Literarisches (?)


Der Pilz schimmert wie Gold. Ein leichter Nebel umgibt ihn, ebenfalls golden schimmernd, ehe die Dunkelheit wie eine Wand auf dem felsigen und zerfurchten Boden aufsitzt. Dunkel fließt das Wasser durch die Krater, langsam und leise wispernd. Der Pilz pulsiert ganz leicht, emitiert sein Leben in die Dunkelheit. Er kämpft, nicht absichtlich, gegen die Wände aus Dunkelheit. Es ist ein Kampf ohne Gewalt, und für lange Zeit bemerkt keiner den Kampf, denn die Grenzen verschieben sich nicht. Der Pilz ist stark genug, seine Kugel aus Licht zu behalten, und die Dunkelheit geduldig genug, sie ihm nicht streitig zu machen. Natürlich aber wird der Tag kommen, an dem er verwelkt.

Das Blut, dass aus dem Brunnenloch über ihm tropft, leuchtet im starken Kontrast auf der goldenen Kappe des Pilzes, rinnt an ihm herunter und löst sich vom Rand in hellroten Tropfen, die von innen zu leuchten scheinen, ehe sie im Wasser zwischen den grauen Steinen dunkel verlöschen. Hier unten gibt es keine Zeit, außer die in unregelmäßigen Abständen fallenden Tropfen des hellroten Blutes. Keiner weiß, ob sie zuerst tropften, und der Pilz dort anfing zu wachsen, wo das Blut auf die Erde traf. Aber es ist zu vermuten, dass der Pilz verwelken wird, sobald das Blut versiegt. Es wird schon weniger. Anfangs troff es, nicht ununterbrochen, aber doch häufig, und oft im Schwall. Jetzt wartet man auf die einzelnen Tropfen. Schon lange bevor sie auf die lederne Kappe des Pilzes tropfen hört man sie. Wie an einer Harfensaite klettern sie in die Höhle hinab. Jeder mit einem unterschiedlichen seidenen Ton. Fielen sie regelmäßiger könnte man eine Musik erkennen, so aber vermag das Gedächtnis die Fragmente nicht zur Melodie zusammensetzen.

Man sagt jedoch, es ist das Blut eines jungen Mädchens, dass oben am Rande des Brunnens liegt, mit geöffneten Augen, und ihr Blut singt ein Schlaflied, dass es vom Mond gelernt hat. Als das Mädchen noch lebte. Denn soviel kann man sehen. Im goldenen Schimmern des Pilzes ist der Kuss des Mondes verborgen, blass, zart, unaufdringlich. Manchmal wird er deutlicher, vielleicht wenn die Melodie stärker wird, weil kurzzeitig mehr Blut die Saiten herunterklettert. Dann greifen die silbernen Hände aus dem Licht des Pilzes heraus und schweifen kurz durch die Dunkelheit wie durchsichtige Möwen. Streifen die Wände oder schwirren ins Leere, stumm segelnd, bis sie verlöschen, weit weg vom Pilz, der Dunkelheit nicht mehr trotzend. Ein Lichtballett. Doch viele zerschellen an den rauhen Steinen, die in der Nähe des Pilzes aufragen. Zerschellen und rinnen noch kurz glimmend wie Milch an den Steinen herunter. Dann ist es wieder still, und man erinnert sich nicht mehr an die Melodie des Schlafliedes.

Unsere größte Angst ist, dass jemand den Pilz findet, bevor das Blut von selbst versiegt. So alleine leuchtend in der völligen Dunkelheit hier unten. Wir haben ihn schließlich auch gefunden. Wir, dir wir in scheuem Abstand auf den kalten Steinen liegen, und verträumt dem Pilz beim leuchten zuschauen. Selten streift uns die Hand des Mondes, und dann perlen die milchigen Tropfen an uns ab, wie am rauen Stein. Der Unterschied ist nicht zu bemerken. Wir sind selbst wie Steine. Langsam und rau. Aber wir erfreuen uns der Schönheit des Pilzes. Wenn jetzt jemand vorbeikommt. Schnell. Warm. Hungrig. Er wird den Pilz bemerken und ihn plücken und verschlingen, und alles was bleibt ist ein dumpfer, roter Schimmer, der durch seinen Magen nach außen dringt. Und schwächer werdend wird auch dieser noch verdaut, während der Warme, Schnelle, davonstrebt, auf der Suche nach einem anderen toten Mädchen, dass ihr Schlaflied zu uns herunterschickt. Und wir lägen auf den kühlen Steinen, dem Wasser zuhörend, blind, geblendet von der Erinnerung an den Pilz, der so schön mitten in der Dunkelheit wuchs. Und hoffen darauf, dass bald wieder ein Mädchen an dem Brunnen da oben stirbt, damit wir hier unten nicht so einsam sind. Nicht so verlassen.

Noch aber steht der Pilz, leuchtet, von einem Schleier umgeben, während es rot und traurig auf ihn herabtropft. In einer anderen Höhle, von der wir nichts wissen, dazu sind wir zu langsam, steigt das Wasser, salzig, von den ungeweinten Tränen der Mutter. Und die silbernen Fische, die in dieser Höhle wohnen, tanzen und gleiten glitzend durch den neuen See. Weder sie noch wir wissen von der Mutter. Wir wissen nichts. Bezaubt vom goldenen Licht. Wir fragen nicht. Das Schlaflied klingt sanft von oben zu uns herab, die wir den Blick nicht wenden von unserem Pilz.

Konrad Schulze

PS: Europa

Ich habe einen Ort gefunden, den ich nie betreten wollte. Von klein an hört man von ihm, tief im Wald versteckt, ein dunkel schimmerndes Leben, das seine dünnen schleimigen Fäden aus dem verfilzten Pelz ausstreckt wie tastende Fühler, so dünn, dass es keiner bemerkt, bis sie einem die Augen verkleben, in den Körper dringen, Nase, Mund, alle Öffnungen. Und am Anfang, ganz kurz, ist es Lust. Man öffnet sich weiter, und… Dann ist es in einem. Schimmert dunkel und wächst und grinst höhnisch, mir ins Gesicht, von innen, der ich ängstlich in das Draußen schaue, das plötzlich anders wirkt, obwohl sich nichts geändert hat, für das Draußen.

Dunkel schimmert es, und öffnet sich in mir, immer weiter, bis meine Arme es nicht mehr überspannen können und ich hineinfalle. Und dann sprüht es, mir aus den Augen. Vergiftet die Luft, die ich atme. Doch so lange ich still bleibe, bemerkt es hoffentlich keiner. Es sei denn, jemand beobachtet meine Schultern, die sich spannen und krümmen, als wollten sie etwas daran hindern, aus meinem Mund zu springen. Und so zittere ich leicht, under der Anspannung, nichts entkommen zu lassen, nicht selbst zum Sumpf zu werden, der so heiß in mir brodelt. Ich schließe die Augen, und beginne zu rennen. Gewichte und Gewichte stämme ich in alle Richtungen, und es ist ein Kampf gegen mich selbst. Ich brenne und brodele, in mir bläst sich die matschige Masse des glimmenden Sumpfes auf, stämmt sich gegen meine Haut, um mich endlich zum Platzen zu bringen. Aber ich stämme dagegen. Und je weiter ich laufe, je mehr Gewichte ich stämme, umso mehr formen sich aus den blubbernden Massen Muskeln. Stück für Stück gewinne ich meinen Körper zurück, mich zurück, bis ich schließlich lächeln kann, denn nur noch leicht funkelt es düster an einigen Stellen, und selbst die kann ich unter der Dusche vergessen. Oder spätestens, wenn das Spiel mit ihm wieder anfängt, welches das dunkle Schimmern erst in mich hineingelassen hat. Und dann ist der Tag gerettet.

Aber der Ort in mir schläft nur. Funkelt und schimmert hinter meinen Ohren und untern meinen Fingernägeln und schickt graue Wolken mit meinen Blicken ins Draußen, die werden nur von wenigen bemerkt. Diese jedoch erschrecken. Wie ich ebenfalls erschrecke, und mir etwas suchen möchte, dass Glimmen aus mir herauszukehren. Er wäre so eine Möglichkeit. Aber er will nicht. Und an die Grenzen meines bloßen Wollens gestoßen, möchte ich die impotenten Hände in den Schoß legen und mit den Zähnen blutige Tränen aus der Lippe bohren.

Und da schlägt es wieder los, und löst mich von innen auf. Und es ist Nacht. Ich kann nicht rennen, keine Gewichte in der Nähe, und er, nur zwei Schritte entfernt, seinen Geruch in den kleinen Raum atmend, den wir uns für den Zeitraum des Spieles teilen. Vielleicht fließe ich aus dem Bett und verätze den Fußboden, oder ich explodiere und verunstalte die Wände, oder ich weine einfach, bis der Schlaf kommt, seine kühle Hand auf meine heißen Augen zu legen. Still und leise, denn ich mag ihn nicht aufwecken, wegen so einer Kleinigkeit wie eines inneren Sumpfes. Eine kleine weiche Kuh drückt sich gegen mich, wie um zu sagen, dass ich nicht der einzige Sumpf bin, hier. Aber das presst nur noch mehr Wasser aus mir, und die Kuh wird auch nass. Und wenn ich sie jetzt an mich drücke, weint sie mit.

Die Lust, etwas gegen die Wand zu werfen, und sei es mein Kopf, bleibt jedoch. Auch im Traum, in dem wir uns dann endlich küssen.

Konrad Schulze

Schon eine Weile frage ich mich: was passiert, wenn der ganze Schnee schmilzt?

Ich habe das zarte Leben an der Hand. Vorsichtig führe ich es den Berg hinab. Es ist so unselbstständig geworden, ich habe Angst, es könnte sich den Hals brechen. Ist es zu alt? Ein bläulich schimernder Ball, ganz leise. Es sieht so lebendig aus. Und wenn ich es berühre, flammt es auf, kühl, blau, hell, um gleich wieder nur schwach zu glimmen. Ein wenig weinlerlich. Es ist mir anvertraut, und ich möchte es mit der Hand umspannen, um es zu schützen, aber es gelingt mir nicht. Immer weiter müssen wir den erg hinab. Ummer weinerlicher wird sein Glimmen, immer einsamer, obwohl ich doch da bin. Bin ich das? Vermutlich klaffen andere Abgründe als nur Entfernung zwischen uns, auch wenn Berührungen diese kurz für nichtig erklären. Ich will nicht bergab. Unten wartet das Meer, in dem wie uns auflösen werden, oder, zumindest, das zarte blaue Leben, dass ich begleite. Aber der Wegt lässt sich nicht aufhalten, und so weine ich jetzt schon, wo wir doch noch nebeneinander hergehen. Es ist so viel, was ich dem Leben geben möchte. Wärme, Zärtlichkeit, Verständnis. Etwas weniger Einsamkeit, und vielleicht Zufriedenheit, und alles quillt aus mir und verfliegt farbig hinter uns. Alles was ich erreiche ist eine Berührung, fest, ohne Scheu, und voller Ehrlichkeit. Aber nicht mehr. Und es tut weh, den Rest nicht teilen zu können. Die Erinnerungen sterben. so schnell wie das Licht, und das zarte Leben wird so grau…Es fühlt sich so einsam, und ich vermag es nicht zu lindern, so nah ich auch bleibe. Aber das weiß ich noch nicht. Ich glaube noch an meine Nützlichkeit.

Dann erreichen wir das Meer, und unaufhaltsam strebt das zarte Leben hinein, strebt weiter, und fühlt sich so einsam. Es bricht mir das Herz, ich kann es doch nicht allein lassen. Fest packe ich es und werfe mich mit ihm in die Flut.

Sofort spült das Wasser das zarte Leben aus meiner Hand, dass kaum noch existierte, und ein reißender gewaltiger Strudel wirft uns auseinander. So wie wir das Meer betreten werden wir getrennt und lösen uns langsam auf. Ich spüre wie das Meer durch mich hindurchspült, etwas blaues, noch kräftiges, aus mir mir herausträgt und zerreißt, in tausend Stücke, die in tanzenden Wirbeln auseinanderstieben. Kurz fühle ich mich riesig.Ich bin ganz das Meer, das zarte Leben gibt es schon lange nicht mehr. Dann zerreißt das Netz, das die Teile noch verbunden hielt. Und alles wird grau, entfernt, stumpf, bis es verschwindet. Ich verschwinde. Und kurz bevor ich aufhöre zu existieren, bemerke ich die Nutzlosigkeit des Opfers. Und Bedauern flammt auf, bevor das Nichts mich ver…

Konrad Schulze

Hinter mir liegt ein Wolf. Vielleicht tot. Und vielmehr trage ich ihn auf meinen beiden Armen. Das Fell ist stumpf und hängt traurig vom Wolf herunter, so wie seine Tatzen und seine rosa Zunge, von der kein Speichel mehr läuft. Ich sehe aus, als würde ich trauern. Aber. Da bin ich mir selbst nicht sicher.

Um mich hetzt die Meute weiter, wild durch die Nacht, sie beißt und faucht, der ganze Wald schrillt voll ihrem treibenden Jaulen. Ich habe die Bisswunden an dem Fell abgestreift, und meine frische Haut leuchtet milchig in der Nacht. Die Nacht ist wie Nebel, und mein Licht ist sichtbar wie eine extra Schicht um mich her. Liebevoll fahre ich durch das Wolfsfell. Es ist, wonach es mich eigentlich reißt. Finger in drahtigen Haaren. Sanft. Mit einer Melodie, die unhörbar von den Lippen sickert und sich mit dem Licht untrennbar vermischt hat, ehe sie ankommt, am Wolfsohr.

Man könnte meinen, es wüchse eine rote Blume aus dem Fell, und ich bin sehr geneigt, es zu glauben. Aber es wird Blut sein, und die ständige Angst vor der vermeintlichen Grausamkeit der Realität lässt keine Blume wachsen, letztendlich. Obwohl es einfach wäre. Einfach den Fingern folgen, die ohne Augen durch das Haar wandern.

“Ich bin bereit alles zu opfen um nichts verlieren zu müssen”, schrie er. Und verlor alles, wie er es opferte. Aber nein. Hätte alles verloren. Wie haben ja nichts verloren. Die grauen Wölfe hetzen uns und reißen mit ihren lüsternen Zähnen an unserem Blumenbeet. - Es bringt nichts, einen von ihnen zu begraben. Und da endlich weine ich einen Bach über den Wolf. Nicht des Wolfes wegen, den ich vermutlich schoss, um aus ihm hervorzukriechen. Nein. Ich weine wegen des Sturmes aus Wölfen der über uns hereinbrechen wird, oder schon brach, und der mir nicht in die Hände fahren wird, nicht aus den Augen leuchtend hervorbrechen wird, nicht mich zu Säule aus Siegesgewissheit wachsen lässt wie der Wind, der mein Freund geworden war. Nein. Dieser Sturm wird ihn umwerfen, mit sich reißen und fliegen lassen, während ich verlacht von den grauen Wölfen verbrenne. Gelb. Hinter mir liegt ein toter Wolf, während um uns die Meute lüstern hetzt.

Konrad Schulze

Ich hetze durch die Nacht, die düster um mich vor sich hinstöhnt, sich wälzt und ab und zu den Mond sehen lässt. Schon erschöpft hängt mir eine große Zunge zum Mund heraus und der Speichel läuft daran herab, wird durch mein Rennen in die Nacht geschleudert, die ihn stöhnend aufnimmt. Um mich rennt es ebenfalls, aber sie sind in den Schatten verborgen und der Mond vermag sie nicht zu enthüllen. Das Ziel ist uns gemeinsam, es liegt vor uns. Es ruft, als würde es nach Blut riechen, als müssten wir es nur noch zerfetzen und verschlingen, ehe wir uns dem nächsten zuwenden. Schwer ist es, nicht an das Ziel zu denken. Selbst bei Tag würde so keiner die Gegend wahrnehmen durch die man hetzt. Aber es ist Nacht, stöhnende, und die Gegend existiert nicht mehr.

Zwischen den Muskeln meines Rückens gebiert der Mond eine Burg, noch dunkler als die Nacht selbst, stel und schroff ragt sie über uns zusammen, verschlingt den Himmel und hat ein glühendes Auge, irgendwo zwischen den Zinnen. Auch in deren Gängen hetzt es, dem gleichen Ziel zu, und meine Haare richten sich wütend auf. Der Klang der harten Krallen, die durch die Steine fruchen wie gläserne Klingen, mit denen geopfert wird. Ununterbrochen. Und die Nacht stöhnt, vielleicht lustvoll, vielleicht gequält, aber auf jeden Fall enthemmt. Bedrohlich ragt die Burg, und kaum bemerke ich das Fleisch, in dem sich meine Zähne verfangen, versenken, dass sie zerreißen, in Stücken aus der Burg, dem Tor, und dahinter wartet die Meute. Ich weiß es genau. Dann, der Mond zerbrach zwischen den Schreien der sich windenden Nacht, öffnet die Burg sich freiwillig, ihre weiten Tore, und die Hunde ergießen sich über mich, knurrend, jaulend, heulend, triumphierend. Ich beiße und reiße, und spüre die Zähne nicht, die sich ungefragt in mich verbohren. Die Leftzen zum Lächeln hochgezogen glaubt keiner den Hetzschweiß, der mir von der Zunge rinnt.

Und im Kampf noch verblutet die Nacht, verblutet das Schloss und der Märchenwald, und alles was bleibt ist ein großes Meer, silbern, an dessen Grund sich die Sehnsucht langsam dreht, die von der Hetze nicht gelindert werden konnte. Wie in einem Bauch. Meine Finger gleiten langsam durch die weichen Federn des Vogels, der mich über das Meer fliegt. Fest an den Hals geschmiegt möchte ich einschlafen, dem fremden Herzschlag lauschend. aber es geht nicht. Ehe ich es mich versehe, taumelt der sichere Schritt und rinnt über die noch warme Wange ins Leere.

Konrad Schulze

Es ist der Gesang einer Mutter, aus dem die dunklen Bäume emporwachsen und mich umspannen, als wäre ich der Himmel. Die Melodie flüchtet sich in den sehnsuchstvollen Schatten, aus denen neugierige Augen glitzern. Sie sind wohl nicht bösartig, denn nichts springt mich an. Nichts, außer ein kalter Schleier, der sich dumpf um meine Füße wickelt. Ihn trage ich herum, ihn und den dunklen Wald, und man sieht es in meinen Augen widerscheinen. Ich weiß nicht, wann ich aufhörte zu tanzen. Aber plötzlich fehlt es mir wieder, und die ersten zaghaften Schritte klingeln zwischen den Bäumen entlang wie ein kaltes Messer. Und dann erwarte ich einen Ausbruch, in den Armen sollte es beginnen, mit denen ich das Gestrüpp zerteilte und die Sicht auf den Mond zurück zu gewinnen suchte. Aber es kommt nichts. Kurz vor der Entladung in die Bewegung fühle ich die steinerne Schwere, in den Füßen, wie sie hinaufkriecht, und grotesk verdreht bleibt die Anspannung erhalten; und geht gerade deshalb verloren. Später sinke ich in mich zusammen, und das Mutterlied schlägt über mir zusammen. Streicht mit holzigen Noten die Sorgenflügel auf meinem Rücken glatt und bringt mit sanften Berührungen das Silber in mir zum Klingen. Und wenn jetzt der Schlaf käme, so wäre ich dankbar. Aber da ist noch diese Kröte. Tief unter mir sitzt sie, und kümmert sich nicht um das Mutterlied, das uns doch die Tränen aus den Augen trieb. Fett und warzig lebt sie vom Wald, und rülpst mir in die Gedanken, so dass das Sonnenlicht einen Schatten auf mir hertanzt. Und wieder furchen die Schultern den Weg uneben, den ich vor mir habe. Ein Klavier rieselt über den Rücken der Kröte, oder wimmelt, und aus den Schatten forme ich eine Seifenblase, in der ich zu dir schweben kann. Bis die Kröte sie mit ihrer Zunge zerschlägt, sie und den Mond, und ich weinend im Moos lande. Das Mutterlied hat sich zurückgezogen, und die Realität steuert auf mich zu, mit Libellenflügeln, die knistern wie Feuer beim Fliegen. Ich sehe keine Lösung. Mit beiden Händen fest vor die Augen gepresst.

Konrad Schulze

Station Story 4

Wenn man im Zug sitzt ist es nicht anders. Die Welt schüttelt uns gleichmäßig, schüttelt uns nicht durcheinander, das wäre ja aufregend. Sie schüttelt uns in Trance, schläfrig streichen die Stunden vorbei, nicht an mir, sondern an allem. Sie tragen buntes mit sich, zu schnell um es zu erfassen, und zu langsam, um keine Sehnsucht danach zu bekommen. Verwischt trägt sich die Welt an uns heran, Erinnerungen bleiben dann aber doch nicht. Es ist nicht so einfach. Aufgebracht sticht man uns durch den Taum, und sollten wir aussteigen, irgendwann,  so fliegt uns das Gepäck um die Ohren, auf dem wir so gemütlich saßen. Manchmal nickt einer ein, und schaukelt dann spannungslos auf seinen Knochen hin und her. Der Fahrtwind geht durch ihn hindurch und trgt den Dunst aus ihm heruas, der uns alle silbern betört, bis wir mitschaukeln, uns unseren Knochen, die wie uns silbern wünschen. Meine Hand liegt auf dem Bauch und stellt sich ein Kind darin vor. Ein silbernes, vielleicht, aber nicht zwingend. Der Bauch bewegt sich. Er atmet, er ist warm. Dann fällt er in sich zusammen, bis die schwarze Maske daraus hervorbricht und mir in die Hand beißt. In Wellen verbreitet sich der Schreck um mich, zitternd, erschüttert das Schaukeln und für einen kurzen Moment scheint es als hielten wir außerplanmäßig. Aber lieber nicht. Dein Gesicht schwebt, einem Schwert gleich über ir und schneidet mir alles vom Körper was den Zug verlassen möchte. Aber es möchte nichts. Freudig bleibe ich erhalten, im Glas, gekocht von deinen Händen und zerbissen von den Zähnen, die mir auf der Wirbelsäule den Rücken heruntergewachsen sind, als ich dich verlies. Die schwarze Maske in meinem Bauch lacht, und eine Stimme des Nordens klirrt auf der Haut. Dann fahren wir weiter, sanft schaukelnd, auf silbernen Knochen. Das Schwert habe ich zu mir herunter geholt und umarme es heftig, um Einschlafen begriffen. Und in der nächsten Wolke verschwindet der Zug, und auf dem Schnee liegt ein Junge, eine Stoffkuh im Arm, aus dessen geöffnetem Bauch rollen silberne Kugeln.

Konrad Schulze

picture: http://liquidkid.deviantart.com

Wenn das Leben einfach passiert, man dahinter steht und zusieht wie es davonläuft. Abläuft. Und die welt biegt sich wie eine hole Plastikhaube um meinen Kopf, ohne ihn zu berühren. Darauf flimmern die Wohlwollenden, die sich freuen. Und zwischen ihnen träumt man, versucht, zurückzufliegen und in den Momenten zu fischen. Und kurz spürt man sie wieder, die Haut. Und das grüne T-Shirt riecht. Bis die Schultern zucken. Heftig. Und dann geschieht mein Leben, geht mit meinen Füßen Schritte, und mein Kopf schrie ‘Nein!’. Mir zugeschaut habe ich, und die Tränen haben die bunte Welt nicht erreichen können. Schwer hängen sie zwischen meinem Wollen und meinem Tun. Ich lege den Kopf auf einen Mühlstein um zu ruhen, friedlich. Die Erinnerung läuft mir aus Mund und Nase, in schwarzer Tinte malen sie sich auf den Stein, der sich langsam unter mir dreht. Kaum bekomme ich Luft, und der Stein ist auch in meinem Hals. Sprechen möchte ich, von mir, es fliegen lassen, doch der Stein bröckelt nur kurz, raspelt und schürft, und die Stimme läuft schwarz aus den Augen. Mein Körper ist zu groß für mich. Ängstlich verstecke ich mich in meinen Füßen, die, die mich davontragen, und schaue von unten in meinen Bauch. Es tropft daraus. Fest drücke ich ein buntes Tier an mich, fester, und spreche mit ihm auf portugiesisch. Die Schritte wirbeln uns durcheinander und vermischen unsere Wünsche. Jeder Schritt zieht dabei eine neue Träne aus meinm Auge, am Faden glitzernd, während ich aus meinen Füßen zuschau. Als ich mich von der Erde löste, kam der Zusammenbruch.

Kahpe

Ich sitze am Grund. Meinem Grund. Ganz unten, und rolle mich zusammen. Ein kleines Paket ganz unten in mir. Dort tut nichts weh. Die Wirklichkeit hat sich in einen Zug gesetzt. Die Wirklichkeit hat sich in einen Zug gesetzt und fährt an mir vorbei. Uch schau ihr aus mir heraus dabei zu, und habe das Gefühl, nicht zu leben. Vorsichtig versuche ich dir Welt zu berühren, aus mir heraus zu langen und zu fühlen, was um mich geschieht. Aber ich zu zu groß, mein Arme sind zu kurz um von meinen Füßen bis aus mir herauszureichen. Also schaue ich mir zu. In mir, noch tiefer als dort wo ich sitze, da vermute ich einen Schmerz. Er ist nicht deutlich. Aber konstant und kalt. Ich vermute, dass er an dem Abstand Schuld hat, oder der Abstand ist, den ich nicht überwinden kann. Jedoch, er ist erträglich. Und fast fühle ich ihn gern, ist er doch alles, was von Ihm übrig blieb. Und gleichzeitig schäme ich mich, dass er so klein ist, mich nicht zerfetzt. Ein kleiner Schmerz, der nicht vorübergehen will. Vermutlich müsste ich ihn bei den Wurzeln packen und ein Loch in mich reißen. Das kann ich aber nicht, passiert das Leben doch außerhalb meiner Reichweite. Und dann plötzlich weine ich, und der Schmerz kommt mir so groß vor, dass ich ihn mir besser wieder klein rede. Das geschieht nicht oft, ich benutze ja Handschuhe und spreche leise mit mir. Und auf einmal bin ich ein Klavier, dass in Sehnsucht nach milchigen, kühlen Fingern beginnt Staub zu atmen. Die Seiten zittern und ab und zu tropft ein Ton von ihnen, der sich auf dem Boden verläuft, jedoch nie den Abgrund überwinden kann, um aus mir herauszufinden. Ich drehe den Kopf beiseite und werde Konrad bleiben, und vielleicht fortgehen. Bis dahin versuche ich wenigstens meine Augen zu erreichen, um sie zu schließen, bevor sie wieder brennen.

Konrad Schulze

picture: by print here: http://shagagraf.deviantart.com

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