July 2007


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Von der Bank hat man einen guten Blick über das Tal. Deswegen komme ich oft hier her. Um zu schauen. Um die kühle Schönheit in mich hineinsinken zu lassen, und dort zu bewahren. Denn ewig werde ich hier nicht bleiben wollen. Wird man mich hier nicht haben wollen. Bald schon wird der Tag kommen, an dem ich mich nach einer warmen Berührung sehne. Noch ist dem nicht so. Vielmehr bin ich hier her geflüchtet, vor den Berührungen und dem Kontakt. Sprechen wir nicht davon.

Auch wenn ich oft hier herkomme, heute ist ein besonderer Tag. Heute bin ich hier, weil der König gekrönt wird. IHR König. Das geschieht so selten, sagen SIE. Und ich bin der erste Fremde, der es mit ansehen darf. Eigentlich wird kein König gekrönt, habe sie mir erklärt. Es gibt schon lange keine Krone mehr. Ein König ohne Krone. Und ohne Untertanen, denn SIE brauchen schon lange keinen König mehr. Bei IHNEN funktioniert alles von allein. Jeder weiß seinen Platz, seine Aufgabe. Aber SIE hatten ja auch Zeit. Alle Zeit der Welt hatten sie. Sich zu kennen und zu ordnen. Früher war es die kalte, blaue Hand des Königs, der ihre jungen Temperamente kühlte. Jetzt, ohne König, ordnet SIE nur “die Hand”. So sagen sie. Kalt immernoch und durchsichtig, unsichtbar, muss kein Gemüt mehr gekühlt werden, haben SIE doch den Frieden gefunden da oben, tief im Eis.

Die Krönungsfeier soll ganz außergewöhnlich werden, und ich glaube ihnen. Schon seit ein paar Tagen spüre ich es im ganzen Tal. Es ist eine Art Unruhe. Oh, glaubt mir, wenn ich nicht schon so lange bei IHNEN gewesen wäre, ich hätte nichts bemerkt. Aber nun, wo ich sie beginne zu kennen, nun ist es offensichtlich. Als würde man der Frau im Zug gegenüber ansehen, dass es sie unter ihrem Wintermantel juckt, obwohl sie sich keinen Millimeter bewegt.

Ich stehe neben der Bank und schau an den heckenrosenüberwucherten Säulen vorbei ins Tal. Ich warte. Das ist, was ich hier gelernt habe. Warten. Schönheit braucht Zeit, sagen SIE. Auf Schönheit warten. Wie absonderlich, wartet man in meiner Heimat doch immer heimlich auf ihr dahinschmelzen. Welken, meine ich. Aber sie haben Recht. Schönheit braucht so lang, bis sie reif ist. Doch hier vergeht nichts, dass SIE nicht vergehen sehen wollen. Was für eine Macht. Und doch bewege ich mich mitten unter IHNEN. Eine Insel der Vergänglichkeit, IHREM Einfluss entzogen, da zu warm. Vielleicht behalten sie mich deswegen so lange hier.

SIE stehen unten um den See herum. Ich kann nicht sehen, was sie machen. Ich darf es auch nicht. Und vielleicht will ich es gar nicht. Aber ich kann sehen, was ihr Tun bewirkt. Langsam, so langsam, dass Stunden vergehen. hebt sich etwas aus der eisigen Oberfläche des Sees empor. Irgendwann kann ich auch erkennen, was es ist. ES ist fast enttäuschend, anfangs. Aber da bin ich wohl doch zu sehr Mensch. Der Körper wartet zwar, aber das Urteil nicht. Aus dem See wächst, langsam, ein Schmetterling. Ein Schmetterling aus hauchdünnem Eis. Anfänglich noch bläuchlich-weiß, so fängt sich bald das Sonnenlicht zwischen den gläsern wirkenden Flügeln und webt ein Netz aus Farben zwischen ihnen, an dessen schillernden Fäden die Blicke kleben bleiben. Schon quillt das Farbgespinnst zwischen den Flügeln hervor und umfängt SIE, verschluckt SIE, wie eine wunderschöne, gierige Spinne. Und dann passiert, was SIE endgültig und immer von mir, von uns, trennt. Sicher, sie waren es schon immer, doch so recht klar geworden ist es mir erst in diesem Moment. Zart beginnt der Schmetterling mit den Flügeln zu schlagen. Er bewegt sich. Nun fliegt er los, gleitet durch das Tal und verteilt buntes Licht über ihren Häusern, ihrem Wald, ihren Köpfen. SIE haben Leben geschaffen. Fassungslos schaue ich IHM zu. IHREM Werk. Es ist die Krönung. Nicht nur des Königs, auch die Krönung meines Aufenthaltes hier. SIE haben… kurz kann ich keine klaren Gedanken mehr fassen. Höher und höher steigt er auf, das ganze Tal flimmert schon, da höre ich ein leises Klirren. Wie Gläser, die zu eng aneinander in einem Schrank stehen. Vor meinen Augen platzt der Schmetterling, zerstäubt in Milliarden von Eiskristallen. Das Farbspiel wird unerträglich und doch hypnotisierend. Langsam senkt sich der schillernde Staub und verlischt dabei, senkt sich über das Tal und bedeckt alles mit einer dünnen Schicht bläulich-weißer Asche. Auch auf mich rieselt es. Später erfahre ich, dass dieser Staub “die Krone” genannt wird. SIE haben sich all krönen lassen. SIE sind alle Könige. Das ganze Tal ist König. Und… und ich bin König. Da muss ich weinen. Lautlos rinnen mir die Tränen vom Gesicht, schon gefroren, ehe sie auf mir oder auf dem harten Eisboden landen. Die kleinen Kugeln liegen da wie Müll, auf der sonst so glatten Fläche. Schnell sammle ich sie auf, bevor einer von IHNEN sie bemerkt, SIE würden es nicht verstehen…

to be continued

Konrad Schulze

(Wovvl gewidmet, der in ein verstecktes Dorf in der Arktis möchte)

Von der Bank hat man einen guten Blick über das Tal. Ich komme gern hier her. Da ich hier nur Gast bin, habe ich nie gewagt, mich darauf zu setzen. Nicht, weil SIE das nicht geduldet hätten. Nein, vielmehr zu meinem eigenen Schutz. Alles, was hier nicht ausdrücklich für Gäste ausgewiesen ist, sollte man nicht einmal berühren. So wunderschön es auch aussieht. Filigran, halb durchsichtig, halb bläulich-weiß. Die Bank ebenso. Zerbrechlich wirkt sie. Fast wie gewachsen sieht sie aus, wie aus dem Boden gewachsen, so lebendig. Doch sie ist kalt. Alles ist kalt hier, selbst die Luft schneidet in meine Lungen, wenn ich zu unvorsichtig atme. Hier wächst nichts! Alles muss geschaffen werden, unter IHREN kalten Händen formt sich das Tal, formt sich die Schönheit dieses Ortes. IHRE Haut selbst ist so kalt und blass, dass ich mich frage, ob SIE sogar sich selbst aus dem Eis erschaffen, gegenseitig. Auch IHR Wesen. So kühl. Freundlich, da kann man sich nicht beklagen. Aber an IHREN Blicken schneidet man sich die Zuversicht auf, begenet man ihnen unvorbereitet. Und wenn SIE ganz ruhig dastehen, wenn SIE der Stille hinterherlauschen, wie sie zwischen den Eiswänden hin und herspringt und dabei kaum hörbar singt. Stundenlang stehen SIE so, bewegungslos. Dann übersieht sie das ungeübte Auge sogar, denn die Farbe ihrer Haut ist blau wie das Eis und ihre Haare sind dem Schnee gleich, der auf den Bergen darauf wartet, endlich zu Eis zerpresst zu werden.

Von der Bank aus hat man einen wunderschönen Blick über das Tal. Halb von den Heckenrosen verdeckt, die über das Vordach herunterhängen, sieht man über die Wiese zu dem nahen Wald, in dem der Bach verschwindet. Anfangs glaubte ich ihm noch dahinzufließen. Selbst als ich schon mehrmals auf ihm gegangen war, glaubte ich ihm von Ferne noch. So echt wirkte er. So echt wirkt alles. Der Wald. Die Heckenrosen. Ich hätte gern einmal eine ihrer Blüten gebrochen, aber, wie gesagt, ich bin nur Gast.

Environment: ICE SPACE

Daheim bin ich ein blasser Typ. Fast weiße Haut, schwarze Haare, schlank. Ein Wintermensch werd ich gerufen. Macht über Schnee und Kälte wird meinen grünen Augen zugesprochen. Hier bin ich ein rosiger Fleischberg, ein Farbklecks, egal wie bläulich-weiß ich mich kleide. Und meine Macht über das Eis beschränkt sich auf bescheidenen Bitten, die ich an SIE richten kann. Seit ich hier bin habe ich mich verändert. Ich habe meinen Geruch verloren. SIE riechen nach nichts. Nach Eis und Wind riechen sie, zu fein für meine Nase. Aber auch mein Geruch ging verloren. Wenn ich mir abends die Kleider über den Kopf ziehe, so riechen sie nach Schnee und Kälte. Nicht nach mir. Manchmal frage ich mich dann, ob ich wirklich noch existiere, oder ob ich in einem kalten Traum gefangen bin wie in einer gläsernen Schatulle, und ich kann mich nur noch betrachten, nicht berühren. Aber dann. Der Geruch ist doch nicht das, was ich bin. Außerdem sagten SIE mir, man merke noch 2 Tage nachdem ich ein Zimmer verlassen habe meine Anwesendheit. Die Wärme, das Leben, der Sommer würden nur langsam sterben, sagen sie. Das macht mir Angst. Wenn der Sommer, den ich mitbringe, stirbt, dann stirbt er wohl auch irgendwann in mir. Früher habe ich das nie glauben können. Sommer in mir. Nannte man mich doch den Wintermenschen. Doch jetzt, hier, untern IHNEN, die doch so klirrend freundlich sind, da fühle ich mich wie eine Frühlingswiese.

Aus mir heraus drängt es, in alle Richtungen, in IHRE Häuser und Zimmer, in SIE drängt es mich, SIE zu erfüllen und mit ihnen zu tanzen. Aber ich bin zu klein. Der Platz in IHNEN und um SIE ist zu groß. Einmal erzählte ich ihnen davon, und wir tanzten. Wirklich. SIE tanzten so langsam. So wunderschön. Und doch war jede IHRER Bewegungen ein Messerschnitt. So bewusst, so direkt. SIE tanzten nicht, denn sie sprachen nicht durch ihre Bewegungen, sie erzählten sich nicht selbst Dinge über sich, während sie tanzten. SIE wussten schon alles. Und damit hätte sie mir beinah das Herz aus der Brust geschnitten. Seitdem bin ich vorsichtiger….

to be continued…

Konrad Schulze

picture: www.integrafx.com and http://deviantart.integrafx.com

Ich sitze zwei Reihen hinter dir. Du bemerkst mich nicht. Oder. Ich weiß es gar nicht so genau. Ich sitze wie eine große Spinne da, ruhig wartend, die kalten Augen auf der Haut deines Nackens, ohne nur einmal zu blinzeln. Eine Spinne ohne Netz, du brauchst keine Angst zu haben. Vorsichtig sende ich meine Blicke aus. Auf Zehenspitzen schleichen sie über dich, und ich hätte es so gern, dass du wenigstens eine Gänsehaut bekommst. Die Sonne scheint mir von schräg vorn ins Gesicht, so dass deine Haut fast schwarz ist, die sonst so weiße. Und ich sauge dich auf, durch jede Pore meiner Stirn. Du bist wie der Schweiß der Welt, den sie an mir abschwitzt, und ich bin ein trockener Schwamm, der sich mit dir vollsaugt, bis er salzig und ungenießbar ist.

Mein Gesicht platzt und Wurzeln quellen daraus hervor wie erdige Tentakel, tasten nach dir und peitschenTotem durch die Luft, wenn sie dich nicht finden. An den Wurzeln wachsen Dornen und Blüten, viele Dornen, die sich in dir verhaken können, damit ich dich noch tiefer in mich hineinziehen kann. Wenn dich eine Wurzel trifft, so bohren sich die Dornen tief in das Weiß deiner Haut, und in einzelnen roten Tropfen sickert das Blut dann aus den frisch gerissenen Löchern. Du sitzt ruhig da, hörst zu, und heilst schneller als ich dich verletzen kann. Will ich dich verletzen?

Die Wurzeln verwelken. Schlaff und tot hängen sie mir aus dem Gesicht, grau, und schlapp und tot sitze ich in dem Stuhl, eine nach außen gekehrte Hülle nunmehr. Binnen Sekunden wächst Samt über mich, grünlich weiß. Lange Haare bilden sich überall, die bewegen sich vorsichtig, als würde ich im Wasser sitzen. Schon bin ich ganz umsponnen, von Schimmel und Spinnen, und große leuchtende Pilze wachsen auf meinen Schultern. Wenn ich jetzt aufstehe und fortgehe, davonlaufe, dann wird hinter mir ein Wald entstehen.

Mit sanftem Knall zerspringt das Glas, dass ich in der Hand hielt , um daraus zu trinken. Warmes Gold rinnt zwischen den Scherben hervor, Honig, der über meinen Schoß läuft und schwer zur Erde tropft. Von dem Geräusch gestört drehst du dich um. Kurz meine ich zu sehen, wie sich der graue Schatten hebt. Ist es Ekel oder Erkennen? Oder gar beides? Du schließt die Augen. Der nächste Windhauch trägt mich aus dem Saal, dessen Fenster zusammen mit dem Glas zersprangen, und verteilt mich im nahen Wald und quer über den Fluss. Endlich atmen. So viel Luft zwischen jeder meiner Zellen, so viel Platz zum Atmen. So viel Platz zum Vergessen.

Konrad Schulze

….Gefühl. Dass niemand kommen wird. Man sitzt auf den kalten Stufen der Steintreppe. Hölzern, mal weiter oben, mal weiter unten, jedoch allein. Man sitzt und wartet. Und niemand wird kommen. Gesichter streben an dir vorbei, aufwärts meist, denn was abwärts geht hat kein Gesicht mehr, in dem man lesen könnte. Was man nicht alles tut. Schauen. Lesen. Nicht schauen. Unbewusst mit den Fingern tanzen. Völlig tanzen, so langsam, dass es niemand bemerkt. Weiteratmen. Normal wirken. Zum Spaß nicht weiteratmen. Doch weiteratmen. Man weiß es ja selbst. Man ist allein. Man ist allein. Wie abstoßend das anmutet, ein Mann der allein ist. Alle Wände, Fenster, Straßenlaternen, alle Hunde und Autos drehen sich nach einem um und zeigen mit etwas auf uns, dass einem Finger doch wenigstens nahe kommt. [...] Alleingelassene stinken. Entsteht doch ein Kreis aus Luft um sie, die kein Mensch atmen möchte. Man mag sie ja selbst kaum atmen, so versteht man die anderen sogar. Alles, wirklich alles beginnt dann im Nebel zu versinken. Natürlich kein echter Nebel, kein weißer, keiner zum anfassen. Es ist vielmehr so, dass die Wahrnehmung sich trübt, abstumpft, der Blick sich weg von außen wendet, ein Außen, dass groß und rot leuchtet, um Gefahr zu signalisieren. Aber auch nach innen kann man nicht schauen[...], denn dort hockt sie ja, die Wut auf die anderen. Die man nicht hinauslassen darf, weil jeder ein Recht hat zu leben.[...] Ist es nicht so? Ist es nicht so? Antwortet! Aber ihr beachtet uns ja nie, warum solltet ihr jetzt antworten. Zum Glück sind wir allein klug genug, umgeben uns mit einem Mantel aus Wasser, der ununterbrochen an uns herabrinnt, damit die Wut gekühlt wird. Und ihr denkt, wir schotten uns ab. Seid froh! Wir sind das Nie.

Nein, das stimmt alles nicht. Irgendetwas ruft und lockt immer, ein Ziel, und schon alleine das mach doch froh, ein Ziel haben. Auch wenn man ihm…

Konrad Schulze

Ich habe ihm die Zunge herausgestreckt.

Er ist drauf herumgetanzt und mir dann ganz frisch und kühl in den Mund geschlüpft.

Dann hat er mich mit meiner eigenen Stimme ausgelacht.

Ich konnte nichts erreichen.

Konrad Schulze