Thu 26 Oct 2006
Krieg im Wohnzimmer
12 Mann Stück
Es spielen mit:
Ein Schwert
Ein Hut
Ein Auto
Ein Mantel
Ein Stuhl
Ein Schal
Ein Paar Schuhe
Des weiteren: Ein Nackter
Ein Sportler
Ein Tänzer
Ein Irokese
Und letztendlich: Der Fünfte
1. Akt, 1 Szene
- „Vielleicht ist es verboten.“
Flüstert der Mann mit dem Hut
- „Vielleicht tut es weh.“
Bekräftigt der nackte
- „Vielleicht,“
Äußert der Mann mit den bunten Schuhen
- „macht es Spaß.“
Ein anderer zieht sein Schwert
- „Vielleicht bringt es uns einen Vorteil?“
Ein Fünfter starrt bloß groß in die Leere, aus der die Männer kommen, wie aus einem Nest. Der Tänzer ist dafür, das sieht man deutlich. Der große Lange im schwarzen Mantel zweifelt am Erfolg des Ganzen. Dem Sportler ist das alles egal, er will etwas tun, doch der junge Mann mit dem Irokesenschnitt ist dagegen. Irgendeiner steigt aus seinem kleinen Auto und findet die Sache zu riskant.
- „Vielleicht verlieren wir unsere Anlagen, und was dann?“
Ein anderer, er trägt einen Schal, möchte nicht krank werden. Der alte Mann in seinem Stuhl schlägt vor, noch einmal gründlich zu überlegen, doch der junge Irokese lacht ihn aus. Er findet das sowieso alles albern. Die Männer sind unschlüssig und warten. Man kann sich sowieso nicht einigen. Da schlägt der Mann aus dem Auto vor, jemanden zu finden, der die Entscheidung allein fällt, ohne große Beratungen. Alle sind einverstanden. Alle außer der junge Irokese. Der setzt sich etwa abseits auf die Erde und bemüht sich, möglichst abweisend zu wirken. Seinem jungen Gesicht gelingt das nicht ganz. Die Abstimmung gestaltet sich schwieriger als gedacht. Der Nackte will nicht bestimmen. Alle sind sich einig, dass sich der Tänzer nicht eignet. Der Sportler hätte schon Lust, aber er wird nicht ernst genommen. Da aber der Hut und das Auto einer Meinung sind, sie wollen das Schwert, es wirkt am kräftigsten, ist die Sache entschieden. Der Rest äußert sich nicht. Von der Entscheidung entsetzt lässt der Tänzer sich einen Irokesenschnitt verpassen.
Um nicht falsch zu entscheiden, nimmt sich das Schwert den Sportler beiseite und berät sich mit ihm, ungestört von den anderen. Daraufhin holt sich der Sportler auch ein Schwert. Der Nackte findet die Schwerter zu gefährlich, und ist jetzt, rückblickend, gegen das Schwert als Entscheidungsträger.
- „Zu spät“
Sagt der Sportler und schlägt den Nackten mit der flachen Seite des Schwertes. Dieser ist ab jetzt still, er wird im Laufe des Stückes immer kleiner und verschwindet. Es herrscht ein kurzes, vorwurfsvolles Schweigen in der Runde. Alle schauen der Sportler entgeistert an. Doch dann scheinen sie die kleine Szene vergessen zu haben. Die erste Entscheindung des Schwertes schließt den Tänzer aus der Gruppe aus.
- „Wer braucht schon einen Tänzer und Schauspieler, einen Vagabunden“
Überzeugt er die anderen. Nur der Schal ist nicht einverstanden. Er möchte niemanden ausschließen. Der Sportler tritt langsam auf ihn zu.
- „Du hast uns gewählt, jetzt musst du auch mit unseren Entscheidungen leben“
Mit diesen Worten zerschnitt er den Schal. Der Mann mit dem Schal ist jetzt nackt. Er ist ab jetzt still und verschwindet gegen Ende des Stückes völlig. Kopfschüttelnd bemerkt der alte Mann in seinem Stuhl, dass sich so etwas früher niemand gewagt hätte. Man ignoriert ihn. Der Alte hätte aber besser den Mund gehalten, denn das Schwert hat ihn sehr wohl gehört. Zur Strafe beschließt es, den Stuhl als Thron zu beanspruchen. Rau stößt der Sportler den Alten vom Stuhl auf den Boden, so dass sich das Schwert zufrieden setzen kann. Der alte Mann steht nicht wieder auf, so kniet sich der Mantel neben ihn und untersucht ihn.
- „Plötzlicher Kindstod“
Stellt er laut fest und springt auf. Wutentbrannt mustert er das Schwert und den Sportler, hinter denen grinsend der Hut und das Auto Aufstellung bezogen haben. Voll von seiner Wut setzt sich der Mantel wieder und schreibt ein Pamphlet. Ein dickes Buch entsteht, in dem der Mantel mit den schlechten Zuständen in der Gemeinschaft unter dem Schwert aufräumt und es anklagt. Stolz liest er daraus vor. Laut, damit es alle hören.
- „Ich protestiere“
Bald schnellt das Schwert jedoch aus seinem Stuhl und befiehlt in bösem Ton.
- „Verbrennt es!!!“
Als es wieder sitzt lächelt es.
- „…und seinen Mantel auch…“
Hilflos sieht der nun nackte Mann zu, wie sein Buch und sein Mantel verbrennen. Da wendet er sich ab und strebt den zwei Irokesen zu.
- „Nana,“
Schreit der Sportler
- „du wirst doch nicht unvernünftig werden?“
Als der stolze nackt Mantel keine Reaktion zeigt, springt der Sportler auf ihn zu.
- „Wenn du dort hingehst, töte ich dich.“
- „Wenn ich hier bei euch bleibe, bin ich schon tot.“
Da meldet sich der Fünfte zu Wort. Ihn hat die ganze Zeit niemand bemerkt.
- „Hört doch auf, … ihr benehmt euch wie Kinder“
Will er sagen, doch bevor er zu Ende sprechen kann, durchbohrt ihn der wütende Sportler. Es wird ganz leise gestorben. Auf dem weißen Boden breitet sich Blut aus. Der nackte Mantel jedoch hat sich ohne Reaktion zu den Irokesen gesetzt. Sie rauchen und lachen und feiern Orgien. Angewidert beobachten die vier Mächtigen das Treiben. Der Hut klopft den Schuhen auf die Schulter und tastet ihn im Gespräch ab. Sie verhalten sich, wie erwartet, also ziehen sie eine Bilanz. Fünf gegen drei. Schnell beschließen die Schwerter, einen Krieg gegen die Irokesen zu führen. Dann könnten sie endlich ungestört entscheiden. Ohne Angst haben zu müssen, falsch zu entscheiden. Ohne das jemand ihre Entscheidung anzweifeln könnte. Schnell sind die Vorbereitungen getroffen, und sie rücken aus, um die Irokesen zu vernichten. Der Kampf entbrennt, anscheinend hat jemand die Irokesen gewarnt. Auch sie sind vorbereitet. Das ist ärgerlich, so haben die Schwerter kein so leichte Spiel wie erhofft. Mitten im schönsten Kampf, Hut, Auto und Mantel liegen schon im eigenen Blut am Boden, erheben sich die Schuhe und strecken das Schwert nieder. Der Sportler erstarrt.
- „Verrat“
Gellt er. Der Tänzer weint plötzlich. Der Irokese tritt das tote Schwert wie verrückt mit den Füßen. In den Augen der Schuhe glänzt rote Wut. So bleibt dem Sportler nichts anderes übrig, als kehrt zu machen und zu rennen. Auf dem blutigen boden jedoch rutscht er aus. Augenblicklich hat er die Schuhe im Nacken. Nach kurzem Kampf rollen beiden tot voneinander weg. Der weiße Boden hat sich in roten Schlamm verwandelt, in dem die Toten langsam versinken.
Leise singt der Tänzer ein trauriges Lied. Er schneidet sich den Irokesenschnitt vom Kopf. Völlig nackt und ohne Haare steht er zwischen den versinkenden Leichen und singt. Niemand erinnert ihn daran, was sie eigentlich vor gehabt hatten, vielleicht erinnert er sich ja selbst, bloß sieht er keinen Sinn mehr darin. Er tanzt auch nicht mehr. Der junge Irokese nimmt ihn in den Arm und sie weinen.
- „Ich war von Anfang an dagegen – und was hat es gebracht?“
Flüstert der Irokese und gräbt mit den Fingern Falten in sein junges Gesicht.
Konrad Schulze