March 2007
Monthly Archive
Fri 30 Mar 2007
(mal wieder was neueres, von heute sozusagen)
Und du weißt genau was dann passiert. Du weißt es, und machst es trotzdem. Vielleicht magst du das Gefühl ja. Das kann sich zwar keiner vorstellen, aber anders kann man sich das ja nicht erklären. Warum du das immer wieder tust. Du hörst dieses Lied. Wenn man sich anstrengt kann man dich dabei genau sehen. Wie du auf dem Sofa hängst, der Kopf liegt abgeknickt auf der Lehne. Deine Haut, fast so grau wie der schäbige Stoff, fahl, die Lippen leicht geöffnet, damit keiner bemerkt, dass du noch atmest. Zum Glück weiß jeder, dass du schön bist, denn so kann es niemand erkennen. Du hörst dieses Lied und wanderst aus dir heraus, hast du einmal gesagt, doch es sieht jedesmal aus, als kehrtest du nie wieder zurück. Über deine Haut kriechen blaue Adern, formen Buchstaben, Fratzen, ballen sich in kalter Wut oder entspannen sich, sickern so tief, dass man sie nur erahnt. Und bei jedem Herzschlag malen sie neue Bilder. Wenn die Mischung aus Angst und Ekel nicht so abstoßend wäre, so schaute man fasziniert zu. So aber muss man immer wieder wegsehen und kann das Schauspiel nicht verfolgen.

Zum Glück sind deine Augen geschlossen. So stellt man sich nur vor, wie die Pupillen unter den Lidern zurück in den Kopf gewandert sind und man das Weiße hin und herrollen sieht, das Weiße mit den blauen Äderchen. Dich berühren? Niemals. Man sagt, der einzige, der es tat, hat sich nachher die Hand abgehackt, um das Gefühl vergessen zu können. Seitdem spricht er nicht mehr. Du sprichst auch nicht. Warum sprichst du nicht? Auch wenn du das Lied nicht hörst. Du sagst so wenig. Du schaust die Leute immer nur an, mit deinen Augen. Fesselst sie mit ihnen. Keiner rührt sich oder spricht, wenn du ihn anschaust. Es ist immer so still bei dir. Jetzt aber ist es noch viel stiller als sonst. Niemand bewegt sich. Alle lauschen. Ob du noch atmest. Und weißt du, das intensive Lauschen schluckt auch noch das letzte Geräusch, so dass die Stille fast schnittfest wird. So vergehen die Stunden. Die Welt schweigt, schweigt und lauscht, und du hörst dein Lied. Über deinem Kopf schwebt die Krone, nur noch schwach zu erkennen. Nicht viele können die Krone überhaupt sehen. Von überall kommen die Leute, um zu erfahren, ob sie zu den Auserwählten gehören, den Auserwählten, die die Krone sehen können. Aber das kümmert dich nicht. Nichts kümmert dich, außerhalb des Liedes. Man könnte zornig werden, so viel Phlegmatismus. Merkst du denn nicht, dass sich die ganze Welt nur um dich dreht? Merkst du nicht, wie sich die ganze Welt zerstört, damit du sie wenigstens einmal bemerkst? Aber nein! Du bemerkst es nicht. Du bemerkst auch nicht, wenn niemand mehr das Brot bringt. Verhungern würdest du, Elender. Frohen Mutes auch noch. Pah! Warum sie das nicht endlich tun, fragt man sich. Warum lassen sie dich nicht einfach verhungern! Warum lassen sie die Krone nicht ein für alle Mal endlich erlöschen?! Warum nicht?!
Konrad Schulze
picture: http://liquidkid1.deviantart.com/
Mon 26 Mar 2007
achtung, älter
Der Raum ist leer. Kalter Rauch hängt in der Luft, ebenso kalte Musik. Ich weiß nicht wieso, aber ich stehe langsam in dem Raum. Noch nie habe ich langsam gestanden, doch heute ist ein andere Tag. Es ist, als ob man das Gras wachsen sieht. In dem Raum wächst jedoch kein Gras mehr. Alle Fenster sind schon vor langer Zeit zugeklebt worden. Manche sogar vernagelt. Heute werde ich den Raum verlassen. Ich habe Angst, jemand könnte auch noch die Türen versperren. Leise bitte ich mich um mein Lieblingslied. Die Hand zum Gruß erhoben hebe ich ab. Ganz langsam löst sich der Saugnapf, der den Abend auf dem staubigen Boden festgeklebt hat. Eine Krähe fliegt mit mir ein bisschen durch den dunklen Raum, dann setzt sie sich auf meine Hand. Der Raum ist angefüllt mit Schatten. Eine zeitlang spiele ich mit ihnen. Ich gleite durch sie hindurch und spüre ihre Erinnerungen, die Gesichter und Lieder. Der Abend ist so leicht geworden, dass ich oft lächle dabei. Dann kriechen die Erinnerungen an meinen Zähnen vorbei in meinen Mund. Ich spucke sie natürlich aus. Der Gedanke, Erinnerungen zu verdauen, erscheint mir unerträglich. Deswegen beginne ich zu tanzen. Dabei fallen mir die Augen zu. Im Traum schwebe ich weiter durch den leeren Raum. Doch ist er nicht länger leer. Ich träume nie von leeren Dingen. Immer ist alles voll von Menschen, die ich lieben könnte. Am nächsten Morgen schließe ich dir Tür, hoffend, die Schatten die ich einsperre, sind bloß Schatten. Wer kann schon sagen, wann ich träume?
Konrad Schulze

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Mon 26 Mar 2007
Posted by Haselmaus under
QuätschigesNo Comments
achtung, älter. Ich entschuldige mich schon im vorraus.
Vielen Dank an:
Der zerbrochene Krug, Das Ischtartor, Inseln im Strom, Geschichten aus der Murkelei,Die Nebel von Avalon, Die unendliche Geschichte, Edda, Sterntaler, Das Kartengeheimnis, Katzen haben sieben Leben, Prometheus, Tand, Dornröschen, Ronja Räubertochter, Tanz der Vampire, Der Däumling, Herr der Ringe, Däumelinchen, Midgard
Fieberwahn nach abgeschlossener Kindheit.
Von meinen müden Augen fortgewandert zerbricht der leere Krug und ergießt seinen Inhalt über die große, zuckende Masse, die uns immernoch trennt. Kein Wort stört das friedliche Geräusch des Zerbrechens. Von nun an werde ich schweigen, so denke ich. Gerade in diesem Moment. Die leere Welle schwappt über die Landschaft, die man sich grau einbildet, zerreißt ein paar in Öl getunkte Möwen und versickert dann in den Tälern, die aussehen wie Furchen in einer Walnuss. Vielleicht sehen wir gerade das Beet eines Gottes? Vereinzelt leuchten Buchstaben auf, rötlich-grün, ja pulsierend. PERELIN kann ich lesen und die Sonne scheint. Der junge Wald ist kein guter. Schon zeitig beginnt er sich von mir zu ernähren. Der schlechte Versuch zu widerstehen muss scheitern. Halb verzehrt fehlt mir die Kraft, einen weiteren zu starten. Wenn der Tag mich nicht rettet, so könnte es die Nacht, bestimmt, hoffe ich, doch als Jormungander den Pfad des Abends nimmt, hat ihr Gesicht die Farbe eines mondenen Kleides. Vom Glück verlassen tropfen Tränen vom Saum ihres Kleides in das doch nicht graue Gras, welches aus der halben Nusschale wächst, auf der wir stehen. Die schwarzen Haare Morgades erwürgen Perelin, für kurze Zeit zwar, aber sie fesseln mich auch an den steinigen Grund, bis meine jungen Füße vernarbte Sohlen bekommen. Fast sind sie versucht in den Fels zu wachsen, aber ich habe keine Geheimnisse mehr, und so muss ich keine hüten. Und vor aller Augen wird Morgade ein stark weinender, schwacher Mann, den ich in den Arm nehmen muss, und dessen Hand so warm ist, und dessen Mund mich weckt, ein neues mich. Doch um uns wächst ein neuer Wald, voller Graugnome und Rumpelwichte. Mein Schrei, das höre ich jetzt, ist nicht mehr menschlich. Der Blutdurst entfaltet meine Schwingen, durch die Lüfte segle ich neuen Nussschalen entgegen, deren Menschen zu finden und endlich zu zerfleischen. Doch an der Scherbe des leeren Kruges schneide ich mir alle 10 Finger ab. Nun kann ich nicht mehr fliegen. Zur verletzten und geblendeten Spinne geworden ziehe ich mich unter die Erde zurück und warte, bis ich im nächsten Frühjahr keimen werde. Dann gande euch einer, wer auch immer.
Konrad Schulze
Fri 23 Mar 2007
Manchmal bin ich ein Ei. Ganz zusammengeballt die Kraft. Fast springen blaue Flammen über die goldene Schale, dass es knistert. Wenn ich dann platze, so zerbirst die Schale knirschend wie ein Fels. Schrill und kreischend entweiche ich dem goldenen Käfig, sprenge die Wände zur Seite und pumpe meine Seele auf, so dass sie sich entfaltet wie trocknende Flügel in der Sonne. Ich bin eine Schlange, die aus dem Knoten ihrer Kraft langsam den Kopf hebt, einem ungewissen Feind entgegen, und trotzdem furchtlos, die starren Augen dunkle Glasperlen mit Rissen und Sprüngen, hinter denen roter Wahnsinn flackert. Langsam wachse ich aus dem Traum des kleinen Jungen heraus, um den sich Getreide wie eine braungelbe Krone rankt und blicke auf das nebelige Tal vor mir, durch das gebeugte Frauen gleiten, die schwarzen Haare nass und schwer, ziehen den Kopf nach unten, so dass man nicht in ihre vermutlich bleichen Gesichter sehen kann. Ich würde das ganze Bild gern mit der Hand zerdrücken, doch habe ich keine Hände. Zumindest keine, mit denen ich Bilder zerdrücken darf. Noch nicht.

(Quelle und Copyright: http://chrystkat.deviantart.com/)
Meine Zehen haben sich tief in die Erde gegraben und dort einen kalten Fluss entdeckt, aus dem sie gierig trinken. Das Wasser schmeckt so bitter, dass ich davon Locken bekomme. Die Nebelfrauen beginnen derweil einen Tango der Schwermut. Sie sehen aus wie zarte Blütenbätter, die ein wütender Junge von seinen Ästen gerissen hat, um männlicher zu erscheinen. Sie bekommen auch langsam braune Streifen und Ränder. Die Sonne wird sie in wenigen Stunden zu hässlichem Staub zermalen, der wie Tod zwischen meinen Zähnen knirscht, süßlich und betäubend. Und dann tropft langsam goldener Nektar von meinen Fingern und bildet um mich herum einen See. Tausend Augen sehen mich daraus an. Was sie noch nicht wissen: Der See ist klebrig und zäh und nichts kann ihm wieder entkommen. Bald kann man die Augen in gelben Würfeln aus dem See schneiden und wie Bersteinketten um den Hals tragen. Auch ich entkomme dem See nicht. Festzementiert stehe ich über dem nebeligen Tal, kann es nie erreichen, aber ich habe andere Pläne. Ich winde meine Arme um das Tal, mehrfach, wie starke Äste, und ziehe es an mich, in meinen Schatten hinein, in meinen Bauch, woher es kam, wo es sicher ist. Das Tal erlischt wie eine Kerze, ausgeblasen von einem Geist. Und die ganze Kraft, die mich das Ei sprengen lassen hat, sinkt mit der Leiche zu Boden. Wäre ich nicht aus Holz, ich würde mich daneben legen, in den See, zu den toten Frauen und dem Tal. Doch nein. So sehr ich mich auch danach sehne, ich bleibe aufrecht stehen.
Weißt du, es ist ein seltsames Gefühl, so tot, so riesig, so allein. Ich fühle mich nur wohl, wenn Schnee auf mir liegt, dann bekomme ich eine Gänsehaut, und das kitzelt so schön. Langsam werde ich morsch. Ich bemerke wie kleine Brocken aus mir herausfallen. Zähne aus einem alten Mund. Und der Mund lächelt trotzdem. Ein weißer Schwan landet auf meinem Arm und lässt sich von meiner bröseligen Hand streicheln. Später nimmt er mich mit. Der alte Baum bleibt zurück, zerbrochen, vom Blitz getroffen, was weiß ich. Ist jetzt auch egal. In die Federn eines Schwans gekuschelt fliege ich fort. Dazu stelle ich mir Musik vor. Und ein Bild, aus dem heraus ich endlich in eine echte Welt fliegen kann. Doch das Licht geht schon aus. Nur ein Lichtstrahl bleibt, und folgt man ihm durch die ganze lange Nacht, vorbei an den staubigen, muffigen Polstersesseln und barocken Gispsäulen, worauf ich aber keine Lust mehr habe, so findet man am Ende ein kleines Ei, das wackelt.
Konrad Schulze
Fri 9 Mar 2007
Die Tür fällt ins Schloss. Völlige Dunkelheit. Ich stürze zurück, aber da ist nichts mehr. Keine Tür. Nichts. Um mich herum nur die Schwärze. Und ein kühler Luftzug, plötzlich, der kaum zu spüren ist. Er bringt den feuchten Geruch von Moos mit sich. Ein zittern durchläuft mich, ich muss die Augen schließen. Die Haare an meinen Armen stellen sich auf, als kämpften sie gegen den Wind. Als ich die Augen wieder öffne, stehe ich in einem Wald. Die Bäume sind gerade und dick wie Säulen und tragen ein Dach, dass nur zu erahnen ist, so hoch schwebt es über mir. Zwischen den Stämmen liegen weiße Tücher, Nebel, der kriecht über den Waldboden wie eine entfernte Frauenstimme. Langsam löse ich den Fuß aus dem Boden. Das kalte Moos saugt jeden meiner Schritte auf. Nichts ist zu hören. Nur die Stimme des Nebels, die alle anderen Geräusche verschluckt. Ich bemerke, dass ich ein weißes Kleidchen anhabe. Ich muss lachen. Zu hören ist nichts, denn der Nebel leckt mir die Stimme schon aus dem Hals, bevor sie meinen Mund verlassen kann. Während ich gehe wachsen zwischen den Bäumen rotschwarze Wände in den Himmel. Bald schon bin ich eingeschlossen von ihnen. Unheimlich, wie sie so leicht pulsieren. Fast meint man Adern zu erkennen, die den weichen Stein durchwachsen. Und jetzt kommen auch noch weiße Körper von oben herab. Junge Männer. Die Haut ganz weiß, fast durchsichtig, schweben sie langsam zur Erde und zerplatzen. Aus ihnen quillt noch mehr Nebel. Doch bevor sie zerspringen wie Seifenblasen liegen sie in der Luft, Badenden in einem Fluss gleich. So entspannt. Doch sind sie tot. Die Hände sind so schlaff. Um mich herum regnet es die Leichen junger Männer! Völlig Blutleer! Voll Ekel schließe ich die Augen. Mein Herzschlag wird lauter. Ein Herzschlag wird lauter. Die Wände um mich her pumpen. Immer schneller und gewaltvoller. Mir wird alle Luft aus dem Bauch gesaugt, fast entsteht ein Loch, dort wo er sein sollte. Meine Brust zieht es nach oben. Die ganze Kraft meines Körpers ballt sich in meinen Händen und Füßen. Und die Wände pumpen. Immer näher. Leise flüstert der Nebel sein stummes Lied in meinen Kopf, während meine Hände vor Kraft zu Krallen werden. Unbeweglich, es ist mir unmöglich etwas zu tun, schau ich mir dabei zu wie ich zerissen werde. Nackte tote Männer fluten auf mich ein und zerplatzen an meinen verkrampften Händen. Die Wände pulsieren jetzt ganz nah und laut. Pochen gegen meine Schläfen. Quetschen mich zusammen. Und plötzlich hört alles auf, ohne dass es ein Ende gab. Es gibt auch kein Danach. Fast bin ich mir unsicher, ob es ein Davor gab.
Konrad Schulze

http://liquidkid1.deviantart.com/
Tue 6 Mar 2007
Posted by Haselmaus under
QuätschigesNo Comments
Aber gut. Ich erzähle etwas.
Vor langer lange zeit lebte einmal eine Muschel. Sie lebte schon sehr lange und war riesengroß. Ihr Panzer schillerte in den erdenklichsten Farben und sah wunderschön aus. An vielen Stellen war er jedoch von Seetang und Korallen bewachsen. Dies machte ihn aber nur noch schöner.
Eines Tages nun erwachte die Muschel und stellte erschreckt fest:
Die schönste und größte ihrer Perlen war verschwunden!
Völlig außer sich öffnete sie seit langem wieder ihren Panzer. Der Strudel, der dadurch in dem Weltmeer entstand versenkte ganze Kulturen und nur ein kleines Boot konnte sich mit ein paar Tieren vor den Fluten retten. Wie die Muschel so aus ihrer Schale herausschaute, war sie sehr verdutzt, denn inzwischen war sooo viel Seetang und es waren sooo viele Korallen über sie gewachsen, dass sie die Schale ganz weit öffnen musste, ehe sie ins offene Meer hinausschauen konnte.
Sogleich kam die Königin des Meeres herbeigeeilt, beunruhigt durch dieses seltene Ereignis, und wollte wissen, was denn los sei. Zornig erzählte die Muschel, dass ihre Perle gestohlen worden sei. Und auch noch die größte und schönste. Die weise Königin jedoch lächelte die Muschel nur an.
“Deine Perle ist nicht verschwunden. Sie ist nur so groß geworden, dass sie inzwischen ein Teil deines Hauses ist. Und nun kannst du sie nicht mehr von deiner Schale unterscheiden.”
Denn wie sonst hätte jemand durch die Korallen in ihren Panzer vordringen können?
Die Muschel fühlte sich sehr dumm und schloss ihren Panzer für lange lange Zeit. Bis heute hat sie ihn nicht wieder geöffnet. Hoffen wir, dass das auch so bleibt.
Sun 4 Mar 2007
Langsam dreht sich das Eichenblatt. Dreht sich durch die Luft und sinkt dabei. Keiner weiß woher es kommt, denn hier gibt es keine Bäume. Aber keiner beachtet es. Ich sitze im Bus. Überall dicke Frauen. Vor mir, hinter mir, seitlich. Fast schon über mir. Und sie reden. Sie schreien.
Sie quietschen. Schrill. Der ganze Bus ist ein schrilles Geräusch, dass die Form einer dicken Frau annimmt. Langsam kann ich das Netz zuziehen, kann absperren. Die Frauen werden leiser, aber auch dicker. Immer engmaschiger wird das Netz, ein Schutzwall, ich sperre das Schrille aus, doch kann ich ihre Münder noch sehen. Auf und zu, mit fleischigen Lippen, die immer näher kommen, immer feuchter werden, bis die Geräusche in Fäden an ihnen herunterhängen. Ganz nah sind sie, keifen sie, lachen sie, alles stumm und widerlich nass. Draußen rinnt der Regen am Fenster herunter. In jedem Tropfen sehe ich mich, ganz klein, kaum wahrnehmbar, mit weit aufgerissenen Augen. Als das Eichenblatt an meinem Fenster vorbeidreht, kann ich mich endlich befreien. Ich springe aus meinem Kopf, direkt durch das berstende Glas der Scheibe und bin frei. Mein Gesicht trinkt den Regen. Man kann mich von hier sehen, wie ich im Bus sitze, die Hände ins Gesicht gekrallt, im schrillen Fett badend. Langsam ziehe ich das Gesicht von mir, löse es von meinem Kopf wie eine Maske. Dahinter quellen blutige Puppen hervor, füllen langsam den Bus, bis sie die glänzenden Münder verstopfen, die Frauen ersticken. Als der Bus endlich losfährt landet das Blatt in einer Pfütze. Ich darunter, zerdrückt vom Gewicht des vergilbten Laubes.
Konrad Schulze
picture: http://visioluxus.deviantart.com/