Manchmal träume ich IHR Verderben. So wie ich das Verderben meiner Mitmenschen erträumte und ersehnte, so träume ich nun IHRES. Dann träume ich, wie kann es ander sein, von Feuer. Hitze. Asche. Ich sehe IHR ewiges Eis zerspringen wie Glas, die Scherben winden sich, biegen sich, sie schwitzen und verschwitzen, verschwinden in heißen Dampf, der nur böse Zischen kann, obwohl man Schreie erwartet. Alles wird wahnsinnig schnell gehen, niemandem wünschte ich je einen langsamen Tod. Aus ihrem See, dem kalten Uterus IHRER Schönheit wird es emporschießen, das rote Flammenschwert, ihre Hütten, ihre Gesichter, das ganze Tal wird glänzen, einen kurzen Augenblick lang, wie frisch lasiert, dann wird alles in sich zusammensinken, anmutig zwar, doch traurig. Nichts wird übrig bleiben, außer verbrannte Erde und Asche. Obwohl Eis keine Asche hinterlässt, träume ich von Asche, die der Wind durch ihr Tal treibt, wie vorher den Schnee. Aber dann: SIE sind ewig.
Ich stehe über dem Tal, nach meinem Traum, mir ist noch ganz heiß, und schaue herunter. Es ist alles wie
immer, SIE wachsen, SIE formen, zu langsam für mich, als dass ich es bemerkte. Ich bin ihnen anscheinend zu schnell, denn auch SIE bemerken mein kurzes Aufflammen nicht, dass mir erlaubt, barfuß über ihren Boden zu laufen, an dem ich sonst kleben bliebe. SIE bemerken es einfach nicht, oder sie wollen es nicht bermerken, oder, was das schlimmste wäre, SIE wissen darum, und es stört SIE nicht. Je länger ich bei IHNEN bin, desto warscheinlicher wird mir letzteres. Und je warscheinlicher es mir wird, desto öfter träume ich ihnen ein Feuer in den See. Vielleicht ist das der Moment, in dem ich sie verlassen sollte.
Aber dann: IHRE Gastfreundschaft, IHR Unterschlupf, IHR Vertrauen (wenn es denn Vertrauen ist, dass ich so viel von ihnen lernen durfte), das alles kann ich doch nicht einfach mit Undank aufwerten und SIE just in dem Moment verlassen, in dem SIE mir unerträglich werden. Wieder kommt es mir vor, als hätte ich nie versucht, SIE zu verstehen, nicht eines ihrerer Worte, sondern hätte nur IHRE Fremdheit bestaunt, ja gesucht, nur IHR Anderssein betont, nach Abgrenzung geforscht, obwohl dies das Offensichtlichste war. Wie viel schwerer wären Gemeinsamkeiten zu finden gewesen. Nun ist es leider unmöglich, jetzt, mit all dem Feuer in mir.
Und dann wieder das Gefühl, ihre Augen wären trauriger geworden. Wie gesagt, eigentlich denke ich, haben SIE nichts bemerkt von meiner Veränderung, und dass fände ich schlimm, doch darunter liegt das Gefühl, SIE enttäuscht zu haben, als würden sie sich traurig von mir abwenden, mich weiter dulden, behalten wie einen alten Hund, in ihrem Reich aus kalten Schönheit, aber nun sinnlos. Ich habe das Ziel verfehlt, IHRE Hoffnungen enttäuscht. Das ist eben noch schlimmer. Aber welches Ziel denn. Hatte mein Aufenthalt bei IHNEN, den ich als Gastfreundschaft auffasste, denn ein Ziel? Kann ich es mir überhaupt anmaßen, mich als Teil IHRER Ziele zu sehen, oder ist es nur ein weiterer Versuch, ihrer pausenlosen Gleichgültigkeit zu entkommen, in die SIE einen kopfüber tauchen, bis man sich selbst wie einer von ihnen fühlt, kalt, gleichmütig, nur noch nicht so schön? Wäre dass nicht die pure Selbstüberschätzung? Genauso wie damals, als ich dachte, SIE wollten etwas über uns Menschen erfahren, und feststellen musste, dass SIE jedes meiner Worte schon zu kennen schienen. Ja, mir war gerade so, als warteten sie auf das nächste Wort, um zu sehen, ob SIE Recht behielten. Und ich tat ihnen den Gefallen, je schonungsloser ich die Wahrheit darstellte, die ich empfunden hatte, bevor ich die Menschen verließ, umso mehr schien ich SIE zu bestätigen und um so freundlicher wurde ich aufgenommen. Doch schon bald entpuppte sich der Balsam, in den ich mich geflüchtet hatte, ihre Anteilnahmslosigkeit und einseitige Fixierung auf IHRE Schönheit, als brennender und schmerzhafter als alles, was ich zu Hause erlebt hatte. Was ich nicht alles versuchte. Jedes Gespräch, dass ich in diese Richtung führte, stieß mich tiefer in ihre Gleichgültigkeit. Ich sprach von Liebe und Wärme, von Gegenseitigkeit und Halt, von Seelen und all diesem Humbug, der mir die Menschen so verlitt, die dies nicht zu nutzen wussten. Ja meine Verzweiflung setzt meine Worte in Brand, die nur so aus meinem Mund flogen, sprudelten, die wunderlichsten Formen annahmen, sich um SIE herumwanden und versuchten sie einzufangen, wie in einem farbigen Spinnennetz. Nachsichtig zerteilten sie mit sanften Gesten mein Feuerwerk, das daraufhin zu Boden sank und dort festfror, bunt aber kaputt, und verabreichten mir ihre Ruhe und Überlegtheit, ihre ewige Zeit, wie eine Medizin, die das bunter Feuer in mir verlöschen lassen könnte. Und wahrlich, sie versiegelten mir den Mund, so dass es nun in mir gefangen ist, und nur in Träumen explodiert.
Viel zu lang stehen ich nun schon barfuß auf dem kalten Eis, ohne den Schmerz zu bemerken, und in meinen Händen tanzte immernoch das bunte Feuer, zuckt an den Fingernägeln und sucht einen Weg ins Freie.
Dies ist das mindeste, was ich tun kann, bevor ich auch ihnen den Rücken kehre. Ich kann ihnen davon erzählen, etwas, dass ich bei den Menschen versäumt habe. Manchmal frage ich mich, ob ich überhaupt hier wäre, wenn ich mich hätte mitteilen können. Ohnmächtig balle ich die Faust. Als ich sie wieder öffne, ist das Feuer verschwunden. Dafür liegt ein Eiskorn in meiner Hand, bunt in der Sonne schillernd. Fassungslos schaue ich es an, es blitzt zurück. Etwas schießt durch mich hindurch, von unten nach oben, wie Liebe, etwas, völlig diesem Eiskorn zugewendet. Ein Eiskorn, von mir in die Welt gebracht? Vorsichtig trage ich es bis neben die Bank und setze es auf dem Eisboden ab. Es versinkt darin, nicht, ohne mir noch einmal zuzublitzen. Noch lange stehe ich vor der Bank und schaue auf die Stelle, an der das Korn versunken ist. Etwas von mir fließt ununterbrochen in Richtung des Korns. Und wenn es keine Einblidung ist, so antwortet es sogar, aber dessen bin ich mir lieber nicht zu sicher. Ich werde wohl auf jeden Fall noch etwas bei ihnen blieben, um zu sehen, was aus diesem, MEINEM Eiskorn wird. Auf diesen Entschluss hin wende ich mich ab und sehe noch einmal in ihr Tal hinab, dass so voller Schönheit ist, dass es einen kalt lässt. Etwas in mir fließt immernoch in Richtung des Eiskorns. Langsam gehe ich zurück in mein Zimmer, barfuß, noch immer, ohne es recht zu bemerken, und ohne, dass es mir kalt wäre. Barfuß, wie sie.
Konrad Schulze
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