geträumt und bearbeitet


Schon eine Weile frage ich mich: was passiert, wenn der ganze Schnee schmilzt?

Ich habe das zarte Leben an der Hand. Vorsichtig führe ich es den Berg hinab. Es ist so unselbstständig geworden, ich habe Angst, es könnte sich den Hals brechen. Ist es zu alt? Ein bläulich schimernder Ball, ganz leise. Es sieht so lebendig aus. Und wenn ich es berühre, flammt es auf, kühl, blau, hell, um gleich wieder nur schwach zu glimmen. Ein wenig weinlerlich. Es ist mir anvertraut, und ich möchte es mit der Hand umspannen, um es zu schützen, aber es gelingt mir nicht. Immer weiter müssen wir den erg hinab. Ummer weinerlicher wird sein Glimmen, immer einsamer, obwohl ich doch da bin. Bin ich das? Vermutlich klaffen andere Abgründe als nur Entfernung zwischen uns, auch wenn Berührungen diese kurz für nichtig erklären. Ich will nicht bergab. Unten wartet das Meer, in dem wie uns auflösen werden, oder, zumindest, das zarte blaue Leben, dass ich begleite. Aber der Wegt lässt sich nicht aufhalten, und so weine ich jetzt schon, wo wir doch noch nebeneinander hergehen. Es ist so viel, was ich dem Leben geben möchte. Wärme, Zärtlichkeit, Verständnis. Etwas weniger Einsamkeit, und vielleicht Zufriedenheit, und alles quillt aus mir und verfliegt farbig hinter uns. Alles was ich erreiche ist eine Berührung, fest, ohne Scheu, und voller Ehrlichkeit. Aber nicht mehr. Und es tut weh, den Rest nicht teilen zu können. Die Erinnerungen sterben. so schnell wie das Licht, und das zarte Leben wird so grau…Es fühlt sich so einsam, und ich vermag es nicht zu lindern, so nah ich auch bleibe. Aber das weiß ich noch nicht. Ich glaube noch an meine Nützlichkeit.

Dann erreichen wir das Meer, und unaufhaltsam strebt das zarte Leben hinein, strebt weiter, und fühlt sich so einsam. Es bricht mir das Herz, ich kann es doch nicht allein lassen. Fest packe ich es und werfe mich mit ihm in die Flut.

Sofort spült das Wasser das zarte Leben aus meiner Hand, dass kaum noch existierte, und ein reißender gewaltiger Strudel wirft uns auseinander. So wie wir das Meer betreten werden wir getrennt und lösen uns langsam auf. Ich spüre wie das Meer durch mich hindurchspült, etwas blaues, noch kräftiges, aus mir mir herausträgt und zerreißt, in tausend Stücke, die in tanzenden Wirbeln auseinanderstieben. Kurz fühle ich mich riesig.Ich bin ganz das Meer, das zarte Leben gibt es schon lange nicht mehr. Dann zerreißt das Netz, das die Teile noch verbunden hielt. Und alles wird grau, entfernt, stumpf, bis es verschwindet. Ich verschwinde. Und kurz bevor ich aufhöre zu existieren, bemerke ich die Nutzlosigkeit des Opfers. Und Bedauern flammt auf, bevor das Nichts mich ver…

Konrad Schulze

Es kommt immer mal wieder vor. Heute ist wieder so ein Tag. Ich weiß nicht wie ich hier hergekommen bin. Es ist nicht so, dass ich hier aufgewacht bin. Nein. Vielmehr bin ich plötzlich hier. Das Dumme ist: Hier ist anscheinend ein Gefängnis. Wenn auch ein schönes. Ich finde mich in einem Käfig, der genug Platz lässt, zwei Schritte in jede Richtung zu gehen. Man kann nicht ganz aufrecht darin stehen. aber ich stehe sowieso nicht so gern. Gefangen sein nimmt Kraft, und stehen ist anstrengend. Um den Käfig herum ist nochmal soviel Platz, dass ein Mensch bequem darumherum laufen kann. Aufrecht, denn das Dach ist weit oben. Das Dach ist aus Glas, wenn es überhaupt ist, und die Sonne scheint herein. Es ist wunderbar hell. Schon weil die Wände einen angenehmen Creme-Farbton haben. Kein blendendes Weiß, und keine aufdringliche Farbe. Hier hat sich jemand Gedanken gemacht. Man nimmt die Wand kaum wahr. Und wenn ich hinaufschaue, in den blauen Himmel, dann könnte ich es aushalten.

Irgendwann gegen Mittag sehe ich die Sonne wirklich. Warm scheint sie mir auf die Haut. Sie blitzt auf der Metallmarke, die ich unverständlicher Weise um den Hals trage. Gestern hatte ich sie noch nicht. Falls Gestern gestern ist. Wenn ich mich bewege, dann wirft sie die Sonnenstrahlen an die Wand zurück. Damit könnte ich wunderbar ahnungslose Passanten blenden. Aber. Hier kommt niemand vorbei. Zumindest bisher noch nicht. Platz zum darumherumlaufen wäre ja. In Ermanglung einer Beschäftigung spiele ich mit der Marke. Es gibt nicht wirklich viele Anhaltspunkte, auf die ich den Strahl lenken könnte. Die Wände sind kahl und leicht zu übersehen. Die Gitterstäbe sehen alle gleich aus. Nur zwei Dinge sind anders: Ich und das Schloss, dass die Tür verriegelt. Nun gut, nachdem ich mich selbst eine Weile abgeleuchtet und geblendet habe, versuche ich das Schloss zu blenden. Frech lenke ich den Lichtstrahl genau in das Loch und —

— staune nicht schlecht, als ich es klicken höre. Schnell greife ich nach dem Schloss und wirklich, es lässt sich öffnen. Der Druck gegen die Gitterstäbe lässt die Tür aufspringen, und gibt den Weg in einen aus Gittern bestehenden Gang frei. Auf allen Vieren krieche ich durch ihn hindurch und fühle mich wie ein Löwe auf dem Weg in die Manege. Die schöne Sonne und den hellen Raum muss ich leider gegen einen dunklen Gang eintauschen, der keinen Platz mehr für Passanten lässt. Die Gitter berühren fast die Mauer, wenn ich hindurch fasse fühle ich den feuchten, rauen Stein. Aber die Zunge ist zu kurz, und so muss ich durstig weiter. Ein halber Tag ist schon vergangen, und wer weiß wie lang ich davor nichts getrunken habe.

Irgendwann bin ich draußen. Dicke Schwestern mit weißen Häubchen schweben wichtig an mir vorbei, und verschwinden in anderen Gittertunneln. Aha. Man kümmert sich doch um uns. Das beruhigt mich. Unverfroren spaziere ich zwischen den dicken Schwestern hin und her, und suche nach dem Ausgang. Niemand beachtet mich. Ich traue mich nicht zu Fragen. Das würde den Zauber sicher lösen.

Dann, als ich den Ausgang gefunden habe, setze ich mich auf die grüne Wiese, hinter der das viktorianisch anmutenden Haus aufragt, in dem niemand ein Gefangnis vermutet, und warte, dass sie mich finden. Irgendwann wird ihnen wohl auffallen, dass ich fehle, oder? Ich hoffe es inständig.

Konrad Schulze

Alles ist aus mir herausgeflossen. Stumm liege ich in der Nacht. Die ist nicht stumm. Insekten und Wind bauen eine Landschaft um mich her, die sanft gegen mich anschlägt, wie ein weicher Hammer, von jemandem geführt, dessen Hand nur zu wenigen sanft ist. Dumpf steigt mein Atem aus mir gen Himmel, ummantelt von der sinkenden Wärme meines auseinandergeflossenen Körpers.

one day I’ll go away

Wie ein Leuchtturm steht meine Atem in der Nacht, sanft glühend. Der Wind geht umher. Ich habe ihn mitgebracht, wie einen guten Freund, und nun, wo ich vom Spiel erschöpft bin, da stahl er sich davon um durch die Gegend zu streifen. Er ist noch jung, der Wind. Es hängen Pflanzen von den Bäumen, erschöpft und entspannt wie ich, die bewegt der Wind sanft und findet sie langweilig. Es geschieht so wenig, dass ich mich endlich von mir entfernen kann. Ich atme mich aus, als kleiner, leuchtender Punkt schwebe ich aus meinen Mund und steige in der warmen Sommerluft auf. Eine Weile noch beobachte ich mich, wie ich mich von mir entferne. Doch dann entdeckt der Wind den tiefstehenden Stern und trägt mich fort, in den Wald hinein, weg von meinen Augen, die mich doch immer täuschten. Hier muss ich explodieren, mein Fühlen von mir schleudern und darauf hoffen, dass es zu mir zurückkehrt, um die Wahrheit zu erfahren. Ohne Sinne, die breitgelaufen da auf der Wiese zurückgeblieben sind, ist alles schwarz und stumm und nichts. Langsam sinke ich hinein. In etwas hinein, was kein Innen und Außen hat, aber mich doch mehr und mehr umgibt. Oder aus mir heraussprudelt, in die leise Nacht hinein. Eine Quelle. Ich bin eine Quelle, aus der die Stunden herausfließen und verblühen, die Nacht mit ihrem schweren Geruch füllen, mit jeder Stunde intensiver, drückender und bedrückender. So findet mich ein Sammler und schließt mich weg, oder ein Geograph und ergänzt mich in seiner Landkarte. So breitgelaufen finde ich keinen Widerstand, mit mir meilenweit entfernt, mit dem Wind spielend. Und so stellt mich jeder in seinen Schrank, säuberlich abgefüllt und beschriftet. So kann ich mich aber nicht finden, zerteilt und weggeschlossen, den Mund nicht finden, durch den ich wieder in mich hineinkriechen kann. Es bleibt nicht mehr als ein Fuß und ein wenig Nebel.

Konrad Schulze

picture: http://hepikied.deviantart.com

Zu zweit sitzen wir in dem Raum gefangen. Der Raum ist, entgegen aller Gewohnheiten, nicht eindeutig. Gleichzeitig an der Oberfläche und unter der Erde, geschlossen mit nur wenigen Ausgängen und eine zerbrochene Ruine im Wald. Es ist nicht so, dass sich der Raum nicht enscheiden kann, was er sein möchte. Vielmehr ist er beides, und das selbstbewusst. In seiner Mitte befindet sich ein Schwimmbecken, mit allem Möglichen gefüllt, nur nicht mit Wasser. Vergessene Leben und liegengelassene Erinnerungen. Durch die Wände führen mannsgroße Röhren in das Becken, klaffen wie offene Münder in den bröckelnden Gemäuern und vermitteln uns das Gefühl, gleich müsse Erbrochenes daraus hervorquellen. Es ist düster. Das mag zum einen daran liegen, dass die Hälfte unserer Existenz tief unter der Erde stattzufinden scheint, zum anderen aber auch an der einfachen Tatsache, dass dies kein guter Ort ist. Schön wäre es, das gebe ich zu, wenn man böse Orte an ihrer Hässlichkeit erkennen könnte. Bei diesem ist dem der Fall, und nun, da wir hier sind, bin ich darum gar nicht mehr so froh.

Der Raum drückt auf uns, als wäre er zu eng, drückt uns zusammen, obwohl wir immer Angst davor hatten uns zu berühren. Aber nun, da wir in der Falle hocken, nun ist das auch schon egal. Die eine Angst wird von der anderen verdrängt. Auch Ängste führen Kriege. Wir sitzen in der Falle, gelockt und gefangen von ihnen. DIE, die in hübschem Fell oder Federkleid kommen, sich in die Hand und an den Hals schmiegen und dann, wenn sie den Argwohn im Boden versickern sehen, zubeißen, sich in Würmer verwandeln und in die Haut graben, die das Hirn erobern mit ihren sanften Liedern, bis sie es in eisigen Schlaf gehaucht haben, der ihnen überallhin folgt. SIE haben uns. Selten greifen sie so offen an, aber auch SIE wollen spielen, die kleinen süßen. Heute sind wir ihr Spielzeug. Es wird nichts zurückbleiben als bunte Angst, an den Wänden und auf dem Fußboden verschmiert, und ihr silbernes Lachen.

passion resurrection

Dieser Gedanke hilft nicht. Ebenso hilft es wenig, dass aus den Röhren nun Geräusche zu hören sind. Tote Geräusche, widerwillig erwacht, kriechen und schlurfen, einzelne Töne sabbernd hinter sich zurücklassend, den Ausgängen zu. Zwischen den Ausgängen stehen wir. Ineinander verkrallt. Verbissen ja. Dein Herz nimmt mir fast den Atem, so hart schlägt es. Heftig wehrt es sich, als ich es herunterschlucke, pulsiert wütend in meinem Magen weiter. Fühlst du ähnlich? Hat dir mein Herz geschmeckt? Warte nur, bis es verdaut ist. Bewegungen. Die Münder spucken tote Bewegungen in das Schwimmbecken, staksend, murrend langsam, und Dunkelheit, denn im Dunkeln wächst die Panik leichter. Je näher der Haufen kommt, desto tiefer graben meine Fingernägel in dir, desto mehr verschwindest du und wirst ich, desto mehr werde ich du. Der Raum schafft es. Nichts ist mehr eindeutig, und aus den Schatten fallen uns Zahlen an, zerreiben das letzte Bisschen Materie, was wir voneinander übrig gelassen haben und streuen es bunt und planlos in den Wind. Silbernes Lachen bügelt uns in die Wände, das Becken, die Röhren, endlich verteilt und im Mikrokosmos aufgegangen. Die Sonne scheint durch ein Fenster und begrüßt SIE, die wunderschön ihre goldenen Haare durch den Raum weben, präparieren, singen, tanzen. Wir können davon nichts mehr sehen, nur spüren und fühlen. Und wenn die Angst ihren Weg herein findet und die Schönen vertreibt, so können wir versuchen an der Angst zurück ins Leben zu finden. Noch zweifle ich, aber die Hoffnung arbeitet schon, arbeitet mit IHNEN zusammen, die froh zwischen bunten Wänden leben.

Konrad Schulze

picture: http://suerdas.deviantart.com

gewidmet meiner eigenen Dummheit, aber auch dem Tiger.

Ich hole die Wäsche aus der Maschine und stopfe sie in den Beutel. Wie immer. Alles machen wie immer. Die Wäsche riecht frisch, duftet nach Frühling und Sonne. Mühsam schleppe ich sie in den Keller. Alles wie immer. Müde hänge ich sie auf. Meine Finger werden dabei feucht und kühlen schnell aus. Fast kann ich es nicht mehr halten. Mein Herz. Behutsam habe ich es aus meiner Brust gelöst, ich will mich ja nicht schmutzig machen. Trotzem läuft mir dunkel Flüssigkeit an den Armen herunter und tropft auf den Fußboden. Vorsichtig hänge ich es auf die Leine, mit 2 Klammern, ganz vorsichtig, damit ich nichts einklemme oder zwicke. Hier wird es sich wohl fühlen, zwischen den Sommergerüchen und der sauberen Wäsche. Ich knipse das Licht aus damit die weißen Laken schwarz werden und das Herz nicht mehr auffällt. Es ist ganz still im Keller. Still und dunkel. Man hört nichteinmal die Tinte auf die feuchten Fließen tropfen. Aber ich weiß, dass sie es tut, genauso, wie sie vorhin meine Arme heruntergelaufen ist. Ich setze mich auf den Boden und lausche. Anlehnen kann ich mich nirgends, denn obwohl ich mein Herz von vorn aus der Brust geholt habe, so fühlt sich mein Rücken doch wund an. Als wäre etwas brutal von ihm abgerissen worden, von dem ich nie wusste, dass es da war.

Konrad Schulze

herz

Dies ist ein etwas wirrer Traum, der sich vor allem mit dem Regisseur der Produktion Lantana an den Landesbühnen beschäftigt und ihm somit auch gewidmet ist. Wer nicht wirklich viel Zeit und Muse mit sich bringt, der sollte es nicht lesen.

LANTANA

Ein Mann, der gar nicht dazu gehört, dem auch noch zehn Jahre fehlen, meldet sich zu Wort. Dass ihm zehn Jahre fehlen ist merkwürdig, denn es sind ganz junge Menschen dabei, denen fehlen sie nicht. Anscheinend. Ein Griff hinter die Ohren bringt ihn zum Schweigen, was er sagte zeigt: er gehört hier nicht dazu. Ich sitze stumm dabei, gehöre dazu, irgendwie, und bin wütend. Nein, ich wundere mich. Fehlt mir jetzt der Mut oder hatte er zuviel? Anderntags bemerke ich: ich ging zu weit, ebenso wie er. Doch jetzt soll jener Abend sein, wo der Blick aus dem Fenster in die entfernte Stadt fällt und ertrinkt, an dem der späte Heimweg doch solange dauerte wie nie zuvor.
Entstand der Wunsch in mir mit einem Mann zu sprechen, so entdeckte ich bald: alle konnten meine Zunge bewegen, nur er konnte es nicht. Ich konnte es nicht. Die Entfernung zwischen uns war zu groß, echte Worte hätte ich rufen müssen und das Atmen der anderen war so laut. Doch einmal ging es. Vielleicht lag es daran: draußen war es Winter und ich glitt in der Nacht aus. Als ich das Gespräch bemerkte war es fast schon tot. Ich hätte es so gern genossen. Eine verschwommene Erinnerung erzählt davon, doch erinnert sich kein Fühlen, nur das Hirn steht da.
Roter Wein durchflutet das Zimmer und weißes Salz rinnt aus lachenden Mündern, den Wein aufzusaugen. Nur hier. Nur hier. Der Abend verfängt sich im Labyrinth einer geklebten Decke und alten Möbeln. Niemand versucht den Abend umzubringen und man redet über schon gegangene. Nur hier bleiben. Das ist alles. Hier bleiben und einen Baum fühlen. Die grobe Rinde. Noch kalt vom Winter. Nur hier bleiben und nicht zum Gespräch werden.


Vor langer Zeit schon stand es fest. Dass ich das Land einmal verlassen würde. Eigentlich so, wie ich es jeden Tag tue. Ich verlasse das Land und irre durch dunkle Gänge, Wälder, über Brücken, durch fremde Köpfe, vorbei an ihren Gedanken, vorbei an meinen, an alten Tagen und mit Vögeln durch den Himmel. Fast wie eine dreiäugige Krähe spreche ich mit mir. Ich verlies also das Land. In einen Keller ging ich, gehe ich, der ist voller Leute und Geräusche. Ich mag es nicht Lärm nennen, den Lärm ist für die Tage an denen ich alt bin. Ich dringe bis an die Wurzeln des Kellers vor und selbst dort fühle ich mich einsam. Habe das Gefühl, dass mich keiner ansieht. Ich streife durch das Land, knie an Quellen nieder und schaue an meinem Gesicht vorbei in den Himmel. Ich finde einen roten Pullover mit etwas drin. Seitdem fühle ich. Fühlte. Meine Finger erinnern sich noch an etwas warmes, mein Mund an einen anderen Mund, meine Augen an einen schönen Bauch. Ich vergesse leider so viel von meinen Reisen. Dann habe ich den roten Pullover mit den schwarzen Haaren zum Bus begleitet, habe ihn dort hineingesetzt, unten am Fluss, und habe ihm traurig nachgesehen. Wenn die Fische durch meinen Kopf schwammen fühlte ich mich seltsam. Oder wenn die Wolken mein Hut wurden. Auf dem Weg in den Keller möchte ich nicht heimkehren. Möchte Ihn noch einmal treffen Aber leider. Ich rieche die Wohnung schon. Ich muss noch einschlafen bevor ich aufwachen kann, doch so sehr ich mich auch anstrenge, in einem warmen dunklen Keller mit einem Lächeln in der Luft schläft man ein, und dann ist es vorbei.

silent spring von Siniwini.deviantart.com

Es schwimmt ein Schiff durch das klare Wasser, das Geräusch, wie das breite Paddel langsam durch das Wasser taucht, beruhigt mich. Durch das Dach der alten Sommerblätter scheint etwas Sonne und der Gesang gibt vor, der Hafen zu sein, den ich verlasse. Wenn ich meine Hand in das milchige Wasser tauche bleiben daran Tropfen von altem Blattgold hängen, wie Wachs an einer Kerze, und obwohl der Herbst Blätter über das Wasser deckt, wird die Sonne immer kleiner. Es wird Abend, immer mehr Stimmen füllen das Lied. Es ist traurig und klingt weit entfernt. Ein Blick in das trübe Wasser fesselt mich, und als ich aufstehe habe ich verstanden. Aus dem Boot wachsen Fenster und ich kann den Himmel nicht mehr sehen. Nicht wieder sehen. Ein Feuer brennt, die Stimmen sind jetzt ganz nah, tanzen um mich und ich weiß: der nächste Windstoß wird sie davontragen. In ein Leben hinein. Aber nein, der Wind wird mich fortreißen, weg vom Feuer, weg von den Fenstern, in den kühlen Fluss hinein, wahrscheinlich ein Fluss aus Worten und Seiten. Dann werde ich Lust darauf haben in eine Wolke zu steigen und die Stimmen im Wind zu suchen. Ich werde mich suchen gehen. Es muss noch mehr geben, als nur die Stimmen. Eine Hand, die nachher blutet, zerschlägt die Scheibe, und der Sonnenstrahl, der neben mir landet verbrennt den Stoff. Aus meinen Schuhen sickert Wein in die Landschaft, tiefrot, und alle schreien wenn sie es sehen. Ich schreie nicht. Die Wolke ist zu weich zum Suchen, und solange ich nicht taub bin, gewöhne ich mich auch an neue Stimmen. Hoffentlich vergesse ich die alten Stimmen schneller als sie mich.

Da war dieses blonde Kind. Naja. Er wirkte wie ein Kind. Und ich hatte das Gefühl, er war noch eins. Das war es ja, was mich so faszinierte. Natürlich sah er nicht aus wie eins. Keineswegs. Mann kann ihn nur jung nennen. Auch wenn ich ihn alte Worte sprechen hörte, ab und zu. Ich kann dieses Kind nicht vergessen. Darüber habe ich die Idee vergessen. Ich kann mich einfach nicht mehr erinnern. Immer wenn er da war machte ich mir zu viele Gedanken. Deswegen hörte ich auf dazusein.

Konrad Schulze

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von Sina Abbassi

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Die Filitiden geweckt…

Wieder fliege ich. In letzter Zeit bin ich so oft geflogen, dass ich mich an meine Heimat gar nicht mehr erinnern kann. Zuviel Luft unter den Füßen, da verblassen die Erinnerungen. Obwohl der harte Rücken dieses treuen Tieres nicht gerade Luft ist. Ich habe einmal gehört, diese Flugechsen seien aus Stein. Das glaube ich sogar, so hart wie sie sind. Ich frage mich eh, wie diese Viecher fliegen können. Sie müssen massig wiegen, mein Gewicht kommt ja auch noch dazu, und alles verteilt auf einer Flugfläche, die kaum größer ist als ich es bin. Vielleicht hat da aber auch das Blaue Bündnis wieder seine Finger im Spiel. Dieser Botenflug geht auf jeden Fall nach Gorborda, eine wunderschöne Stadt auf einem Hügel, von Bergen umgeben und dicht an der Grenze zu dem Land wo immer Winter ist, so hoch liegt es. Gorborda dafür ist warm und alt. Ich bin froh nach Gordorba reisen zu können und nicht hinauf zu den kalten Elfen zu müssen. Nach tagelangen Flügen mit nichts als einer Steinkreatur als Begleitung hat man nicht auch noch Lust auf Stimmen und Lächeln, die an frisch gebrochenes Glas erinnern.

Endlich sehe ich Gordorba. Da liegt es, in der Sonne, rötlich wie der Wein, der dort auf mich wartet. Wir mussten wieder meilenweite Umwege fliegen, um Stützpunkte des Purpurnen Bündnisses herum, weil mein treuer Vogel anscheinend an Kraft verliert, sobald wir ihnen zu nahe kommen. Und obwohl ich nie Problem damit habe, so lange zu sitzen, selbst laufen ist immer angenehmer.

Plötzlich stellen sich die Ohren des Flugtieres auf. Zum ersten Mal seit ich auf ihm sitze, ja seit ich es gekauft habe, richtet er das Wort an mich. Eine Stimme, als mahlten zwei Mühlsteine aufeinander. „Ich spüre meine Kraft schwinden. Wir fliegen besser nicht nach Gordorba. Wenn wir es bis zur Grenze der Elfen schaffen, haben wir Glück.“ Damit schwenkt er vom Kurs ab. Nicht zu denk Elfen!. Aber die Seltenheit, eine Steinechse sprechen zu hören, lässt mich mit Widerstand zögern. In diesem Moment zerspringt die Erde kurz vor Gordorba, genau wo wir gelandet wären, und Widerstand wird irrsinnig. Ein riesiger pinker Berg quillt aus der Öffnung, ein Maul hat es auch, mit dem schnappt es hierhin und dahin und alles was es dazwischen zu fassen bekommt wird mit spitzen braunen Zähnen zermalen und zersplittert. Die Echse beginnt zu sinken. Aber hier können wir unmöglich landen! Aber wenn die Energie der Echse so schnell schwindet, bedeutet das, dass schon ganz Gordorba in feindlichen Händen sein muss. Mühsam schleppt sich die Echse auf den Abgrund zu, der zwischen Gordorba und dem ewigen Winter liegt. Wenn sie dahineinstürzt sind wie verloren. Ihr Boden besteht aus siedenden Kratern. Die Sonne hat sich nun in den blutroten Mond verwandelt, der immer über dem Gebiet des Feindes schwebt. Die Tore der Stadt haben sich geöffnet und ein Trupp Orcs sprengt meinem langsamer werdenden Tier hinterher. Noch sind wir hoch genug. Aber das Tier scheint nicht nur an Kraft sondern auch an Größe zu verlieren. Bald werde ich absteigen müssen, oder herunterfallen. Wir nähern uns dem Rand der Schlucht. „Halt dich an meinen Schultern fest, wenn ich zu klein werde!“ Damit klappt er die Flügel an und wir tauchen in die Schlucht. Im Sturzflug sausen wir der kochenden Brühe entgegen. Ade, du heiß geliebte Welt. Aber wenigstens hat der Feind die Nachricht nicht bekommen. Jedoch, was ist das? Auf den Blutgrasinseln zwischen den Kratern stehen Orcs. Sie warten auf uns. Immer schneller schießen wir dem Ende entgegen. Bitte lass uns in einen Krater stürzen, damit die Orcs die Nachricht nicht zwischen ihre dreckigen Finger bekommen. Ich schließe die Augen, als ob dadurch der Aufprall weniger schmerzhaft werden würde. Versagt! Woher wussten sie von meinem… verwundert öffne ich die Augen. Nur noch wenige Meter trennen uns von einem blubbernden Matschkrater, die Luft ist unerträglich heiß. Im letzten Moment öffnet die Echse ihre Schwingen, als sich der rieseige Krater unter uns wie ein Maul öffnet und heiße Luft rülpst. Wahnsinn. Die Luft fährt unter die Schwingen des Tieres, erfasst uns und schleudert uns in den Himmel zurück. Angstschweiß verhindert, dass meine Haare und Augenbrauen versengen. Wütend brüllt die Meute unter uns und setzt zur Verfolgung an. Und sie rennen schnell unter dem roten Mond, die Bastarde. Fast so schnell wie wir fliegen. Aber wir werden immer langsamer. Schon landen wir auf einer Blutgrasnarbe. „Renn“ knirscht die Steinechse. Aber ich kann das treue Tier doch nicht hier zurücklassen. Ich klemme mir die Echse, die nun nur noch ein viertel meiner Größe ausmacht, unter den Arm und renne. Der rote Mond fängt meine Fersen und klebt Gummi daran. So langsam bin ich noch nie gerannt. Und die Meute kommt näher. Aber was ist das? In der Felswand vor mir sind Höhlen, hunderte, aus denen Wasser fließt. Wasser, hier untern?. „Da sind wir sicher“ höre ich den Vogel whispern, seine Stimme nur noch wie 2 Kiesel, die gegeneinander schlagen. „Die Höhlen der Filitiden“. Von denen habe ich noch nie etwas gehört. Wie kommt es, dass mein Reittier mehr weiß als ich? Nunja, vielleicht ist es ja nicht nur aus Stein, sondern auch so alt. Mit letzter Kraft springe ich über den klaren Bach und lande in gewöhnlichem Gras. Die Orcs hinter mir heulen auf. Sie gestikulieren wild. Folgen tun sie mir nicht. Verwundert gehe ich zu dem alten Elfenbrunnen, der vor den Höhlen steht. Halb zerbrochen, wie alles von den Elfen, was man heute noch so auf dieser Welt findet. Wenn die Orcs so viel Angst vor den Höhlen haben müssen sie ja schreckliche Bewohner beherbergen. Orcs haben doch sonst vor nichts Angst. Sie haben doch ihren Mond. Ich beuge mich über den Brunnen und flüstere hinein: „Gordorba wurde von den Orcs zerstört. Sie sind hier, ganz nah, sie verfolgen mich!“ Das Letzte war gelogen, aber ich dachte es wäre eindrücklicher.Vielleicht würde das die Höhlenbewohner wütend machen? „Belastet doch mit dem Gram heutiger Stunden nicht die Filitiden.“ flüsterte die Echse, worauf sie im Stein des Elfenbrunnen versinkt. Doch kann ich das Gesagte nicht mehr rückgängig machen. Aus den Höhlen erklingt ein schwachse Gluckern. Es klingt kaum bedrohlich. Und dann quellen sie aus den Höhlen hervor. Tausende kleine und winzige blaue Kugeln, die piepsen und kichern, so dass ich trotz des kürzlich erlebten schmunzeln muss. Wie winzige Wassertröpfchen mit blauem Fell sehen sie aus, und ihr Kichern wendet sämtliche Sorgen von meiner Seele. Aber wieso haben die Orcs Angst vor solche possierlichen Tierchen? Ein etwas größerer Tropfen mit silberblauem Haar rollte auf mich zu und piepst ernst in meinem Kopf. „Schau auf den Mond, erster Mensch der uns sah.“

Ich schau auf den Mond und beginne zu verstehen. Zwischen den Filitiden steigt Nebel auf, so dicht wie Elfenseide. In Sekunden scheint kein Mond mehr, auch keine Sonne. Der rote Mond ist fort, bis auf das bläuliche Schimmern der Filitiden ist es fast dunkel. Mit einem Krachen spuckt der Elfenbrunnen meine Echse wieder aus, normal groß. „Ohne den roten Mond lösen sich Orcs zu feiner Asche auf.“ frohlockt er knirschend. Die wütenden Filitiden kichern. Ein leichte verbrannter Geruch wirde vom Wind herangetragen, und weißer Staub legte sich auf meine Kleider. Der Nebel bewegt sich nicht einmal. „Geht“ kichert der Älteste der Filitiden in meinem Kopf. „Geht und berichtet den Elfen, dass die Filitiden sich nicht mehr zurückhalten werden. Ein Mensch und Orcs haben unseren Frieden gestört. Die Welt wird nie wieder die gleiche sein. Wir singen Gordorba das Sterbelied.“

Der Flug zu den Elfen wurde zum schrecklichsten Flug meines Lebens. Eine ganze Welt in diesem Nebel. Was hatte ich getan?

Konrad Schulze