Wed 4 Jun 2008
Der Mann da vorn singt. Er reißt seinen Mund auf, so dass man in eine kleine rosa Hölle schauen kann. Daraus schleudert er seine Stimme hervor. Pfeilschnell und messerscharf saust sie um unsere Ohren, kämmt uns die Haare gerade nach hinten und klatscht hinter uns an die Wand. Klebrig läuft sie daran herunter, in die extra dafür aufgestellten Plastikschüsseln, die am Ende der Vorstellung luftdicht verschlossen werden. Man kann sie kaufen, und daheim am Küchentisch das Siegel brechen. Je nach Veranstaltung muss man den Brei mit dem Löffel essen, oder der Brocken springt einem freiwillig in den Rachen. Dann legt man sich hin und verdaut, weinend oder lachend, was gerade passt.
Um den Mann wachsen grüne Pilze aus den Holzdielen. Sie leuchten schwachsinnig. Anmutig ziehen sie sich selbst aus dem morschen Holz und beginnen einen sanften Tanz. Ihre kleinen grünen Hände schweben wie selbstständige Tänzer um sie herum, und werfen sich weiße Hüte zu. Echte Hüte, zum aufsetzen. Keine Pilzhüte. So steht der Sänger als rosa Gruft zwischen grünlich schimmelnden Pilzen und das grause Lied prescht an uns vorbei, den Tupperdosen entgegen, und damit unseren hungrigen Mägen. Wohlige Schauer jagen uns jetzt schon über die Haut, und es ist nur verständlich, dass die schwachen zu weinen beginnen, als eine Flöte dissonant den Abend perfektioniert. Ein knochiger Junge, der auf einer Schaukel über den tanzenden Pilzen hockt, spielt mit langen Fingern. Blau kriechen Töne aus dem Elfenbeinrohr und tropfen zwischen die Tanzenden. Wo sie auftreffen steigt Rauch auf, als würden sie ätzend sein.
Angeregt von der morbiden Frische der Vorstellung unterhalten sich die dicken Zuschauer, die sich wie immer in die ersten Reihen gesetzt haben. Ihr Geschnatter baut sich vor der Bühne auf, von üppigen Brüsten und feisten Wänsten rhythmisch immer höher geboxt. Kaum kann man hindurchsehen. Aber ich ahne was geschieht. Die von frohem Lachen durchzogene Welle aus vermischter Wörtlichkeit überschlägt sich in den künstlichen Raum und dem Sänger genau in den rosa Schlund hinein. Dort nimmt es den Gesang gefangen, fesselt und knebelt das Stimmchen und legt sich zufrieden daneben. Kann man nur hoffen, dass sie schnell die Dosen schließen, damit das Geschwafel nicht den Nachtisch verdirbt. Der knochige Junge öffnet sodann die versteckten Taubenverschläge, und es entbrennt ein wütender Kampf zwischen Geschnatter und Geflatter. Die Pilze verwelken, da ihnen sowieso keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt wird. Wie schade. Ich gedachte mir einen zu schnappen, in Stücke zu schneiden und unter meinen Stimmbrei zu mischen. Nun. Das Chaos ist sowieso nicht mehr seine Zeit wert, und wie noch einige andere verlasse ich geschwind den angemalten Saal, der sicher nur aus Papier besteht. Flux noch eine Dose geschnappt, und schon auf den nächsten Armen gesprungen, der mich für einen Löffel Brei bereitwillig heim trägt. Sogar den Umweg über den Park, weil ich so leicht bin, und er meinen warmen Körper gern auf seinen Schultern spürt.
Konrad Schulze