April 2007
Monthly Archive
Thu 26 Apr 2007
Man muss sich das Ganze wie eine Bühne vorstellen. Natürlich ist es keine, alles passiert völlig ungeplant und irgendwo, zufällig sozusagen, und ohne auf Ästhetik und Aussage zu achten.
Der Boden ist voller Nebel. Natürlich der Dramatik wegen, würde man kritisieren. Aber diesmal eben nicht. Der Nebel ist zufällig hier, die Dramatik ein Nebenprodukt, Abfall des Hierseins. Aber genug davon. Der Boden ist, wie gesagt, mit Nebel bedeckt, aus dem langsam ein Glas aufsteigt, ein schönes, edles Weinglas. Auf dessen Rand tanzt ein Mann, elegant, mit Melone und Schirm, noch wichtiger, mit schwarzen, glänzenden Schuhen. Leichtfüßig tanzt er auf dem Gals herum, springend, und hat damit etwas von einem Clown, der zwei Jahre Ballettunterricht nahm. Als das Glas gänzlich auf der Wiese steht, der Nebel hat sich verzogen und ein Feld voller nackter Leiber enthüllt, die, sich langsam bewegend, um das Glas verteilt liegen, springt der Mann vom Glas. Wütend, keiner weiß, warum so plötzlich, schwingt er seinen Schirm und schlägt das schöne Glas in Stücke. Die Scherben regnen weit umher, landen auf und zwischen den Leibern und spiegeln die Sonne, die rund am Himmel aufgehängt wurde. Nun hat das Glas nicht nur einen Rand, sondern hunderte. Sie liegen alle in Bodennähe verstreut, sind scharfkantig wie Rasierklingen und auf jedem von ihnen tanzt ein Clown. Vielleicht sind es die Leiber. Vielleicht lagen sie nur dort, um im richtigen Moment damit beginnen zu können zu tanzen. Doch halt, wir erinnern uns. Es gibt keinen Regisseur, heute nicht, der sie dort drapierte. Synchron tanzen die Tänzer, den Schirm schwingend, den Hut lüpfend, tanzen bis die Musik erlischt und nur ein leises Fiepen die Spannung hält.
Dann platzt die Sonne. Menschliche Körper strömen daraus hervor, einer nach dem Anderen, wie aufgefädelt, und verteilen sich über den Himmel. Schwarze Schatten in Menschenform, die über das Bild flattern wie Schmetterlinge, sich überall hinsetzen, die Flügel öffnen und schließen und Farbe ins Bild bringen. Wie schön. Aber, der Tag endet bereits. Die Nebel kriechen wieder über die Wiesen zurück und ersticken die Schmetterlinge. Müde sinken sie in das weiße Bett, zusammengerollt wie ihre Zungen. Natürlich fehlt der Monolog. Zwar war die Luft die ganze Zeit von Wörtern erfüllt, aber sie klangen vielmehr nach Musik, als nach Sinn.
Konrad Schulze
Wed 25 Apr 2007
Zu zweit sitzen wir in dem Raum gefangen. Der Raum ist, entgegen aller Gewohnheiten, nicht eindeutig. Gleichzeitig an der Oberfläche und unter der Erde, geschlossen mit nur wenigen Ausgängen und eine zerbrochene Ruine im Wald. Es ist nicht so, dass sich der Raum nicht enscheiden kann, was er sein möchte. Vielmehr ist er beides, und das selbstbewusst. In seiner Mitte befindet sich ein Schwimmbecken, mit allem Möglichen gefüllt, nur nicht mit Wasser. Vergessene Leben und liegengelassene Erinnerungen. Durch die Wände führen mannsgroße Röhren in das Becken, klaffen wie offene Münder in den bröckelnden Gemäuern und vermitteln uns das Gefühl, gleich müsse Erbrochenes daraus hervorquellen. Es ist düster. Das mag zum einen daran liegen, dass die Hälfte unserer Existenz tief unter der Erde stattzufinden scheint, zum anderen aber auch an der einfachen Tatsache, dass dies kein guter Ort ist. Schön wäre es, das gebe ich zu, wenn man böse Orte an ihrer Hässlichkeit erkennen könnte. Bei diesem ist dem der Fall, und nun, da wir hier sind, bin ich darum gar nicht mehr so froh.
Der Raum drückt auf uns, als wäre er zu eng, drückt uns zusammen, obwohl wir immer Angst davor hatten uns zu berühren. Aber nun, da wir in der Falle hocken, nun ist das auch schon egal. Die eine Angst wird von der anderen verdrängt. Auch Ängste führen Kriege. Wir sitzen in der Falle, gelockt und gefangen von ihnen. DIE, die in hübschem Fell oder Federkleid kommen, sich in die Hand und an den Hals schmiegen und dann, wenn sie den Argwohn im Boden versickern sehen, zubeißen, sich in Würmer verwandeln und in die Haut graben, die das Hirn erobern mit ihren sanften Liedern, bis sie es in eisigen Schlaf gehaucht haben, der ihnen überallhin folgt. SIE haben uns. Selten greifen sie so offen an, aber auch SIE wollen spielen, die kleinen süßen. Heute sind wir ihr Spielzeug. Es wird nichts zurückbleiben als bunte Angst, an den Wänden und auf dem Fußboden verschmiert, und ihr silbernes Lachen.

Dieser Gedanke hilft nicht. Ebenso hilft es wenig, dass aus den Röhren nun Geräusche zu hören sind. Tote Geräusche, widerwillig erwacht, kriechen und schlurfen, einzelne Töne sabbernd hinter sich zurücklassend, den Ausgängen zu. Zwischen den Ausgängen stehen wir. Ineinander verkrallt. Verbissen ja. Dein Herz nimmt mir fast den Atem, so hart schlägt es. Heftig wehrt es sich, als ich es herunterschlucke, pulsiert wütend in meinem Magen weiter. Fühlst du ähnlich? Hat dir mein Herz geschmeckt? Warte nur, bis es verdaut ist. Bewegungen. Die Münder spucken tote Bewegungen in das Schwimmbecken, staksend, murrend langsam, und Dunkelheit, denn im Dunkeln wächst die Panik leichter. Je näher der Haufen kommt, desto tiefer graben meine Fingernägel in dir, desto mehr verschwindest du und wirst ich, desto mehr werde ich du. Der Raum schafft es. Nichts ist mehr eindeutig, und aus den Schatten fallen uns Zahlen an, zerreiben das letzte Bisschen Materie, was wir voneinander übrig gelassen haben und streuen es bunt und planlos in den Wind. Silbernes Lachen bügelt uns in die Wände, das Becken, die Röhren, endlich verteilt und im Mikrokosmos aufgegangen. Die Sonne scheint durch ein Fenster und begrüßt SIE, die wunderschön ihre goldenen Haare durch den Raum weben, präparieren, singen, tanzen. Wir können davon nichts mehr sehen, nur spüren und fühlen. Und wenn die Angst ihren Weg herein findet und die Schönen vertreibt, so können wir versuchen an der Angst zurück ins Leben zu finden. Noch zweifle ich, aber die Hoffnung arbeitet schon, arbeitet mit IHNEN zusammen, die froh zwischen bunten Wänden leben.
Konrad Schulze
picture: http://suerdas.deviantart.com
Wed 18 Apr 2007
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Wenn ich davon träume, wo ich eines Tages wohnen werde, dann stelle ich mir eine Art Palast vor. Ich wohne in dem einen Flügel des riesigen leeren Gebäudes und in dem gegenüberliegendem Teil wohnt ein anderer Mann. Zwischen uns befinden sich endlose, kilometerlange Korridore,
derart viele leere Räume mit hoher Decke, in denen ich mich verlaufe, von welchen ich immer neue entdecke… Ich wandere in diesen Zimmern herum, manchmal treffe ich auch Fremde, manchmal auf ihn. Dann schlafe ich mit ihm in der Stille des verwaisten Ballsaals, durch dessen unverglaste Fenster die Schwalben hereinfliegen. Gemalte Giganten beobachten uns von der Decke aus und wir betrachten uns dabei selbst in den stumpfen Spiegeln. Dann begebe ich mich wieder in meine eigenen Gemächer. Manchmal treibt es ihn zu dem Zimmer, das ich bewohne, zu dem einzigen erleuchteten Fenster in diesem verfallenen Palast. Er bleibt zum Essen und dann für mehrere Tage.
Bartlett
picture: http://liquidkid1.deviantart.com
Sun 15 Apr 2007

1. Teil (Highlands, 4.4.2007)
Der Traum ist vor allen Dingen braun. Von Links nach rechts schwimmt zwar ein graues Monster, langer Hals, trüber Blick, immer schön langsam, aber sonst ist der Traum braun. Wie vertrocknete Büsche kriecht er über meiner Haut. Ob sie dem Monster hinterher wehten, käme er dazu? Eigentlich fehlt er. Damit er stürmisch an meinen braunen Haaren ziehen kann, oder mich an die Hand nimmt und den Rest des Wegen rennt. Heimlich blinzle ich eine Träne weg. Und dann muss ich, völlig unromantisch, auf einmal nießen. Ich kann mir schon vorstellen warum. Bestimmt ist wieder ein Schaf über meine Nase gekrochen, ein weiß leuchtendes Schaf zwischen braunem Gestrüpp, dass sich beim Abfressen des Traumes rhythmisch zu den Kaubewegungen hin und her wiegt. Das Nießen hat zwar das Schaf vertrieben, möchte gar nicht wissen, wohin; vielleicht in die Limonade, die dort drüben in der Sonne sinnlos ihre Kohlensäure verperlt, aber meine Nase juckt immer noch. Ich trau mich nicht, sie zu kratzen. Dazu müsste ich die Hand aus dem uralten Felsen lösen, das gäbe Risse im Gestein. Wie hässlich. Die Nase rümpfen hilft. Ein Glück, die Hand kann bleiben wo sie ist. Die dünne Pflanzenschicht, die sich seit dem letzten Jucken mühsam angesiedelt hat, bleibt unbehelligt. Ich bleibe nicht unbehelligt. Immer mehr blau dringt in meinen braunen Traum. Von allen Seiten. Aus langen Pfeifen. Blaues Wasser rieselt mir über die Brust zum Bauchnabel und scheitert beim Verusch, einen See zu bilden. Den Kopf umgibt plötzlich blauer Himmel, wo bisher nur brauner Kakao seine Runden zog. Fast fühle ich mich wie Dalí, denn überall öffnen sich blaue Türen, am Bauch, am Oberschenkel, im Gesicht. Auf und zu klappen sie, wie Fischmäuler, und meist kommt auch nix aus ihnen heraus. Außer Stille. Nur aus einer, einer , die ich gar nicht sehen kann, aus ihr kommt eine Straße, die mit toten Tieren gepflastert ist. Hasen und Fasane. Gejagt und plattgewalzt. Das Fell und die Federn würden sich leicht im Wind bewegen, wäre er anwesend. Schon wieder eine Träne. Unmöglich. Leichtfertig ergießt sich die Straße einen 70m hohen Berg hinab, denn ich mühsam erklettert habe, auf dem vereinzelt Bäume wachsen. Ich bin mir sicher: diese Bäume könnten laufen, nur haben sie gerade keine Lust darauf. Warum auch. Die Sonne scheint und es wird Frühling. Der braunblaue Traum hat auch kein T-Shirt an und liegt faul auf meiner Terasse. Bemerkenswert. Der Traum kommt völlig ohne Musik aus. Wie er das macht. Vielleicht liegt es daran, dass er so viel isst. Schon bekommt er einen braunen Bauch. Ein Schokohügel. Auf dessen Spitze steht ein gotisches Schloss, in dem sich eine Krankenschwester in weiß um dreißig Irre kümmert. Beim Herumkauen auf den Patienten wiegt sie sich rhythmisch, so kommt es mir vor. In einem Anfall von Leichtsinn unterstelle ich dem Traum, aus dreißig Menschen zu bestehen. Acht schlachte ich, der Rest flüchtet in die Berge und erfriert. Den Fluss interessiert das nicht. Er ist der Erste, der wieder blau über braune Steine fließt. Und der Wolken widerspiegelt, die er im Vorbeifließen bemerkt. Ich tue es ihm gleich und spiegle die Menschen, die mir entgegenkommen. Um das zu tun bin ich in die Stadt gefahren, aber nach zwei Stunden ist mir vom vielen Spiegeln so schlecht, dass ich mich zurück in die Berge flüchte. Dabei hatte ich noch gar nichts gesagt. Später erwache ich in einem sandfarbenen Zimmer, ziehe mir einen gelben Kapuzenpulli an und schlüpfe in rote Schuhe. Der Teppich ist seltsam grün.
2. Teil (Edinburgh, Glasgow, 7.04.2007)
Die Sonne ist warm. Ich lehne den Kopf in den Nacken und schließe kurz die Augen. Eine Erinnerung blitzt auf, an eine vom Frühling aufgeheizte Grabplatte, um die der Motorenlärm der Stadt herumschwimmt, als wäre sie eine Insel. Ein tailllierte Mantel liegt darauf, entspannt. Wie ich jetzt. Die Kellnerin holt mich zurück in das Café. Mit einem Schloss im Rücken fühlt sich die Limonade noch frischer an. Das Café ist leer. Irgendwo schreit ein unzufriedenes Kind seiner Mutter den Unmut sämtlicher Generationen ins Gesicht. Sonst ist es still. Am Nachbartisch sitzt ein Hut. Unter ihm eine alte Dame, die vorsichtig Schlagsahne von ihrem Kaffee löffelt. Sie kommt mir vor wie eine Deutsche. Aber: Wer nichts sagt kann nicht erkannt werden. Der Blick über das Tal schwingt sich anmutig durch die Felder, über die große graue Straße hinweg, die daliegt wie eine Zunge. Man wartet darauf, dass sie sich endlich zusammenrollt und die Autos wie Fliegen in den Schlund zieht, der sich hinter dem Horizont verborgen haben muss. Auf der anderen Seite trifft der Blick eine rote Kirche. Eher, eine rote Fabrik mit gotischen Fenstern, aus deren weit geöffnetem Maul ordentlich aufgereihte Grabsteine quellen, gut zu sehen, denn die Schatten dazwischen sind tief und die Wiese ist grün. Ein Kellner schreit mich an: Wow, you never heard of custard before? Ich lächle ein verwirrtes Nein. Dann wandern meine Gedanken zurück zur Kirche auf der andern Seite des Tales. Ich kann mich nicht entscheiden, finde ich sie plump oder schaurig? Bestimmt gibt es irgendwo eine Brücke, eine aus alten Zeiten, eine, die weg von hier führt. Der Hut ist gegangen und hat die alte Frau mitgenommen. Übrig ist ein Häufchen Sahne, in dem ein Löffel steckt. Ich bin mir sicher, die Dame hätte es gern noch gegessen. Die Kellnerin ersetzt jetzt die Sahne durch drei Tassen Tee. Der Tisch bleibt jedoch leer. Gespannt beobachte ich, wie nichts geschieht. Ein Blick über die Straße erzählt: ihrem Sinn beraubt stießen jungen Menschen die Grabsteine um. Auch Friedhöfe werden alt. Die Kirche kann sich nicht enscheiden, ob sie lieber eine Ruine wäre. Aber ich fürchte, dazu fehlt ihr eine Revolution. Ich werde sehen, was ich tun kann.
Hier, auf meiner Seite, passiert nichts. Gut, der Tee kühlt aus. Ein verlorener Föhne schwebt durchs Bild. Die Kellnerin wischt eben abgewischte Tische ab. Aber es geschieht nichts. Ich übe mich im Langsam-Blinzeln. Dabei wirft sich das Sonnenlicht in tausend Farben über die Landschaft, die sich nicht wehren kann. Machtgefühle durchströmen mich. Bis sich die erste Wolke vor die Sonne schiebt. Es ist eben ein weiter Weg bis nach ganz oben. Ich zerreibe den hart gewordenen Kuchen zwischen zwei Fingern und streue auf jeden Tisch einen Buchstaben. Wenn nun jemand das Café von oben fotographierte, ein Alien vielleicht, ich würde literarisch und philosophisch wertvolle Fragen in den Weltraum schicken. Ich bemerke jedoch nichts davon. Der nächste Wind trägt den Kuchen in den nahe gelegenen Wald. Inzwischen haben Bäume die Straße umzingelt und festgenagelt. Immer weniger Fliegen kriechen darauf herum. Und jetzt trägt der Wind auch die letzten Reste der Kirche in den Wald, rot leuchtet “Betreten verboten”.
Als ich das Café verlassen will, zwinkert der Kassierer und steckt mir zwei Kekse zu.
3. Teil (Passau, 15. 04. 2007)
Völlig erschöpft tauche ich den ersten Keks in die warm gewordene Limonade. Zu hause. Vom Balkon sieht alles anders aus, sogar die Wolken, die bunte Röcke anhaben könnten, Sommersprossen, was weiß ich. Mir fehlt die Fantasie, und die Kekse liegen schwer im Magen. So kann man sich nicht erinnern. Man sieht auch keine Schafe von dem blöden Balkon aus. Ich werde sie wohl suchen gehen müssen, barfuß, in grade erblühenden Wiesen und Bäumen. Meine Finger graben sich tief in das weiße Fleisch der Vergangenheit und reißen große Stücke daraus hervor, die ihren Sinn auf den Boden tropfen und nur darauf warten, weggeworfen zu werden. Aber nein. Ich werde sie mit Tesa in einem Buch festkleben. Festkleben und eintüten, denn es wird stinken, schon nach wenigen Tagen.
Konrad Schulze
picture: http://liquidkid1.deviantart.com