geöffnet


Und dann habe ich ohne Janus gehandelt. Warum bist du nicht gekommen, mir zu helfen. Du weißt, ich spiele und verspiele die Momente, die wie kleine Lichter zwischen den Regenvorhängen hindurch leuchteten. Noch ist nicht klar, ob verspielt oder gewonnen. Mein Kopf weint zwar, aber die schwarze Hand hat den Schrei losgelassen, der Brustkorb sich knackend geöffnet und das wilde Tier herausgelassen, das von innen an den Wänden kratzte. Warum weint aber der Kopf? Ist es Janus? Hat er etwa geliebt, er, der es nie zugeben wollte? Hat er mehr geliebt als ich? Und wenn der Kopf sich auch wehrt, da muss er lächeln. Das Bild dazu ist friedlich: unter einem gekrümmten Kiefernbaum, am Strand, hinter den ersten Dünen, da findet sich ein Laubhaufen. Friedlich, unbewegt atmet er im silbrigen Mondlicht, dass über die Kiefer auf ihn heruntertropft. Und, man sieht es nicht, man spürt es nur, unter dem Haufen schläft er. Nicht Janus. Er, der jetzt so weit ist, wie man sich nah gewesen war. Das Meer ist still. Alle Stürme liegen wohl unter dem Haufen, rasen durch ihn, fressen, und ich kann nichts mehr tun. Es ist fast eine Schuld, aber wir wissen alle, dass dieses Wort zu einfach ist. Aber, meine Hände sind endlich wieder warm, und mein Blick lebt. Ich fliege meinem Blick hinterher, nicht frei, aber leicht. Und ohne gekrümmten Rücken. Es könnte mir ein Kuss fehlen, wenn es vorher einen gegeben hätte. So aber setze ich mich neben den Laufhaufen und singe ein Schlaflied, um die Wut in Schmerz zu verwandeln. Und so grausam es klingt: Ich will dass er mich vermisst, so wie ich ihn vermisst habe. Nicht der Gerechtigkeit wegen. Denn vermutlich ist alles schon gerecht, so wie es geschieht. Er soll die Kälte schmecken, die er an die gab, die ihn liebten. Damit er dies nicht wieder tut. Kühle Morgenluft fließt in Wolken aus meinem Gesicht, und das Meer ist immer noch still.

Ich weinte nicht um die Liebe. Ich weinte um die verschenkten Möglichkeiten.

Ich stehe an der Bushaltestelle und möchte nach Janus schreien, aber es antwortet niemand. Es regnet nur. Von mir weg, klar. Ich werde nicht nass. Der Regen scheint jeden Laut zu schlucken. Die langsam an mir vorbeischwebenden Regenschirme, schwarz, sind auf jeden Fall geräuschlos. Sie berühren sich nicht. Die Schirme. Obwohl sie so gern würden, das sieht man ihnen an. Jedoch, sie drehen sich sacht auf ihrem Weg aneinander vorbei, während der frische Regen silbrig von ihren Ecken tropft. Als würde ich lächeln.

Es ist heiß. von der Straße dampft es warm an mir herauf, der ich trocken im Regen versuche zu schreien. Und zu allem Übel scheint auch noch die Sonne, golden und schräg durch die Bäume hindurch. Der Bus kommt. Hält. Eine bleiche, schmale Hand entrollt sich aus der geöffneten Tür und streckt sich mir entgegen. Eine Einladung! Die schmalen Fingernägel leuchten milchig aus der Haut und versprechen Ruhe oder Verderbnis. So stehe ich vor ihm. Nicht zugreifen, nicht davonlaufen kann ich, und nicht hier bleiben, soviel weiß ich. Aber das goldene Licht blendet und fast berühren sich die friedlichen Schirme und, und, und…. Und der Bus fährt. Ich schaue ihm nicht nach, das Hier ist mir schon wieder zu viel, das mich aufhielt auf den Bus zu springen. War sie nicht schön die Hand? War es nicht schön, hier? Bevor ich mich entschied zu bleiben. Durch die Füße ist mir eine Kralle in den Bauch gewachsen, die ich mir schwarz vorstelle. Dort hat sie den Schrei nach Janus gepackt. Wäre er in den Bus gestiegen? Jetzt, wo er schweigt, weil ich nicht mehr rufen kann, da ist mir als wäre er nie da gewesen. Zweifel wachsen wie hellgrünes Schilf aus den sich füllenden Pfützen und glänzen angenehm in der Sonne. Zweifel an mir, an ihm, und letztlich am Bus. Ich bin immer noch trocken, und um mich dampft es warm aus den Schilfinseln.

Ich kann mich so nicht bewegen. Liefe ich los, ich risse mir den Schrei aus dem Unterleib, der doch dort fest gewachsen ist. Und dabei ist es hier so wunderbar, dass keiner versteht, warum der Bus überhaupt regelmäßig vorbei fährt, wo alles was man zur Zufriedenheit braucht doch nur dies ist: gelassen hier zu bleiben, die Sonne und den Regen beobachten, und dann und wann genießen, wenn sich die Schirme zufällig berühren. Aber ich vergaß, ich bin nicht gelassen.

Heute fliehen wir! Aber ich habe schnell erkannt, die gemeinsame Flucht ist das Bleiben, das man bekämpft wie einen lästigen Schwarm. Ich sehne mich nach einer goldenen Sichel, den Zweifel niedrig zu halten, der die grauen Häuser schon zuwuchert, vor denen ich warte. Aber als ich sie mir so stark wünsche, dass sie tatsächlich in meiner Hand auftaucht, da ist das Gemäuer schon so porös, dass ich alles einreißen würde. Dort, an der Bushaltestelle. Und dann fällt es mir ein. Es ist das warten, dass ich nicht ertrage, wie ich mich auch entscheide.

Konrad Schulze

Heute in der Stadt, da fragte es mich, wer in mir lebt. Ob das wirklich ich bin, dieses trotzige Kind, das aufstampft wenn es nicht bekommt was es will. Oder der traurige Baum, der sich hinter seiner Rinder versteckt um zu weinen. Und ob das lachende Gesicht, was ich so oft in die Welt strahle, zu denen gehört, die in mir leben. Das Lachen ist so schwach. Es ist so kurzweilig, so unbeständig. Wohingegen das Weinen. Das bleibt. Eine Stunde oder länger. Und wenn es geht, wenn es von meinem Gesicht verschwindet, dann lebt es in mir fort. Lebt also das Weinen in mir? Wie traurig.

In den letzten Tagen bleibst sogar die Frage neu zu formulieren. Nicht länger wer lebt in mir. Dieser Wer, er sollte schon menschlich sein, aufrecht gehen und sich artikulieren. Aber was da in mir lebt, es kriecht, wenn es sich überhaupt bewegt, und schweigt. Ein Schweigen das durch meine Haut scheint wie Winter, dass aus meinen Augen läuft und die ganze Wohnung kühl hält, so dass deren Bewohner flüchten. — Lebt das Schweigen in mir. Ich zweifle noch denn mir ist nach schreien, trampeln und Haare raufen, schon habe ich mir auf die Zunge gebissen und trinke mein salziges Blut. Mein Körper während dessen färbt sich schwarz vor Müdigkeit. Es beginnt um die Augen herum, bis die schlafenden Teile von mir abfallen, wie Asche von einem brennenden Holzscheit, und es bleibt nur zurück, was in mir lebt, was mich nicht schlafen ließ. Aber wer denkt, man könnte es jetzt erkennen, jetzt wo es ohne mich, freigelegt von meiner Hülle vor uns liegt, der täuscht sich. Vielmehr bin es immernoch ich, ein schleimiges, unförmiges Monstrinho das mit den Beinen strampelt und wimmert. Ich weiß nicht, ob ich ich schon einmal so benommen habe, wie ich es jetzt tue, auf dem Tisch vor uns. Und es erfüllt mich mit Scham. Meine Asche will, dass ich damit aufhöre, aber zu meinen Füßen in Häufchen hat sie keine Chance.

Ich glaube ich ignoriere mich absichtlich. Ich findet nicht statt? Wie schön wäre das jetzt. Aber was in mir lebt, das trotzige Kind Ich, was ich nicht erkennen kann und das durch meine Finger gleitet wie ein glitschiger Aal, es zerstört weiter. Mich, ihn. Uns. Wie traurig.

Konrad Schulze

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Du gefällst mir so nicht. Das silberne Messer in deiner Hand, das passt nicht zu dir. In seinem schmalen Griff sitzt ein roter Edelstein, der böse zwischen deinen Fingern hindurchblitzt, und jede deiner Bewegungen genau verfolgt. Jede Bewegung im Raum. Meine. Deine. Seine. Ihre. Ihre ganz besonders. Ich kann sie nicht sehen. Aber sie ist hier. Dort liegt sie, auf dem Tisch und wartet ruhig auf dich. Warum hast du mich eingeladen?

Langsam gehst du auf den Tisch zu. Wäre dies offiziell, so würde sicher Musik aus den Wänden sickern. So aber hört man nur deine weichen Schritte, und ab und zu ein metallenes Klirren. Wenn das Messer zwinkert. Für eine zehntel Sekunde ist der Raum dann ein normaler Raum. Sobald sich das silberne Lid aber wieder von dem Edelstein löst, sind wir wieder im Schlachthof. Was macht sie? Wie geht es ihr? Ich kann sie nicht sehen. Weder sehen noch hören. Und doch. Zwischen deinen Schulterblättern blüht ein schwarzer Knoten. Was sagt sie dir?

Du wirst immer langsamer. Man kann es nicht mit ansehen. Warum kämpfst du? Ist es ein Kampf gegen dich oder gegen sie? Deine Hand ist ja schon ganz verkrampft. Man sieht die Adern. Und weißt du was das Unheimliche ist? Sie glänzen in der Farbe des Messers. Silbern liegen sie auf deinem Handrücken. Vielleicht schlägt die Klinge ja Wurzeln in dir? Wer führt hier wen? Du die Klinge oder die Klinge dich?

Irgendwann, ich weiß nicht, wie lange es gedauert hat, scheinst du nur noch zwei Millimeter von ihr entfernt zu sein. Das Messer zittert in deiner Hand und die silbernen Adern kriechen nun auch über deine feuchte Stirn. Atmest du noch? Dann stichst du zu. Es ist ein Moment perfekter Stille. Dann kriechen alle Adern von die über das Messer in sie hinein. Dabei knirscht es. Sie verschwinden für mich, aber ich bin sicher, du siehst sie noch.  Ein Ruck, ein großer Schnitt, und auf dem Tisch tut sich ein schwarzer Riss in der Wirklichkeit auf. Aus ihm quellen schwarze Raben, die zu knapp über dich hinwegfliegen, die Schnäbel voller Blut. Und der einzige Schrei, der zu hören ist, kommt aus deinem Mund. Aus deiner leicht geöffneten Hand rutscht langsam die silberne Klinge, verliert das Gleichgewicht und kippt wie in Zeitlupe über die Handkante, ehe es klirrend auf den weißen Fließen landet. Der Edelstein ist gesprungen. Blut sickert in dünnen Fäden aus seinen Rissen, jedoch die Klinge ist sauber. Keine Spur von Gewalt ist an ihr zu sehen, zu riechen, zu schmecken. Und der Spalt auf dem Tisch klafft immer weiter auf. Durch ihn hindurch sieht man ein Buch, das von Krähenfüßen beschrieben wurde. Die Tinte ist sogar nocht feucht, und fünf Federn liegen zwischen den Worten. Dann scheint die Luft aus dem Riss zu weichen. Zurück bleibt nur eine schlammige Pfütze auf dem Tisch, aus der die Federn tropfend ragen.

Bevor ich das Schlachthaus verlasse werfe ich noch einen Blick auf dich. As dem Knoten auf deinem Rücken wachsen gelbe Blumen, und ranken sich über deine Schultern nach vorn. Es mutet fast wie Flügel an. Ich aber brauche jetzt ein wenig Wald. So viele Fließen, das vertrage ich nicht. Auf den untersten Zweigen der Bäume werden Raben hocken. Mit blutigen Schnäbeln. Aber ich sehe gar nicht hin.

Konrad Schulze

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Es war sehr anstrengend. Wie eine Amphibie kriecht er aus dem Berg, zieht seinen Körper aus der ihn zurücksaugenden Erde und kratzt sich dabei noch einmal den ganzen Rücken auf. Sein Körper glänzt. Blutig, feucht von der Erde, soweit man dass im Dämmerlicht der ausklingenden Nacht feststellen kann, hat er keine Haut mehr. Auf seinem Weg durch den Berg muss er sie sich vom Körper geschabt haben. Auch seine Hände sind nur mehr unförmige Stümpfe. Als Schaufeln kaum noch zu gebrauchen, aber nun ist er ja draußen. Ein kleines Bündel, noch schmerzverkrümmt. Das ist verständlich. Ich frage mich sowieso, wie er die Kraft aufbrachte. Und den Willen, das zu ertragen, wovon nur noch seine fehlende Haut zeugt. Später können wir ihn ja fragen. Jetzt blicken seine glühend blauen Augen aus den tiefen Höhlen in seinem Kopf, und sie glänzen ähnlich wie der Rest seines Körpers, geschunden, obwohl sie nicht zerkratzt wirken. Man möchte hinrennen, ihm auf die Beine helfen oder ihn in den Arm nehmen. Jedoch. Undenkbar, welche Schmerzen eine Berührung jetzt bedeuten können. Für ihn. Vielleicht brennt schon mein Blick. Aber wegschauen kann ich nicht.

Doch er erhebt sich schon von selbst. Aus der kleinen glänzenden Kugel wächst er und das kühle Morgenlicht fließt dabei über seinen blutenden Körper, rinnt an ihm herab und ich weiß, dass es gut tut, dass es reinigt, dass es lindert. Man sieht es. Von den Füßen, aus der Erde durch die er sich vorher wühlen musste wächst langsam eine neue Haut, überzieht das rohe, glänzende Fleisch mit einem silbrigen Film. Wie eine Blume rankt sich die Haut an ihm empor, und das Licht glänzt ebenso auf der Haut wie auf dem Fleisch und den Knochen. Es erinnert an einen Märchenfilm, und fast sieht es wirklich so aus, als würde er schweben. Auch seine blutigen Schaufeln entkrampfen, entrollen und schlanke Finger wachsen aus ihnen hervor, silbern glänzend. Verwundert schaut er ihnen zu, erst die Innenseite der Hände, dann die Außenseite, und man kann neue Liebe in seinen Blick deuten. Als letztes wächst die Haut über seine Augen und das Glühen verschwindet. Sanft blicken sie in die Welt. Und mir wird schwindlig. Ich fühle mich leer, verbraucht, aber warum denn das plötzlich. Ich schwanke auf ihn zu. Genau als ich keine Kraft mehr habe zu gehen hebt er den Blick, und fängt meine Sturz auf, in seine Arme, die mich festhalten, obwohl ich ihn doch hätte fangen sollen.

Dann halte ich nichts mehr in den Armen. Meine Hände sind leer. Silbrig glänzen sie, und das kühle Morgenlicht tropft von ihnen zu Boden. Vorsichtig betaste ich mein Gesicht. Es ist ganz glatt, ganz kalt, aber es brennt nicht mehr. Langsam drehe ich mich um. Gerade noch sehe ich, wie der Spiegel auf der Erde aufsetzt, der die Landschaft zerteilt und aus der alten Hälfte eine zweite neue macht. Der Berg ist weg. Der Berg, der so anstrengend war, der andere tötete. Ich kann ihn nie wieder sehen. Dafür kann ich mir ins Gesicht schauen. Ich erkenne meine Augen. Der Rest glänzt silbern. Vorsichtig tauche ich die rechte Hand in den Spiegel. Das Bild verschwimmt. Fasert auseinander und verschwindet. Und ich könnte trotzig durch den Spiegel zurückgehen und stark und silbern auf den Berg steigen und meinen Sieg in die Welt schreien. Aber das brauche ich nicht mehr. Ich drehe mich um und gehe davon. Von meinen Füßen tropft kaltes Morgenlicht. Ein Vogel fliegt herbei und putzt sich in den Pfützen, eher er in den Morgen fliegt. Dann geht die Sonne auf.

Konrad Schulze

11.  Ich schalte das Licht aus, und um mich regnen Steine.

Konrad Schulze

Ich spaziere den Waldweg entlang, Um mich fallen die Gedanken. Lautlos schweben sie aus den Baumriesen herunter, nicht geradewegs, sondern hierhin und dahin, als würden sie tanzen. Ein Tanz des Sinkens. Der ganze Boden ist weich damit bedeckt. Eigentlich gibt es keinen Weg. Zwischen den riesigen Bäumen führen in alle Richtungen Wege, und der eigentliche ist unter Gedanken begraben, die weit über mir blühten, ehe sie schon halb kaputt an mir vorübersegelten. Also spazier ich ziellos unter den Gedankenträgern umher und bestaune ihre Stunden, die von dünnen Sonnenstrahlen durchbohrt werden, auf ihrem Weg zum endgültigen Verrotten. Manchmal packt es mich, und ich stecke meine Hände tief in das Laub, reiße es mitsamt der Erde hinauf und schleudere alles nach oben. Löchrige Reste und Gedankenstaub regnen um dann um mich, so schnell,  als hätte ich ihre Ruhe gestört. Bald erinnert nur ein mattes Glitzern in der Luft an die unfreiwillige Vermischung von Sterbenden und Toten. Andermal versuche ich die Stämme der Riesen zu umfassen, die zu den jungen Gedanken hinaufführen. Es gelingt mir bei keinem einzigen, und ihre Rinde ist so glatt, dass man sich darin spiegelt. Nur wenn man sie anhaucht kommt man darum herum zu entdecken, wie man sich gerade fühlt.

Konrad Schulze

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Auf dem Tisch stehen verschiedene Dinge. zurückgelassen und vielleicht vergessen. Auf jeden Fall unerwünscht. Zum einen ist da eine kristallene Schale. Sehr breit und flach ruht sie auf einem gedrehten Fuß, und sieht so fast aus wie der erblühte Elfenbeiturm. Nur oben auf liegt kein mondenes Mädchen, nein, ein kleiner See von Tränen hat sich dort gesammelt, und auf ihm treiben silberne Seerosenblätter, die manchmal blitzen, doch größtenteils matt und stumpf das salzige Wasser verdecken. An dessen Grund ruht das Gesicht eines jungen Mannes, wachsartig. Nicht mehr veränderbar, fotohaft, irgendwann wohl völlig aufgelöst vom Salz der Tränen.

Daneben eine vormals weiße Gipshand, die sich um etwas weiches, schwarzes schließt, dass zu leben scheint. Es sieht aus wie das Ei auf dem wandernden Berge, nur wird es von gierigen Fingern umkrallt, deren Nägel sich scharf an fünf Stellen ins rohe Fleisch bohren. Aus ihnen sickert langsam und stetig etwas schwarzes. Rinnt an dem eiförmigen Organ herunter, an der einst weißen Hand, in ein Tintenfass hinein, dass nie voll wird. Ein alter Mann taucht stetig seine Feder in das Fässlein und schreibt damit die Wände, den Tisch, sein Gesicht, ja die Seerosenblätter und mich voll. Dazwischen scheint ein goldener Hirsch zu grasen, unbeweglich. Aber er findet nichts auf dem Tisch, auf dem gläsernen Tiffany-Tisch, dessen Muster an Pfauenfedern erinnert. Manchmal habe ich Lust von all dem ein Foto zu machen, Fernando darunter zu schreiben und es als Kunst zu verkaufen. Und mich gegen einen Aufpreis dazu. Aber dann. Niemand würde einen passenden Rahmen finden, und jeder hat seinen eigenen Tisch, oft wohl reichhaltiger mit Pokalen geschmückt oder von mehr Tinte überzogen. Also setze ich mir die Brille ab. Auf dem Tisch liegend sieht sie sehr schmutzig aus, aber ich habe auch eine Ewigkeit nicht mehr an sie gedacht. Dazu stelle ich noch ein Glas frisch gepressten Orangensaft und Erwin. Ein viel zu großes Meerschwein, um die Ästhetik zu zerstören. Dann lege ich leise Klaviermusik auf, die über den Tisch sickert und alles zu einer zartbitteren Torte verbäckt, die vielleicht keine Kunst ist, die aber hervorragend schmeckt und gewollte Magenschmerzen verspricht. Wunderbar.

Konrad Schulze, Mai 2008

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