June 2007


Mutter, heute habe ich die Sterne gesehen. So hell brannten sie, Ich weiß noch, irgendjemand zeigte sie mir, aber ich habe ihn vergessen. Sein Bild ist in ihrem Licht ertrunkne, weißt du. Ich stelle es mir unangenehm vor, ertrinken. Davon spreche ich.

Nein, davon spreche ich eigentlich nicht.

Mein Blick pflügt durch das Licht. Fast bin ich versucht, “pflügt dunkel durch das Licht” zu sagen. Aber das wäre dramatisiert. Ganz unbeschwert und ohne Widerstand pflügt er durch das Sternenfeuer, welches abgefeuert von den Elfen das Meer bildet, das dieser Welt fehlt. Ein Acker. Ein weites Feld, dass ich mit Gedanken füllen kann, tintigen oder klingenden, ein hübsches Lächeln vielleicht, dass zu einem jungen Mann wird. Es driftet durch die Zeit, dieses Gesicht, bekommt Falten und verfault, bevor man die Ruhe findet, es zu lieben. Ein Apfel, der zu schön war, ihn zu verzehren.

silence

Mutter, heute habe ich das Sternenlicht gesehen. Mitten am Tag, die Sonne blendet in den Schatten hinein und klebt mich zwischen den Wänden meines Kopfes fest. Doch ganz dahinter drängt trotzdem das blasse Feuer in die Welt, dass die Haare auf meiner Haut aufbürstet, obwohl es doch warm ist. Mit der Hand kann man hineinlangen und beobachten, wie die Haut grün wird und verwelkt, sich wie totes Laub von den Knochen schält. Zieht man die Hand wieder heraus, so sieht sie aus wie immer. Nur das metallische Schimmern ist neu, und wenn ich nun deine Schläge abfange, dann hallt ein Glockenschlag durch den Garten, den ich nie verlassen darf.

Mutter, heute habe ich die Sterne gesehen. Wie tausend Augen blinzelten sie hinter der alten Birke, die zittert beim Gedanken ans Sterben. Sie erkannte ihren Sohn nicht mehr, der zu ihren Füßen wuchs, und so wenig Sternenlicht bekam, hielt man ihn doch für Unkraut. Nur ab und an tropfte etwas silbriges von den Blättern auf ihn herab, halb salzig, halb eisig von der Nacht, das hindert ihn immernoch am Wachsen. Wenn du wüsstest, wie viele Briefe er schon geschrieben hat. Ach, wie viele. Sie liegen alle unter seinem Laub, hat er doch Angst, dass jemand sie lesen könnte. Und die alte Birke zittert. Ein aller letztes Mal Vernunft, aber oh weh, man erkennt zu früh.

Mutter, heute habe ich das Sternenlicht gesehen, auf das du nie achtest.

Konrad Schulze

picture: http://suerdas.deviantart.com

Je mehr ich davon in mich fülle, desto mehr öffne ich mich. Die sanfte Schärfe kriecht als Pelz meinen Hals hinunter, gräbt einen Gang in mein rosiges Fleisch. In mir brennt und lodert es, eine Faust mit Nägeln besetzt, die durch die Haut aus meinem Bauch spießen, von innen an den Schädel stoßen und dabei dumpf und hohl klingen wie eine verostete Glocke in einer alten Lagerhalle. Die Halle war früher ein Ballsaal. Das erzählt mir das Parkett, unter dem Staub kaum auszumachen. Die eine Front des Saales war verglast, riesige Fenster, jetzt nur noch offene Münder mit scharfen Zähnen. Während es in meinem Bauch wütet, die kleine Armee, die ich selbst voll Genugtung in mich füllte, da öffnen sich im alten Ballsaal die Fenster. Die Wände entspannen sich und lassen die Fenster frei, die allzulang schon verklemmt die Luft und den Staub gefangen hielten.

the city

Dann, in der einzigen Nachtsekunde in der alles schläft, eine Sekunde bevor die ersten erwachen und ein Moment nachdem der letzte die Augen schloss, genau dann regt sich, was so lang weggesperrt war. Sieben große Elstern recken und strecken die Flügel und fließen langsam aus den Fensteröffnungen, es ist nicht schade, dass sie nicht fliegen werden, nie mehr, denn sie kriechen und sickern direkt unter den Asphalt, der sich so hart und krustig über die Jahre gelegt hat. Sie bröseln und bröckeln, ätzen und brechen, mahlen und zerreiben ihn, alles, die Häuse der Stadt, die Stadt, und, ja da leuchten die Augen, die Menschen in ihr, die sich ekel und krustig auf dem Asphalt festsetzten, ihn zu schützen als Schale der Schale. Doch nun sind sie wieder Frei, die kleinen Keimlinge, die es zu verbergen galt, die behindert wurden, unterdrückt, gemordet, da sie ja nicht leben konnten. Beim ersten Sonnenstrahl werden sie sich regen, wachsen, sprießen, wie Haare aus einem Männergesicht. Doch bis dahin ist es noch so lang. Schon stirbt die scharfe Wut in mir, schon glättet sich der Pelz im Hals, schon schließen sich die Fenster. Und die Stunden nutzen die Zeit. Beim ersten Sonnenstrahl wird sich eben nichts regen. Rein gar nichts, denn die Stunden haben neuen Asphalt gebacken, hart und krustig. Der morgendliche Spaziergang verklebt ihn noch mit genug Menschen. Das Leben kann weitergehen, unter doppelter Schale. Heute kann mir nichts passieren.

Konrad Schulze

picture: http://el1as.deviantart.com

Man stelle sich vor, dass deine Hand das Gerippe einer Schale ist. Früher war sie schön und voll, doch das kann man heute nichteinmal mehr ahnen, sind doch nur noch die Finger übrig, die wie die Knochen der Schale in die Luft ragen. Die Haut dazwischen fehlt, die sich spannt, bunt und fröhlich bemalt, lebend und das Leben in sich festhaltend. Übrig ist ein Skelett, halb im Sand vergraben, halb daraus hervorstechend, und nichts mehr da, das Leben in seiner Mitte festzuhalten. Die Schale ist tot, gestorben, schon vor langer Zeit, und die heiße Sonne hat sich alles geholt, was schön daran war. Früher saß ich gern in ihr. Auf einem großen Blatt, das in der Mitte auf dem Wasser schwamm. Schwarz weiß in Federn gekleidet. Geborgen und geschützt, die Hand konnte zum Kuppelzelt werden, das die Sterne oder die Wolken über mir aussperrte, eine Zelle, mit mir als Kern. Ich fühlte mich wie in einer Blüte auf hohem Turm, und wenn die Nacht gegangen war, so öffnete sich die Blüte wieder dem Himmel, ließen die Finger den Wind und die Sonne wieder zu mir herein. Nun finde ich nichts mehr in ihr. In der Hand. Das Wasser versickert, das Blatt verwelkt, nur salziger Sand, den der Wind zwischen die aufragenden Knochen wehte. Zusammengerollt liege ich am Grund der toten Schale, nur meine Hände als Kissen, und wenn die Nacht die Schale über mir schließt, komme ich mir vor wie in einem Brustkorb, der nur aus Rippen besteht. Alles kann zu mir herein, die Finsternis, die Wolken, die Blicke. Es hilft nichts, den Kopf unter den schwarz weißen Flügel zu packen, die Federn schützen nicht. Fast fühle ich mich selbst wie eine Scherbe aus der frohen Wand, zufällig mit einem vollständigem Gesicht, das nun für immer in den Sand starren muss, auf dem es liegt, erbarmte sich da nicht ein Archäologe. Aber Scherben können nicht frieren, wenn das als Beweis gelten mag, dass ich keine bin. Einsam, von der Schale verlassen, fragt die Schuld ihre eigene Frage, klopfen alle Fehler an, die echten wie die unechten, wie bei einem Casting, performen ihren Teil, einstudiert, und werden genommen oder abgelehnt. Am Ende schüttle ich die Tüte mit ausgewählten Fehlern und gieße diese über mich. Ich warte. Aber fressen muss ich mich wohl selbst. Langsam wandere ich davon, aus deiner Hand heraus, die als Mahnmal ihren Schatten immer dahin wirft, wo ich gerade hingehen möchte, über die große Sandwüste hin, eine Schnecke auf der Suche nach einem neuen Haus, weil das alte leider zertreten wurde.

Schauen wir, wann er auf die Idee kommt, zu fliegen.

the end

Konrad Schulze

picture: http://suerdas.deviantart.com