Dies ist ein etwas wirrer Traum, der sich vor allem mit dem Regisseur der Produktion Lantana an den Landesbühnen beschäftigt und ihm somit auch gewidmet ist. Wer nicht wirklich viel Zeit und Muse mit sich bringt, der sollte es nicht lesen.
LANTANA
Ein Mann, der gar nicht dazu gehört, dem auch noch zehn Jahre fehlen, meldet sich zu Wort. Dass ihm zehn Jahre fehlen ist merkwürdig, denn es sind ganz junge Menschen dabei, denen fehlen sie nicht. Anscheinend. Ein Griff hinter die Ohren bringt ihn zum Schweigen, was er sagte zeigt: er gehört hier nicht dazu. Ich sitze stumm dabei, gehöre dazu, irgendwie, und bin wütend. Nein, ich wundere mich. Fehlt mir jetzt der Mut oder hatte er zuviel? Anderntags bemerke ich: ich ging zu weit, ebenso wie er. Doch jetzt soll jener Abend sein, wo der Blick aus dem Fenster in die entfernte Stadt fällt und ertrinkt, an dem der späte Heimweg doch solange dauerte wie nie zuvor.
Entstand der Wunsch in mir mit einem Mann zu sprechen, so entdeckte ich bald: alle konnten meine Zunge bewegen, nur er konnte es nicht. Ich konnte es nicht. Die Entfernung zwischen uns war zu groß, echte Worte hätte ich rufen müssen und das Atmen der anderen war so laut. Doch einmal ging es. Vielleicht lag es daran: draußen war es Winter und ich glitt in der Nacht aus. Als ich das Gespräch bemerkte war es fast schon tot. Ich hätte es so gern genossen. Eine verschwommene Erinnerung erzählt davon, doch erinnert sich kein Fühlen, nur das Hirn steht da.
Roter Wein durchflutet das Zimmer und weißes Salz rinnt aus lachenden Mündern, den Wein aufzusaugen. Nur hier. Nur hier. Der Abend verfängt sich im Labyrinth einer geklebten Decke und alten Möbeln. Niemand versucht den Abend umzubringen und man redet über schon gegangene. Nur hier bleiben. Das ist alles. Hier bleiben und einen Baum fühlen. Die grobe Rinde. Noch kalt vom Winter. Nur hier bleiben und nicht zum Gespräch werden.
Vor langer Zeit schon stand es fest. Dass ich das Land einmal verlassen würde. Eigentlich so, wie ich es jeden Tag tue. Ich verlasse das Land und irre durch dunkle Gänge, Wälder, über Brücken, durch fremde Köpfe, vorbei an ihren Gedanken, vorbei an meinen, an alten Tagen und mit Vögeln durch den Himmel. Fast wie eine dreiäugige Krähe spreche ich mit mir. Ich verlies also das Land. In einen Keller ging ich, gehe ich, der ist voller Leute und Geräusche. Ich mag es nicht Lärm nennen, den Lärm ist für die Tage an denen ich alt bin. Ich dringe bis an die Wurzeln des Kellers vor und selbst dort fühle ich mich einsam. Habe das Gefühl, dass mich keiner ansieht. Ich streife durch das Land, knie an Quellen nieder und schaue an meinem Gesicht vorbei in den Himmel. Ich finde einen roten Pullover mit etwas drin. Seitdem fühle ich. Fühlte. Meine Finger erinnern sich noch an etwas warmes, mein Mund an einen anderen Mund, meine Augen an einen schönen Bauch. Ich vergesse leider so viel von meinen Reisen. Dann habe ich den roten Pullover mit den schwarzen Haaren zum Bus begleitet, habe ihn dort hineingesetzt, unten am Fluss, und habe ihm traurig nachgesehen. Wenn die Fische durch meinen Kopf schwammen fühlte ich mich seltsam. Oder wenn die Wolken mein Hut wurden. Auf dem Weg in den Keller möchte ich nicht heimkehren. Möchte Ihn noch einmal treffen Aber leider. Ich rieche die Wohnung schon. Ich muss noch einschlafen bevor ich aufwachen kann, doch so sehr ich mich auch anstrenge, in einem warmen dunklen Keller mit einem Lächeln in der Luft schläft man ein, und dann ist es vorbei.

Es schwimmt ein Schiff durch das klare Wasser, das Geräusch, wie das breite Paddel langsam durch das Wasser taucht, beruhigt mich. Durch das Dach der alten Sommerblätter scheint etwas Sonne und der Gesang gibt vor, der Hafen zu sein, den ich verlasse. Wenn ich meine Hand in das milchige Wasser tauche bleiben daran Tropfen von altem Blattgold hängen, wie Wachs an einer Kerze, und obwohl der Herbst Blätter über das Wasser deckt, wird die Sonne immer kleiner. Es wird Abend, immer mehr Stimmen füllen das Lied. Es ist traurig und klingt weit entfernt. Ein Blick in das trübe Wasser fesselt mich, und als ich aufstehe habe ich verstanden. Aus dem Boot wachsen Fenster und ich kann den Himmel nicht mehr sehen. Nicht wieder sehen. Ein Feuer brennt, die Stimmen sind jetzt ganz nah, tanzen um mich und ich weiß: der nächste Windstoß wird sie davontragen. In ein Leben hinein. Aber nein, der Wind wird mich fortreißen, weg vom Feuer, weg von den Fenstern, in den kühlen Fluss hinein, wahrscheinlich ein Fluss aus Worten und Seiten. Dann werde ich Lust darauf haben in eine Wolke zu steigen und die Stimmen im Wind zu suchen. Ich werde mich suchen gehen. Es muss noch mehr geben, als nur die Stimmen. Eine Hand, die nachher blutet, zerschlägt die Scheibe, und der Sonnenstrahl, der neben mir landet verbrennt den Stoff. Aus meinen Schuhen sickert Wein in die Landschaft, tiefrot, und alle schreien wenn sie es sehen. Ich schreie nicht. Die Wolke ist zu weich zum Suchen, und solange ich nicht taub bin, gewöhne ich mich auch an neue Stimmen. Hoffentlich vergesse ich die alten Stimmen schneller als sie mich.
Da war dieses blonde Kind. Naja. Er wirkte wie ein Kind. Und ich hatte das Gefühl, er war noch eins. Das war es ja, was mich so faszinierte. Natürlich sah er nicht aus wie eins. Keineswegs. Mann kann ihn nur jung nennen. Auch wenn ich ihn alte Worte sprechen hörte, ab und zu. Ich kann dieses Kind nicht vergessen. Darüber habe ich die Idee vergessen. Ich kann mich einfach nicht mehr erinnern. Immer wenn er da war machte ich mir zu viele Gedanken. Deswegen hörte ich auf dazusein.
Konrad Schulze
picture:
von Sina Abbassi
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