Eines Morgens, in dessem trüben Zwielicht alle Zeit stehengeblieben zu sein schien, erblickte er schließlich von einem Hügel aus die Sümpfe der Traurigkeit. [...]
Artax schnaubte leise vor Entsetzen.
>>Sollen wir dort hinein Herr?<<
>>Ja!<<, antwortete Atréju, >>wie müssen den Hornberg finden, der mitten in diesen Sümpfen liegt.<<
Er trieb Artax an, und das Pferdchen gehorchte. Schritt für Schritt prüfte es mit seinen Hufen die Festigkeit des Bodens, doch kamen sie so nur sehr langsam vorwärts. Schließlich stieg Atréju ab und führte Artax am Zügel hinter sich her. Ein paarmal sank das Pferd ein, doch gelang es ihm immer wieder, sich herauszuarbeiten. Aber je tiefer sie in die Sümpfe der Traurigkeit eindrangen, desto schwerfälliger wurden seinen Bewegungen. Es ließ den Kopf hängen und schleppte sich nur noch vorwärts.
>>Artax<<, sagte Atréju, >>was ist mit dir?<<
>>Ich weiß nicht, Herr<<, antwortete das Tier, >>ich meine, wir sollten umkehren. Es hat ja doch keinen Zweck. Wir laufen etwas nach, wovon du nur geträumt hast. Aber wir werden nichts finden. Vielleicht ist es auch sowieso schon zu spät. Vielleicht ist die Kindliche Kaiserin schon gestorben, und alles, was wir tun, ist sinnlos. Lass uns umkehren, Herr.<<
>>So hast du noch nie geredet, Artax<<, meinte Atréju erstaunt, >> was fehlt dir? Bist du krank?<<
>>Vielleicht<<, erwiderte Artax, >>bei jedem Schritt, den wir weitergehen, wird die Traurigkeit in meinem Herzen größer. Ich habe keine Hoffnung mehr, Herr. Und ich fühle mich so schwer, so schwer. Ich glaube, ich kann nicht mehr weiter.<<
>>Aber wir müssen weiter!<<, rief Atréju, >>Komm, Artax!<<
Er zog am Zügel, aber Artax blieb stehen. Er war schon bis zum Bauch eingesunken. Und er machte keine Anstalten mehr, sich herauszuarbeiten.
>>Artax!<<, schrie Atréju, >>du darfst dich jetzt nicht gehenlassen! Komm! Komm heraus, sonst wirst du versinken!<<
>>Lass mich, Herr!<< antwortete das Pferdchen, >>ich schaffe es nicht. Geh allein weiter! Kümmere dich nicht um mich! Ich kann diese Traurigkeit nicht mehr aushalten. Ich will sterben.<<
Atréju zerrte verzweifelt am Zügel, aber das Pferdchen versank immer tiefer. Er konnte nichts dagegen tun. Als schließlich nur noch der Kopf des Tieres aus dem schwarzen Wasser ragte, nahm er ihn in die Arme.
>>Ich halte dich fest, Artax<<, flüsterte er, >>ich lass dich nicht untergehen.<<
Das Pferdchen wieherte noch einmal leise.
>>Du kannst mir nicht mehr helfen, Herr. Mit mir ist es aus. Wir wussten beide nicht, was uns hier erwartet. Jetzt wissen wir es, warum die Sümpfe der Traurigkeit diesen Namen haben. Die Traurigkeit ist es, die mich so schwer gemacht hat, dass ich versinken muss. Es gibt kein Entrinnen.<<
>>Aber ich bin doch auch hier<<, sagte Atréju, >>und fühle nichts.<<
>>Du trägst den Glanz, Herr<<, antwortete Artax, >> du bist geschützt.<<
>>Dann will ich dir das Zeichen umhängen<<, stieß Atréju hervor, >>vielleicht schützt es dich auch.<<
Er machte Anstalten die Kette von seinem Hals zu nehmen.
>>Nein,<< schnaubte das Pferdchen, >>das darfst du nicht, Herr. Das Pantakel ist dir gegeben worden, und du hast nicht die Erlaubnis, es nach deinem Gutdünken weiterzugeben. Du musst ohne mich weiter suchen.<<
Atréju drückte sein Gesicht and die Wange des Pferdes.
>>Artax…<<, flüsterte er erstickt, >>oh mein Artax!<<
>>Willst du mir noch eine letzte Bitte erfüllten, Herr?<< fragte das Tier. Atréju nickte stumm.
>>Dann bitte ich dich fortzugehen. Ich möchte nicht, dass du zusiehst, wenn es jetzt mit mir zum Letzten kommt. Willst du mir diesen Gefallen tun?<<
Atréju stand langsam auf. Der Kopf des Pferdchens lag jetzt schon halb im schwarzen Wasser.
>>Leb wohl, Atréju, mein Herr!<< sagte es, >>— und danke!<<
Atréju presste die Lippen aufeinander. Er vermochte nichts zu sagen. Er nickte Artax noch einem zu, dann wandte er sich ab und ging fort.
Michael Ende, “Die Unendliche Geschichte” Kapitel 3 “Die uralte Morla”