Die Rolltreppe trägt mich ans Licht. Dabei stöhnt sie. Die Gedanken und Gefühle der Menschen aus der Bahn kleben immernoch an mir wie Blut, und das Eintauchen in den kühlen Abendwind streift es von mir wie warme Platzenta, die Stadt presst mich endgültig aus ihren Eingeweiden. Aber verlassen kann ich sie nicht. Hilflos treibe ich durch ihre Straßen, werde von den nachströmenden Menschen hierhin und dorthin gepumpt, und was der Stadt dabei verloren geht, quillt fleißig aus ihren zahlreichen Schächten nach. Es ist nie leer.

Ich bin nie leer. Immer ein Wort um die Zunge gewickelt oder ein Bündel voll Gelächter, dass mir wie Pinsel aus den Ohren ragt, die Augen blinken im Takt, ihre Farbe wechselt sekündlich. Vorsichtig hänge ich die Füße in den vorbeieilenden Strom und halte den Kopf unter die Fontäne eines Brunnens, aus dem Märchen spritzen und vorbeigehende Willige mit Flausen schwängern. Männer wie Frauen. Mehr Männer. Täppisch tanzen sie auf den Baugerüsten der wuchernden Stadt, schwenken weiße Schirmchen, kleben sich Plastikfingernägel ins Gesicht, während es aus ihnen singt. Unten, in den tiefen Schluchten, über die sie so anmutig hinweglächeln, kriecht ein altes Ehepaar zwischen zerbrochenen Gräbern herum und ist freundlich. Hinter ihnen kotzt jemand, kotzt in ihre Richtung, und verfehlt sie nur um ein Weniges. Leider fehlt mir der Schirm, sie zu schützen. Beim Versuch, einen solchen einem jungen Mann zu entreißen, fallen wir beide in einen Bierkrug. Die Nacht spült uns umher, stumm, von blinden Fenstern angestarrt, durch leere Kneipen, in denen kalter Rauch an der Bar sitzt, schlecht gekleidet, sauertöpfisch, ohne Augen. Die Stadt füllt meinen Magen, so dass alles, was ich noch hineinpacke, schmerzt.

Als ich anfange zu tanzen, gefriert die Stadt. In langsamen Pirouetten kratze ich meine dünne Spur in die Köpfe einiger Weniger, überzeugt davon, der Wind wird alles wieder rund schmirgeln, die Hitze, die von anderen ausgeht, die Spur mit Schmelzwasser füllen.

Ein Schwan mit gebrochenen Flügeln, leuchtend weiß aus drohenden Gewittergüssen geboren, zerkratzt mir mit eisblauen Krallen das Gesicht. Und wieder einmal rinnt Tinte an mir herab, schwarz, auf der Suche nach einem Gulli.

Konrad Schulze