflöse, und keinen Weg zurückfinde in einen Körperm dessen Zerstörung ich selbst genoss. Kurz bevor sich das Ich völlig aufgibt, werden wir zu einem rosa Faden, der sich über eine Wüste aus Betonstaub schlängelt, seinem nächsten Ziel zu, dann sind wir nur noch Ziel.

Konrad Schulze

picture: http://loganart.deviantart.com

Ein lange Reise ist vorrüber. Aber nein. Das stimmt so nicht. Ich werde die nächsten Tage nicht so viel zu laufen haben. Es ist mehr, an einem Ort bleiben und die Gegend erkunden. Jetzt, nach den abertausend Kilometern, liegt meine Hand auf ihrem Rücken. Entspannt entrollt, erinnert sie immernoch an eine Kralle. Eine Quelle klaren Wassers entspringt ihr, möchte zum Fluß werden, doch versickert sie zu schnell im sandigen Boden, der mich trägt, umgibt, festhält. Die Stille um mich, so sehr ich sie herbeigesehnt, sticht durch die Ohren in meinen Kopf und metallen wie eine dicke Nadel aus den Augen wieder heraus. Sie näht mich am Hier und Jetzt fest, an meinen Erinnerungen, an das letzte Stück Weg, das ich so gern vergraben hätte. Aber ich kann nicht graben. Meine Hände sind aus Glas, und ich habe nur diese. Mit den Erinnerungen wie Kissen an den Kopf gezurrt, kann ich nur auf dem Rücken liegen, aber der Blick nach oben lenkt in alle Himmel ab, die zwischen den Wolken schlummern mögen, und schmerzhaft drückt sich die Erde in den Rücken. Auf der Suche nach einem Baum,Solitary Bossa Nova unter dem die Schatten blühen und duften, und der mich in seinen Wurzeln wohnen lässt, damit ich ihn behüte, weiß ich dass micht nichts lang in dieser Wüste hält. Noch drückt der Tag meinen Kopf in den Sand, so dass ich die Wahl habe: auf den Händen laufen oder liegenbleiben. Letzteres gewählt friert die Haut, während sich die Quelle langsam mit Nacht füllt. Erschrocken balle ich das Leben zur Faust: kein Baum will Tinte trinken. Und auch wenn es niemand sah, so hab ich Angst. Meine Bewegungen verraten mich als kranke Quelle. Oh, nicht krank im grünen Sinne. Krank wie leer, wie nicht, wie Sumpf. Meine Erinnerungen, an den Augen festgenäht, werden mich auch nicht schützen, habe ich mit der Zeit gelernt, sie zu sehen und durch sie hindurchzublicken, und alles gleichzeitig. Also schiebe ich mich wieder los, an ein Krokodil erinnernd, das eine hässliche Schleifspur im Sand hinterlässt.

Konrad Schulze

picture: http://unda.deviantart.com

Ich hänge vom Baum. Bin mir nicht sicher, was ich bin. Wie es sich anfühlt.

Einerseits wie eine Frucht, reif, fast platzend, so dass der klebrige Saft zäh an der Haut herabrinnt, und doch nie zu Boden tropft. Dazu ist er zu süß, klebt an der Schale und lässt sie alt und verkrustet aussehen. Man fragt sich, warum ich nicht schon längst heruntergefallen bin, zwischen das modernde Laub von letztem Jahr, um dort von den Ameisen zersägt und zerschnitten in praktische Kleinstteile, überrannt und hinfortgebracht zu werden. Man hätte mich ihrer Königin zum Tee serviert, oder ihrem Nachwuchs verfüttert, der neue Früchte wiederum serviert oder verfüttert hätte.

Andererseits wie eine Fledermaus, die riesigen ledrigen Schwingen, auf denen sich die Adern zwischen den kurzen Haaren an die Oberfläche drücken, mehrfach um die Ohren gewickelt. Um den Körper gewickelt, damit die Ohren warm versteckt in die Stille lauschen können, nur von meinem Herzschlag gestört. Lange häng ich schon da, kann nicht einschlafen, davon hält mich das Blut ab, dass beständig in Schüben an meinen Ohren vorbeigepumpt wird. Meine Füße umkrallen den Ast wie zu Stein geworden, sie werden ihn nie wieder loslassen. Im modrigen Dunkel unter meinen Flügeln klebt mein verschwitztes Fell, dass den Nachtwind so nötig hätte, aber die Hautlappen veweigern den Gehorsam und umschlingen mich fest. In den eigenen Armen gefangen, von außen ist kein winziger Riss in der perfekten Oberfläche zu erkennen, und man fragt sich, was dieser alte Tannenzapfen noch vom Baum hängt.

Ich hänge vom Baum und zähle die Stunden. Mit dem anderen Auge zähle ich die Passanten und stelle fest. Sie hängen nicht.