Bei Freunden


Es ist eine kleine Gewissheit. Sie setzt sich von oben auf mich, und es fühlt sich so an, als wäre es auf die Nase. Sie kam herabgeschwebt, schon oft, und verfehlte mich wohl. Vielleicht bewege ich mich zu schnell für sie. Aber jetzt, und wenn es auch nur für den Moment ist, da hat sie sich auf meine Nase gesetzt, so scheint es. Natürlich schmilzt sie dort, ihre perfekte Form kann nicht erhalten bleiben, so nah an mir. Ich bin zu warm. Ich schiele auf sie herab. Wie sie zusammenfällt und noch kleiner wird, wie sie flüssig wird, wabbert, und dann, langsam erst, meine Nase herunterläuft. Schon kann ich sie nicht sehen, nur spüren, wie sie langsam meine Haut entlangwandert, in Richtung Kinn. Einen Mund habe ich heute nicht, der sie verschlingen könnte. Keine Gier, kein Schlund, keine Wolfszähne. Es juckt, als die Gewissheit über die Stelle rinnt, wo mein Mund sonst sperrt. Die Zunge drängt sich von innen an den Tropfen, will ihn in den Rachen ziehen. Aber schon ist er vorbei, verwirrt sich im nicht geschnittetenen Bart und. Verschwindet, ehe sie vom Kinn weiter nach unten fallen kann. Sie hinterließ wohl ihre Spur, auf dem Weg über mein Gesicht, einen kleinen Graben, dessen Ränder golden schimmern. Es sieht aus, als hätte ich einen senkrechten Mund. Sehr hässlich. Aber ganz langsam bin ich geworden. Entspannt. Mit diesem senkrechten Mund, der sich nicht gierig öffnen kann, nach deinen Worten und Berührungen, und die er doch nur wild zerreißt und in Brocken herunterschlingt, anstatt sie in ein weißes Tuch zu hüllen und darauf zu schlafen. Der neue Mund gemahnt zur Ruhe. Und die wilde Zunge wird sich schon noch beruhigen, die so in ihrer Höhle herumtanzt, als wäre sie früher freier gewesen.

Wenn ich jetzt singe, dann ist es eher wie Läuten von Glocken. Klar und frei lösen sich die Töne von den senkrechten Lippen, die vibrieren und bringen die Luft zum Klingen. Golden auch. Und so perlt es aus mir heraus, viel Gewissheit, zu viel vielleicht, aber es fühlt sich so gut an. Und die Töne fliegen wie Seifenblasen von mir weg, setzen sich in die Landschaft, die aufgerissen wie mein leerer Bauch von gestern halb zerstört vor uns liegt. Und, wo sie auftreffen, da platzen sie leise, und ihre Tropfen setzen sich wie Flocken auf die zerflederten Teile. Rinnen an ihnen herab und wo sie rinnen öffnen sich senkrechte Münder und Spalten, aus denen es ebenfalls quillt. Kühl und sanft füllt sich so das ganze Bild, als wäre es in einem Aquarium, füllt sich bis zum Rand, und muss eigentlich überlaufen vor Gewissheit und zerschellen. Aber. Mit einem leisen Plopp verschwindet das Klingen, hallt aus, und mein Bauch ist wieder geschlossen. Nicht vernäht. Keine hässliche Narbe. Mein Bauch, wie er früher war, und wenn ich ihn berühre spüre ich die silberen Kugeln darin, wie sie sich drehen und sacht aneinanderstoßen und es genießen. Und ich genieße es auch. Ein intakter Bauch. Ich blicke nicht zurück in das Tal. Meine Füße lösen sich vom Boden und wie ein Tuch finde ich meinen Weg durch den Wind dahin zurück, wo ich einst herkam. Vor allzukurzer Zeit. Hinter mir schließt das Land seine Wunden von selbst, die ich ihm schlug. Das war schon immer so, und ist auch eine Gewissheit, die sich schon vor langer Zeit auf mich gesetzt hat. Dann beißt der Winter zart in meine Wange und bestreicht die Haare mir Reif.

Konrad Schulze

Und heute stehe ich noch einmal am Rand des Tals. Selbst weiß geworden, wieder. Die losen Haaren wehen im Wind wie Spinnenweben und kleben an meinem trockenen Mund, der rissig weiß in mein Gesicht gegraben ist, wo ich sonst lächle. Heute nicht. Heute öffne ich meinen Mantel, meinen Bauch, reiße ihn weit auf und lasse alles was ich darin festhielt in das Tal strömen. Eine kalte Flut aus weißen Flocken, Eis, silbern ist es auch. Alles strömt und wirbelt und reißt, und senkt sich wie eine riesige Pranke in das Tal hinein um alles unter sich zu begraben. Es ist ein Schrei, ein weiß wirbelnder, der seine kleinen Teile in Flocken von sich stößt und alles mit einer Schicht zudeckt, die das weiße Entsetzen genannt werden kann. Dabei ist es totenstill. Keine Erinnerungen graben sich aus der harten Erde um in ihre zerissenen Kleidung ein falsches Bild von der Vergangenheit zu beschwören. Verrottend. Nein. Es ist friedlich. Nur ich stehe am Rande des Tals, und lasse etwas in das Tal strömen, das aus mir kommt, weil in mir zu wenig Platz ist es zu halten.

Von oben schneit es auch, silbrig glitzernde Tränen, die sich auf meine weißen Augebrauen setzen und sacht vom nächsten Windhauch wieder hinweggetragen werden. Es gibt keine Alptraumvögel mehr, die den Rand des Tales bewachen, damit sich keine Warmen hierher verirren. Es gibt keine grazilen Wesen mehr im Tal, die sich ihre Welt schön singen und dabei nicht altern. Es gibt keine kleinen Jungen mehr, die halb erfroren am Rande des Tals gefunden werden, um das Singen zu erlernen. Nur noch der Schnee, der wirbelnd weiß das Vergessen mit dem Entsetzen vertauscht, und dabei ist es doch ganz still. Selbst der Wind hat seine Stimme abgegeben, nicht aber seine Kraft, die aus mir herausträgt, was keinen Platz mehr hat. Meine Hand, zum Wolf gekrümmt, streckt sich nach dem Tal aus, und der weißen Masse, die es verdecken wird. Ein ganzes Tal habe ich schon gefüllt, und der Winter in mir scheint immernoch hungrig. Rissig weint es aus meinen Augen, trocken, kalt, weiß, und mischt sich auf den Lippen mit dem Salz von der mühsamen Wanderung. Die Haut unter den Augen ist hellrot, der einzige Farbton im gesamten Bild, und schreiend grell übertönt er das wirbelnde Wüten im Tal. In meinem Bauch. Auf den gefrorenen Wimpern balanciert ein Wort, mit dem ich mich ausdrücken möchte. Doch da reißt es mir der Wind fort, von den weit aufgerissenen Augen, die in die Unform starren, die entsetzlich wütet. Still.

Und dann, als es mir genug Zerstörung wurde, da bin ich fortgegangen. In einen Vogel habe ich mich verwandelt, einen weißen, zerzaust und halb gerupft, die Federn am Kopf wie zum Kampf aufgerichtet, und der Wind hat mich getragen, wohin, das weiß ich nicht mehr. Ganz leer, die Brust frei von diesem Sturm, der eisig den gesamtem Platz beanspruchte, der in mir war. Ganz leer, das wäre etwas, das wünsche ich mir. Leer, um zu empfangen. Es presst sich aber mein Leben und Wollen aus mir, etwas, das ich nicht will. Und dabei entleerte ich mich doch am Talesrand, und schnitt einen Riss dahin, wo ich sonst lächle. Das Warten, das habe ich immernoch nicht gelernt. Bis ich ganz hohl und trocken beim nächsten Schritt zerspringen muss. Es drängte zu lange in mir. Ich wusste nicht, wohin. Und der aufgerissene leergestürmte Bauch ist kein schöner Anblick.

Ich sollte mich zunähen. Mich füllen mit silbernen Kugeln und darauf warten, dass ein Hirsch das Gras beiseitereißt, dass sich über mir zu einem filzigen Hut verwoben hat. Ein wenig gebende Weiblichkeit in mich lassen, um zu wachsen und zu geben, ein Mutterleib. Aber ich bin das Vatermesser, das sich selbst schnitt, weil es nichts mit seinen Gefühlen anzufangen wusste. Und so stecke ich wieder am Rande des Tals, Klinge in das Eis gerammt, und niemand kann sie lockern. Und die Welt löst sich um mich auf, bis sie nur noch aus mir besteht. Zu viel Vatermesser, wo ein wenig Mutterleib doch so von Nöten wäre. Hilflos mit sich selbst.

Konrad Schulze

…Ich kenne dich schon lange.

Ich weiß. Du bist in einem weißen Raum zu Welt gekommen. Es war nicht dein erste Tag, und die Erinnerungen begleiten dich immernoch. Wenn du die Augen öffnest, scheinen sie daraus hervor und sind flüchtig auf den weißen Wänden zu beobachten. Aber du öffnest die Augen lieber nicht. Das Weiß blendet sicher. Und dir wird schwindelig, weil der Raum keine Ecken und Kanten erkennen lässt. Es ging mir genauso. So muss sich Unendlichkeit anfühlen.

In der Hand hältst du ein Herz. Nein. Eine Spindel ist es und das Blut kommt aus deinem Finger. Hast du dich absichtlich gestochen? Wolltest du das Zuviel aus dir herauslassen? Oder wolltest du sehen ob du noch da bist, im Weiß? Mit dem Fingernagel trennst du den ersten Faden aus der Spindel und ziehst ihn quer durch das Zimmer. Er spannt sich, wie von einem roten Stift gezeichnet, mitten durch den Raum. Noch einen und noch einen ziehst von dem Herz, bis nur noch das Stück Holz übrig bleibt, auf dass es gewickelt war. Jetzt ist da ein Netz aus roten Fäden, durch den ganzen Raum gespannt, und du hockst darin wie eine blinde Spinne. Dabei bist du doch der, der gefangen ist! Wenn du jetzt noch anfängst, Fäden aus dir selbst zu ziehen, dann kommst du nie wieder frei! Die weiße Unendlichkeit wartet auf dich! Aber du hängst, ganz in weiß, im roten Netz. Du könntest an den Saiten zupfen. Gläserne Töne, die so blass an die Wände stoßen, wie deine Erinnerungen….

Konrad Schulze

Ich hatte einen Traum. Es ist schon lange her, dass ich träumte, seit ich bei ihnen bin. Besser: hier träumt man nicht. Sie träumen am Tag, mit offenen Augen, und erschaffen sich so ihre Welt. Unsere schöne Welt. Nachts erholen wir uns von dem Traum. Unser Schlaf ist tief und dunkel, ein Abgrund, aus dem wie küher Atem Lebenswille und Kreativität steigt, die während des Tages schöngefroren wird, und so das Tal prägt. Lange schon stand ich nicht mehr hier oben, bei dem Loch, wo ich die Heckenrose herausgerissen hatte, das immeroch unschön klafft. Aber: lange schon habe ich nicht mehr geträumt.

Ich stehe also wieder über dem Tal an der Bank. Teils mit Angst, dass alles umsonst gelebt war, dass ich mich umsonst habe einfrieren lassen, von ihrem Gesang, der nun unserer ist. Teils mit Angst, dass dieser Traum der letzte sein könnte, der in mir nur versteckt geruht hatte, eine letzte Insel Mensch in dem Meer aus kalter Schönheit und Ruhe, dass wellenlos über mich gewachsen ist. Angst - wie lange ist es her. Einst trieb mich die Angst hier her. Genau zu der Bank über dem Tal. Angst vor mir selbst, vor Tränen, vor einem warmen Mund, der die kühle Haut im Nacken wärmt, vor einer Hand, die in meiner einschläft.

Genau das träumte ich. Ich träumte Herzschlag. Der davonflog, mit Flügeln aus denen goldenes Licht blitzte; der unter meine Haut kroch und dort silberne Kugeln sähte, um mich fliegen zu lehren. Jetzt sitzt der Traum auf meiner Hand. Ein kleiner, weißer Vogel mit tintenschwarzen Augen, der seine jungen Federn gegen den kalten Wind stellt, und ruckhaft hin und her schaut. Zum einen ins Tal, zum anderen dahin, wo ich einst hergekommen war. Ängstlich schaue ich zu. Ich weiß, er muss sich entscheiden. Jetzt wo er draußen ist, wo ich ihn nicht mehr schützen kann, jetzt muss er fliegen lernen. Ins Tal hinein und als wunderschöner Vogel sterben, für immer als Erinnerung am Himmel, eine Erinnerung, die uns lächeln macht, obwohl wir nichts bei ihr empfinden. Oder aus dem Tal heraus, angegriffen von all den anderen Träumen, die schon weit älter und von vielen Kämpfen hässlich geworden genau an der Grenze warten. Ewig leiden, dieses Bild formen sie, wenn sie kurz auffliegen, um sich neu zu sortieren.

Niemand kann ihm helfen. Ich hatte mich entschieden, für die Kälte, wollte eine schöne Erinnerung bleiben, aber ich bin zu lange hier, um noch sagen zu können, ob es richtig war. Und alle anderen sind älter.

Da stürzt ein hübscher Junge zwischen den dunklen Träumen hervor und mir direkt vor die Füße. Die Träume schimpfen und schreien. Ich weiß, dass sie sich auf ihn stürzen würden, wäre ich nicht hier. Nicht weil ich so mächtig wäre. Kalt und abweisend strahlt jeder von hier Winder ab, so eisig, dass wir in Ruhe gelassen werden. Der Junge erinnert mich an mich. Blass aber rosig für uns, ein Wintermensch da drüben, mit dunklen Träumen und Angst im Herzen, hier aber voll Sommer und Leben. Relativ. Er riecht nach Mensch. Er riecht nach SICH. Nach Identität. Traurig schaue ich zum See, worin ich meine versenkte, um endlich kalt zu werden.

Mein kleiner Traum sitzt auf meiner Schulter und pickt mich zart in den Hals. Ich habe verstanden. Vorsichtig öffne ich dem schlafenden Jungen das Hemd. Seine nackte Brust hebt und senkt sich ruhig, schläft er doch zum ersten Mal in dem schwarzen Abgrund, der mich verführte. Schnell hüpft mein weißer Vogel von meiner Schulter, landet im Sturzflug auf der Brust des Knaben, Kopf zuerst, und bohrt sich mitten ins Herz. Es bleibt keine Narbe. Nur ein kleiner Tropfen Blut hängt an meiner Fingerspitze, und obwohl ich das Verlangen habe, es abzulecken, zeichne ich lieber einen roten Kreis genau dahin, wo der Vogel verschwunden ist. Nun ist nichts mehr zu tun. Ich schließe das Hemd, decke behutsam meinen Mantel über den schlafenden Jungen und beobachte sein Leben, wie es gegen die Kälte ankämpft, und wie es immer so knapp zu gewinnen scheint, dass der Kampf doch nie aufhört. Vorsichtig löse ich das rot-weiß karrierte Tuch von seinem Hals, durch den noch gut sichtbar das rote Blut pumpt, und knüpfe es mir selbst um. Dann wende ich mich ab. Es tut mir leid. Für all die Mühe und die Geduld, die ich jetzt mit einer Bewegung vom Tisch kehre, und die auf dem kalten Boden in tausend Splitter zerspringen, nie wieder rekonstruierbar. Ich weiß auch, dass es endgülitg ist. Einmal aufgetaut, verdirbt die Seele, verkrüppelt noch mehr, als sie es eh schon ist, sollte ich nocheinmal versuchen zurückzukehren. Aber darin besteht keine Gefahr. Entschlossen trete ich über die Grenze, das Tal hinter mir. Würde ich zurückschauen, es wäre schon verschwunden, mitsamt dem Jungen, dessen Tuch versucht meinen Hals aufzutauen. Noch fällt mich kein dunkler Vogel an. Noch zerfällt alles zu Schneestaub, dem ich zu nahe komme, aber die Wärme wird ihren Weg finden, durch meinen Schild. Und mit ihr werden die Schmerzen kommen. Aber dann, wenn sie vorbei sind, falls sie vorüber gehen, werde ich mich wieder riechen.

Konrad Schulze

picture: with permission of http://ambiguous_smile.deviantart.com

Angekommen.

Verwunderlich, in wie vielen Farben und Eis sich Hass äußert. Doch nun, nach einer Ewigkeit bei ihnen, ist kein Hass mehr übrig. Nicht auf SIE. Nicht auf MICH. Nicht auf das Leben, das vor ihnen war.

Ich bemerkte es nicht, so fasziniert war ich, vorerst. Das Samenkorn neben der Bank über dem Tal, es keimte. Jeden Tag war ich oben, nachschauen, es befühlen, es mit meinen Hass füttern, der in bunten Farben aus meinen Händen floss und von der kleinen Pflanze aufgesogen wurde wie Wasser. Und daran tat sie sich gütlich, wuchs, eine farbenprächtige Heckenrose wurde aus ihr, schillernd und kräftig. Sie überstrahlte das ganze Tal, das kühle, weiße Tal, strahlte aggressiv und schrill von oben auf alle hinab.

SIE bemerkten es. Welch Genugtuung, endlich schienen sie MICH zu bemerken, zu sehen, zu berühren. Oh, wie gut es tat. Sie berührten mich nicht mehr wie einen Gast, sondern, fast wunderte es mich, wie eines ihrer Werke aus Eis. Erst nur zaghaft,doch je farbloser ich wurde, desto öfter, und desto unbefangener. Ja. Dies fiel mir erst viel später auf, als es mich nicht mehr stören konnte. Ich verlor an Farbe. Alles strömte aus mir heraus, der Hass spülte die Farbe aus mir, bis es keine Farbe mehr zu spülen gab, und keinen Hass mehr, der spülen konnte. Zu dem Zeitpunkt prangt die Heckenrose, meine Rose, mein Kind, mein erstes Werk wie ein großes, böses Auge über dem Tal, tauchte alles in rotes Licht, egal ob Tag oder Nacht. Mich selbst, langsam, bedacht und bläulich-weiß geworden, störte es fast. Niemand sagte etwas. Aber, nun fast einer der IHREN, konnte ich es spüren. Sie mieden das Licht der Rose, die wie eine Sonne auf sie herabstrahlte, die jeden Moment zu heiß werden und das ganze Tal in einen reißenden Strom aus Vergangenheit verwandeln könnte.

Soliloquio de 7Und da war sie, die letzte Wegkreuzung, die eigentliche, hinter der zwei Tore den Rückweg verwehren würden. Eines aus Eis und Gleichmut, eines aus Tränen und Fleisch

Und dann: Die Kreuzung war schon immer da. In mir und an mir, schon bei den Menschen, nur konnte ich sie nicht sehen, oder wollte es nicht. Und jetzt, wo ich sie sah, erklärte sich alles. Nie war es das Unverständnis anderer, das mich flüchten lies, es war meine Verweigerung die Kreuzung zu betreten. Die Weggabelung natürlich an meinem Rücken festgenäht, unausweichlich wieder da, sobald ich langsamer wurde. Aber nun, mit all der Erkenntnis, all der verdammten Erkenntnis, die so lang auf sich warten lies, die so viel Hass forderte, ist alles offensichtlich.

Entschlossen nehme ich die Schaufel, steige zum Talrand hinauf, zur Bank und zu MEINER Rose. Genau das ist das Problem. Es ist meine Rose, und nicht unsere. Sie gehört hier nicht her, ist sie doch alles, was in mir sterben sollte. Langsam und zärtlich grabe ich sie aus. Es ist, als würde ich mein Kind entwurzeln, aber dessen sollte ich mir nicht zu sicher sein. Vielleicht bin ich auch ihr Kind, und dies wird meine letzte Rebellion, in der ich mich endlich von allem lossage, oder zu allem Ja sage, oder alles hinter mir lasse, oder alles integriere, oder all das zusammen. Ihre Wurzeln gehen tief, aber geduldig und ruhig steche ich immer wieder in das Eis, dem sie entspringt, und siege letztendlich. Zusammen mit der Rose, sie zärtlich im Arm haltdend, durchschreite ich das Eistor, höre, wie es sich hinter mir mit Endgültigkeit schließt, und werfe sie in den See, aus dem der Schmetterling stieg, der auch mich zu einem König krönte. Vor einer Ewigkeit. Die Rose versinkt in der eisglatten Oberfläche, ohne Wellen, ohne Risse, ohne Geräusche.

Und endlich kann ich singen, mit stummer, glockenkalter Stimme, ganz ruhig, und lauschen, wie das Lied zwischen den kalten Eiswänden des Tals hin und her springt und es mit geräuschlosem Klirren erfüllt. Aus meinen Händen fließt durchsichtig das Lied, ich, sie, WIR.

The End.

Konrad Schulze

picture: http://loganart.deviantart.com

Manchmal träume ich IHR Verderben. So wie ich das Verderben meiner Mitmenschen erträumte und ersehnte, so träume ich nun IHRES. Dann träume ich, wie kann es ander sein, von Feuer. Hitze. Asche. Ich sehe IHR ewiges Eis zerspringen wie Glas, die Scherben winden sich, biegen sich, sie schwitzen und verschwitzen, verschwinden in heißen Dampf, der nur böse Zischen kann, obwohl man Schreie erwartet. Alles wird wahnsinnig schnell gehen, niemandem wünschte ich je einen langsamen Tod. Aus ihrem See, dem kalten Uterus IHRER Schönheit wird es emporschießen, das rote Flammenschwert, ihre Hütten, ihre Gesichter, das ganze Tal wird glänzen, einen kurzen Augenblick lang, wie frisch lasiert, dann wird alles in sich zusammensinken, anmutig zwar, doch traurig. Nichts wird übrig bleiben, außer verbrannte Erde und Asche. Obwohl Eis keine Asche hinterlässt, träume ich von Asche, die der Wind durch ihr Tal treibt, wie vorher den Schnee. Aber dann: SIE sind ewig.

Ich stehe über dem Tal, nach meinem Traum, mir ist noch ganz heiß, und schaue herunter. Es ist alles wieLacrima immer, SIE wachsen, SIE formen, zu langsam für mich, als dass ich es bemerkte. Ich bin ihnen anscheinend zu schnell, denn auch SIE bemerken mein kurzes Aufflammen nicht, dass mir erlaubt, barfuß über ihren Boden zu laufen, an dem ich sonst kleben bliebe. SIE bemerken es einfach nicht, oder sie wollen es nicht bermerken, oder, was das schlimmste wäre, SIE wissen darum, und es stört SIE nicht. Je länger ich bei IHNEN bin, desto warscheinlicher wird mir letzteres. Und je warscheinlicher es mir wird, desto öfter träume ich ihnen ein Feuer in den See. Vielleicht ist das der Moment, in dem ich sie verlassen sollte.

Aber dann: IHRE Gastfreundschaft, IHR Unterschlupf, IHR Vertrauen (wenn es denn Vertrauen ist, dass ich so viel von ihnen lernen durfte), das alles kann ich doch nicht einfach mit Undank aufwerten und SIE just in dem Moment verlassen, in dem SIE mir unerträglich werden. Wieder kommt es mir vor, als hätte ich nie versucht, SIE zu verstehen, nicht eines ihrerer Worte, sondern hätte nur IHRE Fremdheit bestaunt, ja gesucht, nur IHR Anderssein betont, nach Abgrenzung geforscht, obwohl dies das Offensichtlichste war. Wie viel schwerer wären Gemeinsamkeiten zu finden gewesen. Nun ist es leider unmöglich, jetzt, mit all dem Feuer in mir.

Und dann wieder das Gefühl, ihre Augen wären trauriger geworden. Wie gesagt, eigentlich denke ich, haben SIE nichts bemerkt von meiner Veränderung, und dass fände ich schlimm, doch darunter liegt das Gefühl, SIE enttäuscht zu haben, als würden sie sich traurig von mir abwenden, mich weiter dulden, behalten wie einen alten Hund, in ihrem Reich aus kalten Schönheit, aber nun sinnlos. Ich habe das Ziel verfehlt, IHRE Hoffnungen enttäuscht. Das ist eben noch schlimmer. Aber welches Ziel denn. Hatte mein Aufenthalt bei IHNEN, den ich als Gastfreundschaft auffasste, denn ein Ziel? Kann ich es mir überhaupt anmaßen, mich als Teil IHRER Ziele zu sehen, oder ist es nur ein weiterer Versuch, ihrer pausenlosen Gleichgültigkeit zu entkommen, in die SIE einen kopfüber tauchen, bis man sich selbst wie einer von ihnen fühlt, kalt, gleichmütig, nur noch nicht so schön? Wäre dass nicht die pure Selbstüberschätzung? Genauso wie damals, als ich dachte, SIE wollten etwas über uns Menschen erfahren, und feststellen musste, dass SIE jedes meiner Worte schon zu kennen schienen. Ja, mir war gerade so, als warteten sie auf das nächste Wort, um zu sehen, ob SIE Recht behielten. Und ich tat ihnen den Gefallen, je schonungsloser ich die Wahrheit darstellte, die ich empfunden hatte, bevor ich die Menschen verließ, umso mehr schien ich SIE zu bestätigen und um so freundlicher wurde ich aufgenommen. Doch schon bald entpuppte sich der Balsam, in den ich mich geflüchtet hatte, ihre Anteilnahmslosigkeit und einseitige Fixierung auf IHRE Schönheit, als brennender und schmerzhafter als alles, was ich zu Hause erlebt hatte. Was ich nicht alles versuchte. Jedes Gespräch, dass ich in diese Richtung führte, stieß mich tiefer in ihre Gleichgültigkeit. Ich sprach von Liebe und Wärme, von Gegenseitigkeit und Halt, von Seelen und all diesem Humbug, der mir die Menschen so verlitt, die dies nicht zu nutzen wussten. Ja meine Verzweiflung setzt meine Worte in Brand, die nur so aus meinem Mund flogen, sprudelten, die wunderlichsten Formen annahmen, sich um SIE herumwanden und versuchten sie einzufangen, wie in einem farbigen Spinnennetz. Nachsichtig zerteilten sie mit sanften Gesten mein Feuerwerk, das daraufhin zu Boden sank und dort festfror, bunt aber kaputt, und verabreichten mir ihre Ruhe und Überlegtheit, ihre ewige Zeit, wie eine Medizin, die das bunter Feuer in mir verlöschen lassen könnte. Und wahrlich, sie versiegelten mir den Mund, so dass es nun in mir gefangen ist, und nur in Träumen explodiert.

Viel zu lang stehen ich nun schon barfuß auf dem kalten Eis, ohne den Schmerz zu bemerken, und in meinen Händen tanzte immernoch das bunte Feuer, zuckt an den Fingernägeln und sucht einen Weg ins Freie.

Dies ist das mindeste, was ich tun kann, bevor ich auch ihnen den Rücken kehre. Ich kann ihnen davon erzählen, etwas, dass ich bei den Menschen versäumt habe. Manchmal frage ich mich, ob ich überhaupt hier wäre, wenn ich mich hätte mitteilen können. Ohnmächtig balle ich die Faust. Als ich sie wieder öffne, ist das Feuer verschwunden. Dafür liegt ein Eiskorn in meiner Hand, bunt in der Sonne schillernd. Fassungslos schaue ich es an, es blitzt zurück. Etwas schießt durch mich hindurch, von unten nach oben, wie Liebe, etwas, völlig diesem Eiskorn zugewendet. Ein Eiskorn, von mir in die Welt gebracht? Vorsichtig trage ich es bis neben die Bank und setze es auf dem Eisboden ab. Es versinkt darin, nicht, ohne mir noch einmal zuzublitzen. Noch lange stehe ich vor der Bank und schaue auf die Stelle, an der das Korn versunken ist. Etwas von mir fließt ununterbrochen in Richtung des Korns. Und wenn es keine Einblidung ist, so antwortet es sogar, aber dessen bin ich mir lieber nicht zu sicher. Ich werde wohl auf jeden Fall noch etwas bei ihnen blieben, um zu sehen, was aus diesem, MEINEM Eiskorn wird. Auf diesen Entschluss hin wende ich mich ab und sehe noch einmal in ihr Tal hinab, dass so voller Schönheit ist, dass es einen kalt lässt. Etwas in mir fließt immernoch in Richtung des Eiskorns. Langsam gehe ich zurück in mein Zimmer, barfuß, noch immer, ohne es recht zu bemerken, und ohne, dass es mir kalt wäre. Barfuß, wie sie.

Konrad Schulze

picture: http://deviantart.com/complejo

….

Von der Bank hat man einen guten Blick über das Tal. Deswegen komme ich oft hier her. Um zu schauen. Um die kühle Schönheit in mich hineinsinken zu lassen, und dort zu bewahren. Denn ewig werde ich hier nicht bleiben wollen. Wird man mich hier nicht haben wollen. Bald schon wird der Tag kommen, an dem ich mich nach einer warmen Berührung sehne. Noch ist dem nicht so. Vielmehr bin ich hier her geflüchtet, vor den Berührungen und dem Kontakt. Sprechen wir nicht davon.

Auch wenn ich oft hier herkomme, heute ist ein besonderer Tag. Heute bin ich hier, weil der König gekrönt wird. IHR König. Das geschieht so selten, sagen SIE. Und ich bin der erste Fremde, der es mit ansehen darf. Eigentlich wird kein König gekrönt, habe sie mir erklärt. Es gibt schon lange keine Krone mehr. Ein König ohne Krone. Und ohne Untertanen, denn SIE brauchen schon lange keinen König mehr. Bei IHNEN funktioniert alles von allein. Jeder weiß seinen Platz, seine Aufgabe. Aber SIE hatten ja auch Zeit. Alle Zeit der Welt hatten sie. Sich zu kennen und zu ordnen. Früher war es die kalte, blaue Hand des Königs, der ihre jungen Temperamente kühlte. Jetzt, ohne König, ordnet SIE nur “die Hand”. So sagen sie. Kalt immernoch und durchsichtig, unsichtbar, muss kein Gemüt mehr gekühlt werden, haben SIE doch den Frieden gefunden da oben, tief im Eis.

Die Krönungsfeier soll ganz außergewöhnlich werden, und ich glaube ihnen. Schon seit ein paar Tagen spüre ich es im ganzen Tal. Es ist eine Art Unruhe. Oh, glaubt mir, wenn ich nicht schon so lange bei IHNEN gewesen wäre, ich hätte nichts bemerkt. Aber nun, wo ich sie beginne zu kennen, nun ist es offensichtlich. Als würde man der Frau im Zug gegenüber ansehen, dass es sie unter ihrem Wintermantel juckt, obwohl sie sich keinen Millimeter bewegt.

Ich stehe neben der Bank und schau an den heckenrosenüberwucherten Säulen vorbei ins Tal. Ich warte. Das ist, was ich hier gelernt habe. Warten. Schönheit braucht Zeit, sagen SIE. Auf Schönheit warten. Wie absonderlich, wartet man in meiner Heimat doch immer heimlich auf ihr dahinschmelzen. Welken, meine ich. Aber sie haben Recht. Schönheit braucht so lang, bis sie reif ist. Doch hier vergeht nichts, dass SIE nicht vergehen sehen wollen. Was für eine Macht. Und doch bewege ich mich mitten unter IHNEN. Eine Insel der Vergänglichkeit, IHREM Einfluss entzogen, da zu warm. Vielleicht behalten sie mich deswegen so lange hier.

SIE stehen unten um den See herum. Ich kann nicht sehen, was sie machen. Ich darf es auch nicht. Und vielleicht will ich es gar nicht. Aber ich kann sehen, was ihr Tun bewirkt. Langsam, so langsam, dass Stunden vergehen. hebt sich etwas aus der eisigen Oberfläche des Sees empor. Irgendwann kann ich auch erkennen, was es ist. ES ist fast enttäuschend, anfangs. Aber da bin ich wohl doch zu sehr Mensch. Der Körper wartet zwar, aber das Urteil nicht. Aus dem See wächst, langsam, ein Schmetterling. Ein Schmetterling aus hauchdünnem Eis. Anfänglich noch bläuchlich-weiß, so fängt sich bald das Sonnenlicht zwischen den gläsern wirkenden Flügeln und webt ein Netz aus Farben zwischen ihnen, an dessen schillernden Fäden die Blicke kleben bleiben. Schon quillt das Farbgespinnst zwischen den Flügeln hervor und umfängt SIE, verschluckt SIE, wie eine wunderschöne, gierige Spinne. Und dann passiert, was SIE endgültig und immer von mir, von uns, trennt. Sicher, sie waren es schon immer, doch so recht klar geworden ist es mir erst in diesem Moment. Zart beginnt der Schmetterling mit den Flügeln zu schlagen. Er bewegt sich. Nun fliegt er los, gleitet durch das Tal und verteilt buntes Licht über ihren Häusern, ihrem Wald, ihren Köpfen. SIE haben Leben geschaffen. Fassungslos schaue ich IHM zu. IHREM Werk. Es ist die Krönung. Nicht nur des Königs, auch die Krönung meines Aufenthaltes hier. SIE haben… kurz kann ich keine klaren Gedanken mehr fassen. Höher und höher steigt er auf, das ganze Tal flimmert schon, da höre ich ein leises Klirren. Wie Gläser, die zu eng aneinander in einem Schrank stehen. Vor meinen Augen platzt der Schmetterling, zerstäubt in Milliarden von Eiskristallen. Das Farbspiel wird unerträglich und doch hypnotisierend. Langsam senkt sich der schillernde Staub und verlischt dabei, senkt sich über das Tal und bedeckt alles mit einer dünnen Schicht bläulich-weißer Asche. Auch auf mich rieselt es. Später erfahre ich, dass dieser Staub “die Krone” genannt wird. SIE haben sich all krönen lassen. SIE sind alle Könige. Das ganze Tal ist König. Und… und ich bin König. Da muss ich weinen. Lautlos rinnen mir die Tränen vom Gesicht, schon gefroren, ehe sie auf mir oder auf dem harten Eisboden landen. Die kleinen Kugeln liegen da wie Müll, auf der sonst so glatten Fläche. Schnell sammle ich sie auf, bevor einer von IHNEN sie bemerkt, SIE würden es nicht verstehen…

to be continued

Konrad Schulze

(Wovvl gewidmet, der in ein verstecktes Dorf in der Arktis möchte)

Von der Bank hat man einen guten Blick über das Tal. Ich komme gern hier her. Da ich hier nur Gast bin, habe ich nie gewagt, mich darauf zu setzen. Nicht, weil SIE das nicht geduldet hätten. Nein, vielmehr zu meinem eigenen Schutz. Alles, was hier nicht ausdrücklich für Gäste ausgewiesen ist, sollte man nicht einmal berühren. So wunderschön es auch aussieht. Filigran, halb durchsichtig, halb bläulich-weiß. Die Bank ebenso. Zerbrechlich wirkt sie. Fast wie gewachsen sieht sie aus, wie aus dem Boden gewachsen, so lebendig. Doch sie ist kalt. Alles ist kalt hier, selbst die Luft schneidet in meine Lungen, wenn ich zu unvorsichtig atme. Hier wächst nichts! Alles muss geschaffen werden, unter IHREN kalten Händen formt sich das Tal, formt sich die Schönheit dieses Ortes. IHRE Haut selbst ist so kalt und blass, dass ich mich frage, ob SIE sogar sich selbst aus dem Eis erschaffen, gegenseitig. Auch IHR Wesen. So kühl. Freundlich, da kann man sich nicht beklagen. Aber an IHREN Blicken schneidet man sich die Zuversicht auf, begenet man ihnen unvorbereitet. Und wenn SIE ganz ruhig dastehen, wenn SIE der Stille hinterherlauschen, wie sie zwischen den Eiswänden hin und herspringt und dabei kaum hörbar singt. Stundenlang stehen SIE so, bewegungslos. Dann übersieht sie das ungeübte Auge sogar, denn die Farbe ihrer Haut ist blau wie das Eis und ihre Haare sind dem Schnee gleich, der auf den Bergen darauf wartet, endlich zu Eis zerpresst zu werden.

Von der Bank aus hat man einen wunderschönen Blick über das Tal. Halb von den Heckenrosen verdeckt, die über das Vordach herunterhängen, sieht man über die Wiese zu dem nahen Wald, in dem der Bach verschwindet. Anfangs glaubte ich ihm noch dahinzufließen. Selbst als ich schon mehrmals auf ihm gegangen war, glaubte ich ihm von Ferne noch. So echt wirkte er. So echt wirkt alles. Der Wald. Die Heckenrosen. Ich hätte gern einmal eine ihrer Blüten gebrochen, aber, wie gesagt, ich bin nur Gast.

Environment: ICE SPACE

Daheim bin ich ein blasser Typ. Fast weiße Haut, schwarze Haare, schlank. Ein Wintermensch werd ich gerufen. Macht über Schnee und Kälte wird meinen grünen Augen zugesprochen. Hier bin ich ein rosiger Fleischberg, ein Farbklecks, egal wie bläulich-weiß ich mich kleide. Und meine Macht über das Eis beschränkt sich auf bescheidenen Bitten, die ich an SIE richten kann. Seit ich hier bin habe ich mich verändert. Ich habe meinen Geruch verloren. SIE riechen nach nichts. Nach Eis und Wind riechen sie, zu fein für meine Nase. Aber auch mein Geruch ging verloren. Wenn ich mir abends die Kleider über den Kopf ziehe, so riechen sie nach Schnee und Kälte. Nicht nach mir. Manchmal frage ich mich dann, ob ich wirklich noch existiere, oder ob ich in einem kalten Traum gefangen bin wie in einer gläsernen Schatulle, und ich kann mich nur noch betrachten, nicht berühren. Aber dann. Der Geruch ist doch nicht das, was ich bin. Außerdem sagten SIE mir, man merke noch 2 Tage nachdem ich ein Zimmer verlassen habe meine Anwesendheit. Die Wärme, das Leben, der Sommer würden nur langsam sterben, sagen sie. Das macht mir Angst. Wenn der Sommer, den ich mitbringe, stirbt, dann stirbt er wohl auch irgendwann in mir. Früher habe ich das nie glauben können. Sommer in mir. Nannte man mich doch den Wintermenschen. Doch jetzt, hier, untern IHNEN, die doch so klirrend freundlich sind, da fühle ich mich wie eine Frühlingswiese.

Aus mir heraus drängt es, in alle Richtungen, in IHRE Häuser und Zimmer, in SIE drängt es mich, SIE zu erfüllen und mit ihnen zu tanzen. Aber ich bin zu klein. Der Platz in IHNEN und um SIE ist zu groß. Einmal erzählte ich ihnen davon, und wir tanzten. Wirklich. SIE tanzten so langsam. So wunderschön. Und doch war jede IHRER Bewegungen ein Messerschnitt. So bewusst, so direkt. SIE tanzten nicht, denn sie sprachen nicht durch ihre Bewegungen, sie erzählten sich nicht selbst Dinge über sich, während sie tanzten. SIE wussten schon alles. Und damit hätte sie mir beinah das Herz aus der Brust geschnitten. Seitdem bin ich vorsichtiger….

to be continued…

Konrad Schulze

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