November 2006
Monthly Archive
Thu 23 Nov 2006
Der Text ist schon älter. Also keine Angst. Ich zerhau keine Spiegel mehr. Wäre auch schade um den Ganzkörperspiegel, der mir erlaubt zu prüfen, ob die Mütze zu den Schuhe passt.
Nie
Spürst du, dass ich vor dir stehe? Ich hoffe es. Meine Hand gleitet langsam über dein Gesicht, deinen Hals. Alles ist so glatt, so kühl, das passt gar nicht zu dir. Deswegen rollt auch die kleine Träne zu deinen Lippen, die ich nicht wegwischen kann. Dafür bist du dann doch zu weit weg. Der Versuch, sie dir vom Mund zu küssen breitet sich als kaltes Salz in mir aus, bis ein stechender Schmerz in der Schläfe die Zärtlichkeiten beendet. Ich kann nicht anders, nun muss ich mich wegdrehen. Rücken an Rücken rutschen wir der Erde entgegen, aber es ist gut so. Wenn ich dich nicht sehe, bist du viel klarer zu erkennen. Die Wolke in meinem Bauch schwillt an und regnet sich auch wieder leer. Oft. So sitzen wir. Die Tropfen um uns sind groß und schlagen schöne Wellen, die helle Ringe aus Licht um die Welt legen, schnell sterbend. Ab und zu habe ich das Gefühl, in deine Hand geborgen einzuschlafen, aber dein glatter, kalter Rücken ist doch unbequem. Das passt gar nicht zu dir. Jetzt tanzen wir. Ich schließe die Augen. Du bist so leicht. Wenn nicht dein kühler Atem wäre, ich müsste nachschauen, dass ich dich auch nicht verloren habe. Für so lange Zeit. Bei dem Gedanken rollt eine Träne zu meine Lippen. Küsst du sie weg? Schade. Dann tanzen wir eben. Stillstand trotz Bewegung. Du sagst so wenig. Hast du schon mal daran gedacht, dass mich das wütend macht? Ganz heiß werde ich dann, rot glühend, und meine Wolke ballt sich zu einem schwarzen Klumpen, der nach Zerstörung schreit. Und die Wellen sind plötzlich hoch und höhlen das Kliff. Meine Arme stoßen dich weg, wir schubsen uns, und das tut so weh. Einmal werde ich dir mit dem Kopf noch die Nase einschlagen, du wirst sehen. Heute zum Beispiel. Für so lange Zeit. Das Salz ist ein Wind und die Flammen brüllen mir aus den Augen. Ich trete ganz nah an dich heran, unser Atem steht zwischen uns, so dass wir uns nicht sehen, ich heiß und du kalt. Und dann schlage ich zu. Einmal, zweimal. Um mich fallen Scherben. Mein Leben. Rinnt langsam durch die noch werdenen Falten auf meinem Gesicht. Rot un aus offenen Höllen. Für so lange Zeit. Und das zwingt mich endgültig hinab zu dem Scherbenhaufen, der zusammengesetzt nicht dein Kopf sein wird.Konrad Schulze
Wed 8 Nov 2006
Die Zeit der Annemonen
Eines Tages, ich muss noch sehr klein gewesen sein, da betrat ein Mann unser Dorf. Sehr groß war er, mit dunklen Augen, so dass viele sagten, man könne ihn nicht richtig sehen, denn schwarze Wolken umgaben ihn, die waren Angst und Furcht. Trotzdem gibt es ein paar wenige, die ihn sahen und berichten, er sei völlig nackt gewesen, trotz der Kälte, die er mitbrachte. Schwarze Haare reichten bis zu seinen Füßen, doch man munkelt, sie wären totes Wasser, denn wo er hintrat, bildeten sich schwarze Pfützen und Dämpfe, welche davon, nach toten Bäumen riechend, aufstiegen und die Sonne verdunkelten. Die Tage wurden umso dunkler, je länger er in unserer Stadt blieb, und all die Farbe wich von den Straßen. Die Menschen scheuten und trauten sich nicht recht aus ihren Häusern, und dort, wo er klopfte, da schlossen sich die Fenster und Türen für immer, denn niemand sah jemals nach, auch nicht, als der Mann fortgegangen war. So trug es sich zu, dass unser Dorf tot erschien, als er durch dessen Gassen schritt, und noch lange danach.
Doch um die Mauern war es ganz anders. Ein Kind tollte dort, das brachte der Schwarzhaarige mit, dass schrie die ganze Nacht und oft am Tage. Tausend Füße hatte es, und man sagt, es wären nur Jungenfüße dort, aber ich erkannte auch manch vollbusiges Mädchen dazwischen. Die Weinrebe in der einen, das Holzschwert in der anderen Hand, so schrie und lärmte es um die Stadt und zertrampelte die Felder, und was der Schwarzhaarige weiß werden lassen hatte, das beschmutzte es mit schlammigen Stiefeln. Auch das Kind roch nach sterbenden Bäumen, und man konnte den Wald in weite Ferne rücken sehen, wenn man den Mut hatte, über die Mauer zu linsen. Viele von mir starben bei dem Versuch, zusammengesunken, ich weiß nicht, ob durch das Kind oder den Mann. Doch eines wusste ich: Das Kind ähnelte sich völlig, und ich konnte es nicht voneinander unterscheiden, und wenn eines von ihm starb, so bemerkte ich das kaum. Erst, wenn es müde geworden war, sah ich die Reste, welche von dem Kind zurückgelassen worden waren. Kind und Mann färbten damals die Mauern und Felder rot, doch deckte der Mann oft weiße Barmherzigkeit darüber, allein, um mir den Anblick so vieler Toter zu bewahren.
In den Häusern saß nun eine Frau. Sie zu beschreiben fällt mir am schwersten, denn ich sehe sie wohl davor und danach, doch erinnere ich mich nur schwach an sie, wie sie während der Zeit der Annemonen aussah. Zwar blieben mir Bilder von ihr, wie ihr einst blondes Haar nun grau auf ihren Schultern lag und vergeblich versuchte, sie zu wärmen, oder wie sie singend am Webstuhl aus den Haaren toter Menschen und Pferde eine Decke webte, doch sind es nicht viele. Dies weiß ich: ihr Singen hallte durch alle Häuser der Stadt, denn niemals wurde sie müde. Die Melodien wurden bitterer zwar, die Stimme brüchiger und voll Schmerz, doch sie sang, und hörte nicht eher auf, bis Mann und Kind Ruhe gegeben hatten. Der Chor ihrer Stimme verblasste, doch immer kroch er über die Gassen und besänftigte das Kind, schläferte es ein, umgarnte den Mann, niemals schlafend, bis sie schließlich als scheinbare Siegerin aus der Zeit der Annemonen hervorging. Das Kind kehrte, wenn auch verstümmelt, an ihren Rock zurück und bestellte nun die Felder und bepflanzte die abgebrannten Wälder neu. Der Mann jedoch ging fort, und schaut nur von fernen Bergen herab, als vergessene Drohung, dass er wiederkommen würde.
Ich habe die Zeit der Annemonen damals wohl kaum unbeschadet überstanden, denn mir wurde gelehrt, Männer zu fürchten und Kinder zu hassen, doch meine größte Angst gilt den Frauen, die in meinen Augen die Zeit der Annemonen für sich entschieden. Und weil ich so denke, alles nicht verstanden habe, bin ich zu schlechten Menschen geworden.
(Denn jetzt, wo ich sterbe, weiß ich: Wer einen Mann fürchtet, wird schnell zu einem Paar Füßen des Kindes, und wer Kinder hasst, der wird schnell zu einem Mann, wie jener damals einer war, jedoch, und ganz besonders dies, man sollte nie Angst vor denen haben, die so stark sind, solche Zeiten zu überdauern.)
Konrad Schulze
Sun 5 Nov 2006
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Schneckenhaus
Ich laufe eine Landschaft entlang. Eigentlich hört es sich an, als ob ich ein Schiff segelte, doch nein. Ich bin mir ziemlich sicher, zu laufen. Hundertprozentig weiß man das ja nie. Ich träume so viel. Um nicht ganz stehen zu bleiben, einige ich mich mit mir, dass ich laufe. Obwohl ich dich nicht sehe, so weiß ich doch, dass ich dir hinterher laufe. Einholen werde ich dich freilich nie. Den goldenen Hirsch der brennt kann man nicht einholen, sagen sie. Tausendmal schon habe ich das probiert. Einmal verwandelte ich mich in einen Elf, so ein kleines Ding mit Flügeln und spitzen Ohren, nur um dich einmal zu sehen. Am liebsten hätte ich mich nicht wieder zurückverwandelt, aber das ging natürlich nicht. Eingeholt habe ich dich auch nicht. Ein andermal war ich auf dem richtigen Weg. Fünf Wochen folgte ich dir, mit nackten Füssen, so dass ich sie mir blutig lief, quer durch ein fremdes Land, dessen Sprache ich nicht verstand. Irgendwann kam ich ans Meer. Die Sonne ging gerade unter und malte eine goldene Strasse auf die windstille See. Seitdem weiß ich, dass du Flügel hast. Ich habe keine. Ich versuchte es mit schwimmen, aber irgendwie kam ich nicht weit. Und als die Sonne im Meer erlosch, verschwand auch die Strasse, die du genommen hattest.
Manchmal kommen mir Zweifel, ob du wirklich ein goldener Hirsch bist, und ob du wirklich brennst. Aber eigentlich bin ich mir sicher. Ich darf mich nicht verwirren lassen, sonst werde ich dich wohl nie finden. Die Landschaft ist zu Ende. Es ist wie mit einem guten Buch. Man ist traurig, dass es keine Fortsetzung gibt, aber es geht trotzdem weiter. Und bald schon kommt das nächste. Vielleicht, denke ich ist die Welt ein Bücherregal. Ich bin mir nicht sicher, ob du dann der Autor, der Zimmermann oder gar bloß der Bibliothekar bist. Dort angekommen erinnere ich mich. Du bist nichts davon. Du bist ein goldener Hirsch der brennt.
Das Schiff legt ab und im Bauch des Schiffes spielt eine Orgel. Drei Töne spielt sie, brummt immer nur die selbe Melodie. Vielleicht hat das Schiff Hunger, denke ich. Also suche ich etwas. Am einfachsten wäre Fisch. Da kommt mir eine bessere Idee. Ich steige in den Magen des Schiffes hinab. Mal sehen, vielleicht braucht es mich. Die Orgel ist aus Fingernägeln erbaut. Sie ist nicht fertig. Endlich reicht mir der glatzköpfige Organist eine Schere. Zehn neue Fingernägel. Schnell verlasse ich den Bauch. Auch wenn jetzt vier Töne erklingen, ich mag das Schiff nicht mehr. Ich weiß, ich habe eben meine Seele verkauft. An Deck springe ich über die Reling.
Ich falle. Unter dem Schiff war kein Meer. Es waren Wolken. Inzwischen sind sie über mir. Ein weißer Drache fällt eine Weile mit mir und lächelt. Irgendwann werde ich ihm langweilig. Mein dummer Stolz. Ich hätte ihn fragen sollen, ob er mich nicht auffangen mag. Aber ich habe schon so viele weiße Drachen getroffen, und konnte mich nie überwinden, einen anzusprechen. Mir erscheint es plötzlich, als ob das mein innigster Wunsch wäre. Mit einem weißen Drachen sprechen.
Mir wird so einiges klar. Ich sehe die Reihe meiner Fehltritte und entdecke dazwischen eine Masse guten Willen. Geholfen hat der anscheinend nicht. Während ich falle, beschließe ich, mich von mir zu lösen. Ich sollte dich nicht in mir suchen, fällt mir auf. Ich habe das Gefühl, aufzuprallen, in einer Sekunde zu zermatschen. Aber plötzlich sind da weiche Flügel um mich, und ein goldenes Licht blitz in meinem Herz. Es ist angenehm warm. Wenn man die Augen nicht aufmacht, sieht man gar nicht, dass du brennst. Aber ich mache die Augen nicht auf. Noch genieße ich. Später sagt man, ein goldener Hirsch sei in meinem Garten gelandet. Seit dem spreche ich auch mit den weißen Drachen. Sie machen mich sehr glücklich. Oder ich sie. Das weiß ich nicht so genau. Niemand, das wundert mich, hat gesehen, dass du brennst. Ich werde es ihnen nicht sagen. Du bist doch mein Hirsch, und nicht ihrer.
Konrad Schulze