Brasilien


Ich habe einen Ort gefunden, den ich nie betreten wollte. Von klein an hört man von ihm, tief im Wald versteckt, ein dunkel schimmerndes Leben, das seine dünnen schleimigen Fäden aus dem verfilzten Pelz ausstreckt wie tastende Fühler, so dünn, dass es keiner bemerkt, bis sie einem die Augen verkleben, in den Körper dringen, Nase, Mund, alle Öffnungen. Und am Anfang, ganz kurz, ist es Lust. Man öffnet sich weiter, und… Dann ist es in einem. Schimmert dunkel und wächst und grinst höhnisch, mir ins Gesicht, von innen, der ich ängstlich in das Draußen schaue, das plötzlich anders wirkt, obwohl sich nichts geändert hat, für das Draußen.

Dunkel schimmert es, und öffnet sich in mir, immer weiter, bis meine Arme es nicht mehr überspannen können und ich hineinfalle. Und dann sprüht es, mir aus den Augen. Vergiftet die Luft, die ich atme. Doch so lange ich still bleibe, bemerkt es hoffentlich keiner. Es sei denn, jemand beobachtet meine Schultern, die sich spannen und krümmen, als wollten sie etwas daran hindern, aus meinem Mund zu springen. Und so zittere ich leicht, under der Anspannung, nichts entkommen zu lassen, nicht selbst zum Sumpf zu werden, der so heiß in mir brodelt. Ich schließe die Augen, und beginne zu rennen. Gewichte und Gewichte stämme ich in alle Richtungen, und es ist ein Kampf gegen mich selbst. Ich brenne und brodele, in mir bläst sich die matschige Masse des glimmenden Sumpfes auf, stämmt sich gegen meine Haut, um mich endlich zum Platzen zu bringen. Aber ich stämme dagegen. Und je weiter ich laufe, je mehr Gewichte ich stämme, umso mehr formen sich aus den blubbernden Massen Muskeln. Stück für Stück gewinne ich meinen Körper zurück, mich zurück, bis ich schließlich lächeln kann, denn nur noch leicht funkelt es düster an einigen Stellen, und selbst die kann ich unter der Dusche vergessen. Oder spätestens, wenn das Spiel mit ihm wieder anfängt, welches das dunkle Schimmern erst in mich hineingelassen hat. Und dann ist der Tag gerettet.

Aber der Ort in mir schläft nur. Funkelt und schimmert hinter meinen Ohren und untern meinen Fingernägeln und schickt graue Wolken mit meinen Blicken ins Draußen, die werden nur von wenigen bemerkt. Diese jedoch erschrecken. Wie ich ebenfalls erschrecke, und mir etwas suchen möchte, dass Glimmen aus mir herauszukehren. Er wäre so eine Möglichkeit. Aber er will nicht. Und an die Grenzen meines bloßen Wollens gestoßen, möchte ich die impotenten Hände in den Schoß legen und mit den Zähnen blutige Tränen aus der Lippe bohren.

Und da schlägt es wieder los, und löst mich von innen auf. Und es ist Nacht. Ich kann nicht rennen, keine Gewichte in der Nähe, und er, nur zwei Schritte entfernt, seinen Geruch in den kleinen Raum atmend, den wir uns für den Zeitraum des Spieles teilen. Vielleicht fließe ich aus dem Bett und verätze den Fußboden, oder ich explodiere und verunstalte die Wände, oder ich weine einfach, bis der Schlaf kommt, seine kühle Hand auf meine heißen Augen zu legen. Still und leise, denn ich mag ihn nicht aufwecken, wegen so einer Kleinigkeit wie eines inneren Sumpfes. Eine kleine weiche Kuh drückt sich gegen mich, wie um zu sagen, dass ich nicht der einzige Sumpf bin, hier. Aber das presst nur noch mehr Wasser aus mir, und die Kuh wird auch nass. Und wenn ich sie jetzt an mich drücke, weint sie mit.

Die Lust, etwas gegen die Wand zu werfen, und sei es mein Kopf, bleibt jedoch. Auch im Traum, in dem wir uns dann endlich küssen.

Konrad Schulze

Hinter mir liegt ein Wolf. Vielleicht tot. Und vielmehr trage ich ihn auf meinen beiden Armen. Das Fell ist stumpf und hängt traurig vom Wolf herunter, so wie seine Tatzen und seine rosa Zunge, von der kein Speichel mehr läuft. Ich sehe aus, als würde ich trauern. Aber. Da bin ich mir selbst nicht sicher.

Um mich hetzt die Meute weiter, wild durch die Nacht, sie beißt und faucht, der ganze Wald schrillt voll ihrem treibenden Jaulen. Ich habe die Bisswunden an dem Fell abgestreift, und meine frische Haut leuchtet milchig in der Nacht. Die Nacht ist wie Nebel, und mein Licht ist sichtbar wie eine extra Schicht um mich her. Liebevoll fahre ich durch das Wolfsfell. Es ist, wonach es mich eigentlich reißt. Finger in drahtigen Haaren. Sanft. Mit einer Melodie, die unhörbar von den Lippen sickert und sich mit dem Licht untrennbar vermischt hat, ehe sie ankommt, am Wolfsohr.

Man könnte meinen, es wüchse eine rote Blume aus dem Fell, und ich bin sehr geneigt, es zu glauben. Aber es wird Blut sein, und die ständige Angst vor der vermeintlichen Grausamkeit der Realität lässt keine Blume wachsen, letztendlich. Obwohl es einfach wäre. Einfach den Fingern folgen, die ohne Augen durch das Haar wandern.

“Ich bin bereit alles zu opfen um nichts verlieren zu müssen”, schrie er. Und verlor alles, wie er es opferte. Aber nein. Hätte alles verloren. Wie haben ja nichts verloren. Die grauen Wölfe hetzen uns und reißen mit ihren lüsternen Zähnen an unserem Blumenbeet. - Es bringt nichts, einen von ihnen zu begraben. Und da endlich weine ich einen Bach über den Wolf. Nicht des Wolfes wegen, den ich vermutlich schoss, um aus ihm hervorzukriechen. Nein. Ich weine wegen des Sturmes aus Wölfen der über uns hereinbrechen wird, oder schon brach, und der mir nicht in die Hände fahren wird, nicht aus den Augen leuchtend hervorbrechen wird, nicht mich zu Säule aus Siegesgewissheit wachsen lässt wie der Wind, der mein Freund geworden war. Nein. Dieser Sturm wird ihn umwerfen, mit sich reißen und fliegen lassen, während ich verlacht von den grauen Wölfen verbrenne. Gelb. Hinter mir liegt ein toter Wolf, während um uns die Meute lüstern hetzt.

Konrad Schulze

Es ist der Gesang einer Mutter, aus dem die dunklen Bäume emporwachsen und mich umspannen, als wäre ich der Himmel. Die Melodie flüchtet sich in den sehnsuchstvollen Schatten, aus denen neugierige Augen glitzern. Sie sind wohl nicht bösartig, denn nichts springt mich an. Nichts, außer ein kalter Schleier, der sich dumpf um meine Füße wickelt. Ihn trage ich herum, ihn und den dunklen Wald, und man sieht es in meinen Augen widerscheinen. Ich weiß nicht, wann ich aufhörte zu tanzen. Aber plötzlich fehlt es mir wieder, und die ersten zaghaften Schritte klingeln zwischen den Bäumen entlang wie ein kaltes Messer. Und dann erwarte ich einen Ausbruch, in den Armen sollte es beginnen, mit denen ich das Gestrüpp zerteilte und die Sicht auf den Mond zurück zu gewinnen suchte. Aber es kommt nichts. Kurz vor der Entladung in die Bewegung fühle ich die steinerne Schwere, in den Füßen, wie sie hinaufkriecht, und grotesk verdreht bleibt die Anspannung erhalten; und geht gerade deshalb verloren. Später sinke ich in mich zusammen, und das Mutterlied schlägt über mir zusammen. Streicht mit holzigen Noten die Sorgenflügel auf meinem Rücken glatt und bringt mit sanften Berührungen das Silber in mir zum Klingen. Und wenn jetzt der Schlaf käme, so wäre ich dankbar. Aber da ist noch diese Kröte. Tief unter mir sitzt sie, und kümmert sich nicht um das Mutterlied, das uns doch die Tränen aus den Augen trieb. Fett und warzig lebt sie vom Wald, und rülpst mir in die Gedanken, so dass das Sonnenlicht einen Schatten auf mir hertanzt. Und wieder furchen die Schultern den Weg uneben, den ich vor mir habe. Ein Klavier rieselt über den Rücken der Kröte, oder wimmelt, und aus den Schatten forme ich eine Seifenblase, in der ich zu dir schweben kann. Bis die Kröte sie mit ihrer Zunge zerschlägt, sie und den Mond, und ich weinend im Moos lande. Das Mutterlied hat sich zurückgezogen, und die Realität steuert auf mich zu, mit Libellenflügeln, die knistern wie Feuer beim Fliegen. Ich sehe keine Lösung. Mit beiden Händen fest vor die Augen gepresst.

Konrad Schulze

Station Story 4

Wenn man im Zug sitzt ist es nicht anders. Die Welt schüttelt uns gleichmäßig, schüttelt uns nicht durcheinander, das wäre ja aufregend. Sie schüttelt uns in Trance, schläfrig streichen die Stunden vorbei, nicht an mir, sondern an allem. Sie tragen buntes mit sich, zu schnell um es zu erfassen, und zu langsam, um keine Sehnsucht danach zu bekommen. Verwischt trägt sich die Welt an uns heran, Erinnerungen bleiben dann aber doch nicht. Es ist nicht so einfach. Aufgebracht sticht man uns durch den Taum, und sollten wir aussteigen, irgendwann,  so fliegt uns das Gepäck um die Ohren, auf dem wir so gemütlich saßen. Manchmal nickt einer ein, und schaukelt dann spannungslos auf seinen Knochen hin und her. Der Fahrtwind geht durch ihn hindurch und trgt den Dunst aus ihm heruas, der uns alle silbern betört, bis wir mitschaukeln, uns unseren Knochen, die wie uns silbern wünschen. Meine Hand liegt auf dem Bauch und stellt sich ein Kind darin vor. Ein silbernes, vielleicht, aber nicht zwingend. Der Bauch bewegt sich. Er atmet, er ist warm. Dann fällt er in sich zusammen, bis die schwarze Maske daraus hervorbricht und mir in die Hand beißt. In Wellen verbreitet sich der Schreck um mich, zitternd, erschüttert das Schaukeln und für einen kurzen Moment scheint es als hielten wir außerplanmäßig. Aber lieber nicht. Dein Gesicht schwebt, einem Schwert gleich über ir und schneidet mir alles vom Körper was den Zug verlassen möchte. Aber es möchte nichts. Freudig bleibe ich erhalten, im Glas, gekocht von deinen Händen und zerbissen von den Zähnen, die mir auf der Wirbelsäule den Rücken heruntergewachsen sind, als ich dich verlies. Die schwarze Maske in meinem Bauch lacht, und eine Stimme des Nordens klirrt auf der Haut. Dann fahren wir weiter, sanft schaukelnd, auf silbernen Knochen. Das Schwert habe ich zu mir herunter geholt und umarme es heftig, um Einschlafen begriffen. Und in der nächsten Wolke verschwindet der Zug, und auf dem Schnee liegt ein Junge, eine Stoffkuh im Arm, aus dessen geöffnetem Bauch rollen silberne Kugeln.

Konrad Schulze

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Wenn das Leben einfach passiert, man dahinter steht und zusieht wie es davonläuft. Abläuft. Und die welt biegt sich wie eine hole Plastikhaube um meinen Kopf, ohne ihn zu berühren. Darauf flimmern die Wohlwollenden, die sich freuen. Und zwischen ihnen träumt man, versucht, zurückzufliegen und in den Momenten zu fischen. Und kurz spürt man sie wieder, die Haut. Und das grüne T-Shirt riecht. Bis die Schultern zucken. Heftig. Und dann geschieht mein Leben, geht mit meinen Füßen Schritte, und mein Kopf schrie ‘Nein!’. Mir zugeschaut habe ich, und die Tränen haben die bunte Welt nicht erreichen können. Schwer hängen sie zwischen meinem Wollen und meinem Tun. Ich lege den Kopf auf einen Mühlstein um zu ruhen, friedlich. Die Erinnerung läuft mir aus Mund und Nase, in schwarzer Tinte malen sie sich auf den Stein, der sich langsam unter mir dreht. Kaum bekomme ich Luft, und der Stein ist auch in meinem Hals. Sprechen möchte ich, von mir, es fliegen lassen, doch der Stein bröckelt nur kurz, raspelt und schürft, und die Stimme läuft schwarz aus den Augen. Mein Körper ist zu groß für mich. Ängstlich verstecke ich mich in meinen Füßen, die, die mich davontragen, und schaue von unten in meinen Bauch. Es tropft daraus. Fest drücke ich ein buntes Tier an mich, fester, und spreche mit ihm auf portugiesisch. Die Schritte wirbeln uns durcheinander und vermischen unsere Wünsche. Jeder Schritt zieht dabei eine neue Träne aus meinm Auge, am Faden glitzernd, während ich aus meinen Füßen zuschau. Als ich mich von der Erde löste, kam der Zusammenbruch.

Kahpe

Ich sitze am Grund. Meinem Grund. Ganz unten, und rolle mich zusammen. Ein kleines Paket ganz unten in mir. Dort tut nichts weh. Die Wirklichkeit hat sich in einen Zug gesetzt. Die Wirklichkeit hat sich in einen Zug gesetzt und fährt an mir vorbei. Uch schau ihr aus mir heraus dabei zu, und habe das Gefühl, nicht zu leben. Vorsichtig versuche ich dir Welt zu berühren, aus mir heraus zu langen und zu fühlen, was um mich geschieht. Aber ich zu zu groß, mein Arme sind zu kurz um von meinen Füßen bis aus mir herauszureichen. Also schaue ich mir zu. In mir, noch tiefer als dort wo ich sitze, da vermute ich einen Schmerz. Er ist nicht deutlich. Aber konstant und kalt. Ich vermute, dass er an dem Abstand Schuld hat, oder der Abstand ist, den ich nicht überwinden kann. Jedoch, er ist erträglich. Und fast fühle ich ihn gern, ist er doch alles, was von Ihm übrig blieb. Und gleichzeitig schäme ich mich, dass er so klein ist, mich nicht zerfetzt. Ein kleiner Schmerz, der nicht vorübergehen will. Vermutlich müsste ich ihn bei den Wurzeln packen und ein Loch in mich reißen. Das kann ich aber nicht, passiert das Leben doch außerhalb meiner Reichweite. Und dann plötzlich weine ich, und der Schmerz kommt mir so groß vor, dass ich ihn mir besser wieder klein rede. Das geschieht nicht oft, ich benutze ja Handschuhe und spreche leise mit mir. Und auf einmal bin ich ein Klavier, dass in Sehnsucht nach milchigen, kühlen Fingern beginnt Staub zu atmen. Die Seiten zittern und ab und zu tropft ein Ton von ihnen, der sich auf dem Boden verläuft, jedoch nie den Abgrund überwinden kann, um aus mir herauszufinden. Ich drehe den Kopf beiseite und werde Konrad bleiben, und vielleicht fortgehen. Bis dahin versuche ich wenigstens meine Augen zu erreichen, um sie zu schließen, bevor sie wieder brennen.

Konrad Schulze

picture: by print here: http://shagagraf.deviantart.com

Man ist eine Spinne, von ihrem eigenen Netz gefangen, denn es stellte sich heraus, dass man es nicht selbst spann. Die Fäden laufen um einen herum, wie zu schnell gewachsen, zu dünn und brüchig. Und zu alt. Man erwartet sie an anderen Stellen und man erwartet sie straffer. Sind es noch die, an die man sich erinnert? Keiner kann es sagen. Man hängt in dem Netz, und ist überwältigt von dem Käfig der sich da um einen auftut. Oder schließt. Öffnen, das wäre ja schön. Sehnsüchtig verfolge ich die Fäden zurück, dort wo sie aufgeknüpft sind. Wohin sie mich leiten sollen, zurückbringen vielleicht, damit ich neue da festmachen kann, wo die alten bald reißen. Aber es funktioniert nicht. Ich kann nicht auf den Wegen tanzen, zu übermächtig ist der Abgrund, und wenn ich mich recht entsinne, vorher spannte sich der Faden über festen Boden. Jetzt klaffen Wunden dort, oder in meinem Kopf, wo man früher sicher trat.

Das ist nicht alles. Das Netz wickelt mich ein. Und die Geborgenheit, die mir so offensichtlich schien, die will sich nicht einstellen. Klebrig umspannen sie meine Hände, kaum kann ich nach etwas neuem greifen. Und die Augen. Quer hinüber, so dass ich jeden Morgen nicht aufzuwachen vermag. Mit dem Gespinst über den Augen, wie soll ich erkenne wo ich eigentlich bin? Und wer ich bin? Auch fällt es mir schwer zu erkennen wer ihr seid. Das Netz liefert die Informationen, nur traue ich ihnen nicht mehr. Sie hängen durch wie die Fäden, sind welk und brüchig, und verkleben den Weg für neue. Und so muss ich ihnen doch vertrauen, lächle euch zu, und vermag mich nicht zu öffnen, zu tanzen, auf dünnen neuen Wegen, die sich grazil zwischen uns spannen könnten. Vielmehr scheint es mir eine Hängematte zu sein, in der wir faul aneinander vorbeischaukeln.

Aus meinem Rücken ragen die golden glänzenden Stummel. Flügel, die ich mir auslieh um ein wenig zu fliegen. Sie nässen noch, hab ich sie mir doch plötzlich wieder herausreißen müssen. Das Netz klebt sich auch darüber, feucht, unerbitterlich, und ich versuche den Schmerz nicht zu spüren. Die Stumpen ziehen mich, ziehen mich zurück in die Luft, zwischen die Wolken. Aber das Netz, es hängt an meinen Füßen, wie harte Steine, Wurzeln, die den Boden irgendwo dort im Abgrund gefunden haben und nun nicht mehr loslassen. Unvermeidlich werde ich auseinandergezogen, in die Tiefe und in die Höhe, und als mein Bauch reißt, fallen die silbernen Kugeln daraus hervor und läuten die tränige Stille ein.

Der Wind schaukelt mich hin und her, und trocknet die Risse zwischen den Rippen. Auch zwischen den Augen und den Schulterblättern. Immernoch kann ich mich nicht bewegen, und mir fehlt der silberne Sinn im Bauch. Die Stille schleicht aus meinem Mund, und läuft für mich zwischen euch hin und her. Sie ist nicht zerrissen, und scheint sich auch mit dem Netz besser abzufinden. Und so wie sie euch in die Augen schaut, so scheint ihr zufrieden. Niemand zieht mehr am Netz, und ein Wir scheint nicht mehr in Frage gestellt. Verkrustete Stummel zucken auf meinem Rücken, hier und da, und bewegen das alte Netz, als würden wir es nutzen.

Ich werde einen Spiegel essen müssen, um mich mit dem zu füllen, was aus mir herausfiel als ich zeriss…

Konrad Schulze

Ich gehe immer die gleiche Straße entlang. Meine Füße kennen die Stellen schon, die gefährlich sind. Gerade ist es so dunkel, dass ich nicht sehen kann, wo ich hintrete. Aber ich weiß es, so oft bin ich hier schon gegangen. Tanzend fliege ich darüber hinweg und meine Füße treten immer zwischen die hungrigen Münder. Aber trotzdem ist heute etwas anders. Grundlegend. Ich kenne zwar den Weg, aber ich weiß nicht wo er hinführt. Gestern nacht war es, da haben sie die Landschaft beiseite geräumt und mir nur die Straße gelassen. Seitdem ist es dunkel. Natürlich habe ich mich erschrocken, und der erste Schritt ging auch in die offenen Messer. Es hat geblutet, heute den ganzen Tag, und alle haben es gesehen. Ich möchte nicht wissen, wie sie sich das Maul zerrissen haben. Ich versuchte den Fuß notdürftig zu verbinden, aber die Blutung hat sich erste beruhigt, als ich anfing zu weinen. Jetzt geht es. Ich konnte auch schon wieder tanzen, das Zimmer mit roten Fußabdrücken schmücken. Jetzt laufe ich kopflos auf der Straße entlang, folge ihr wohin auch immer. Wie ein schwarzer Wurm schlängelt sie sich durch die Nacht,  und nichtmal der Mond spiegelt sich in ihren Scherben. Vor Schreck habe ich auch vergessen, dass ich der Straße nicht vertraute, erst, und dass es keine Sinn ergibt, ihr jetzt zu trauen. Aber, sie ist auch das einzige, das mir bleibt, so absurd es klingt. Ich weiß nicht mehr weiter, muss das aber auch gar nicht. Die Straße weiß es, die vor meinem Kuss geflohen ist, und die ich, wie immer, festhalten musste, um nicht zu fallen. Ich glaube, bald wird die Straße auch verschwunden sein. Abgerissen, und dann schwimme ich komplett im Leeren. Bleibt mir nur, auf den Mond zuzuschwimmen, und mir die Flügelstümpfe zu verbrennen, die dort sind, wo die Landschaft an mir festgemacht gewesen. Doch von Seufzen und Misstrauen läuft sich die Straße auch nicht zu Ende, würde Janus jetzt sagen, und so laufe ich, weil ja die Landschaft fehlt, in die ich verschwinden könnte. Und, soweit ich ehrlich bin, die Landschaft kommt sicherlich wieder, sobald du mich freiwillig küsst, mein Jonathan. Und endlich habe ich die weiße Hose an, die fast wie ein Kleid wirkt, und die die Straße um mich wie ein Mond erhellt. Also weitertanzen, es blutet auch nur noch wenig. Bevor ich in die nächste Schere trete ist es bestimmt geheilt.

Konrad Schulze

Und dann habe ich ohne Janus gehandelt. Warum bist du nicht gekommen, mir zu helfen. Du weißt, ich spiele und verspiele die Momente, die wie kleine Lichter zwischen den Regenvorhängen hindurch leuchteten. Noch ist nicht klar, ob verspielt oder gewonnen. Mein Kopf weint zwar, aber die schwarze Hand hat den Schrei losgelassen, der Brustkorb sich knackend geöffnet und das wilde Tier herausgelassen, das von innen an den Wänden kratzte. Warum weint aber der Kopf? Ist es Janus? Hat er etwa geliebt, er, der es nie zugeben wollte? Hat er mehr geliebt als ich? Und wenn der Kopf sich auch wehrt, da muss er lächeln. Das Bild dazu ist friedlich: unter einem gekrümmten Kiefernbaum, am Strand, hinter den ersten Dünen, da findet sich ein Laubhaufen. Friedlich, unbewegt atmet er im silbrigen Mondlicht, dass über die Kiefer auf ihn heruntertropft. Und, man sieht es nicht, man spürt es nur, unter dem Haufen schläft er. Nicht Janus. Er, der jetzt so weit ist, wie man sich nah gewesen war. Das Meer ist still. Alle Stürme liegen wohl unter dem Haufen, rasen durch ihn, fressen, und ich kann nichts mehr tun. Es ist fast eine Schuld, aber wir wissen alle, dass dieses Wort zu einfach ist. Aber, meine Hände sind endlich wieder warm, und mein Blick lebt. Ich fliege meinem Blick hinterher, nicht frei, aber leicht. Und ohne gekrümmten Rücken. Es könnte mir ein Kuss fehlen, wenn es vorher einen gegeben hätte. So aber setze ich mich neben den Laufhaufen und singe ein Schlaflied, um die Wut in Schmerz zu verwandeln. Und so grausam es klingt: Ich will dass er mich vermisst, so wie ich ihn vermisst habe. Nicht der Gerechtigkeit wegen. Denn vermutlich ist alles schon gerecht, so wie es geschieht. Er soll die Kälte schmecken, die er an die gab, die ihn liebten. Damit er dies nicht wieder tut. Kühle Morgenluft fließt in Wolken aus meinem Gesicht, und das Meer ist immer noch still.

Ich weinte nicht um die Liebe. Ich weinte um die verschenkten Möglichkeiten.

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