Der Pilz schimmert wie Gold. Ein leichter Nebel umgibt ihn, ebenfalls golden schimmernd, ehe die Dunkelheit wie eine Wand auf dem felsigen und zerfurchten Boden aufsitzt. Dunkel fließt das Wasser durch die Krater, langsam und leise wispernd. Der Pilz pulsiert ganz leicht, emitiert sein Leben in die Dunkelheit. Er kämpft, nicht absichtlich, gegen die Wände aus Dunkelheit. Es ist ein Kampf ohne Gewalt, und für lange Zeit bemerkt keiner den Kampf, denn die Grenzen verschieben sich nicht. Der Pilz ist stark genug, seine Kugel aus Licht zu behalten, und die Dunkelheit geduldig genug, sie ihm nicht streitig zu machen. Natürlich aber wird der Tag kommen, an dem er verwelkt.

Das Blut, dass aus dem Brunnenloch über ihm tropft, leuchtet im starken Kontrast auf der goldenen Kappe des Pilzes, rinnt an ihm herunter und löst sich vom Rand in hellroten Tropfen, die von innen zu leuchten scheinen, ehe sie im Wasser zwischen den grauen Steinen dunkel verlöschen. Hier unten gibt es keine Zeit, außer die in unregelmäßigen Abständen fallenden Tropfen des hellroten Blutes. Keiner weiß, ob sie zuerst tropften, und der Pilz dort anfing zu wachsen, wo das Blut auf die Erde traf. Aber es ist zu vermuten, dass der Pilz verwelken wird, sobald das Blut versiegt. Es wird schon weniger. Anfangs troff es, nicht ununterbrochen, aber doch häufig, und oft im Schwall. Jetzt wartet man auf die einzelnen Tropfen. Schon lange bevor sie auf die lederne Kappe des Pilzes tropfen hört man sie. Wie an einer Harfensaite klettern sie in die Höhle hinab. Jeder mit einem unterschiedlichen seidenen Ton. Fielen sie regelmäßiger könnte man eine Musik erkennen, so aber vermag das Gedächtnis die Fragmente nicht zur Melodie zusammensetzen.

Man sagt jedoch, es ist das Blut eines jungen Mädchens, dass oben am Rande des Brunnens liegt, mit geöffneten Augen, und ihr Blut singt ein Schlaflied, dass es vom Mond gelernt hat. Als das Mädchen noch lebte. Denn soviel kann man sehen. Im goldenen Schimmern des Pilzes ist der Kuss des Mondes verborgen, blass, zart, unaufdringlich. Manchmal wird er deutlicher, vielleicht wenn die Melodie stärker wird, weil kurzzeitig mehr Blut die Saiten herunterklettert. Dann greifen die silbernen Hände aus dem Licht des Pilzes heraus und schweifen kurz durch die Dunkelheit wie durchsichtige Möwen. Streifen die Wände oder schwirren ins Leere, stumm segelnd, bis sie verlöschen, weit weg vom Pilz, der Dunkelheit nicht mehr trotzend. Ein Lichtballett. Doch viele zerschellen an den rauhen Steinen, die in der Nähe des Pilzes aufragen. Zerschellen und rinnen noch kurz glimmend wie Milch an den Steinen herunter. Dann ist es wieder still, und man erinnert sich nicht mehr an die Melodie des Schlafliedes.

Unsere größte Angst ist, dass jemand den Pilz findet, bevor das Blut von selbst versiegt. So alleine leuchtend in der völligen Dunkelheit hier unten. Wir haben ihn schließlich auch gefunden. Wir, dir wir in scheuem Abstand auf den kalten Steinen liegen, und verträumt dem Pilz beim leuchten zuschauen. Selten streift uns die Hand des Mondes, und dann perlen die milchigen Tropfen an uns ab, wie am rauen Stein. Der Unterschied ist nicht zu bemerken. Wir sind selbst wie Steine. Langsam und rau. Aber wir erfreuen uns der Schönheit des Pilzes. Wenn jetzt jemand vorbeikommt. Schnell. Warm. Hungrig. Er wird den Pilz bemerken und ihn plücken und verschlingen, und alles was bleibt ist ein dumpfer, roter Schimmer, der durch seinen Magen nach außen dringt. Und schwächer werdend wird auch dieser noch verdaut, während der Warme, Schnelle, davonstrebt, auf der Suche nach einem anderen toten Mädchen, dass ihr Schlaflied zu uns herunterschickt. Und wir lägen auf den kühlen Steinen, dem Wasser zuhörend, blind, geblendet von der Erinnerung an den Pilz, der so schön mitten in der Dunkelheit wuchs. Und hoffen darauf, dass bald wieder ein Mädchen an dem Brunnen da oben stirbt, damit wir hier unten nicht so einsam sind. Nicht so verlassen.

Noch aber steht der Pilz, leuchtet, von einem Schleier umgeben, während es rot und traurig auf ihn herabtropft. In einer anderen Höhle, von der wir nichts wissen, dazu sind wir zu langsam, steigt das Wasser, salzig, von den ungeweinten Tränen der Mutter. Und die silbernen Fische, die in dieser Höhle wohnen, tanzen und gleiten glitzend durch den neuen See. Weder sie noch wir wissen von der Mutter. Wir wissen nichts. Bezaubt vom goldenen Licht. Wir fragen nicht. Das Schlaflied klingt sanft von oben zu uns herab, die wir den Blick nicht wenden von unserem Pilz.

Konrad Schulze

PS: Europa

Ich habe einen Ort gefunden, den ich nie betreten wollte. Von klein an hört man von ihm, tief im Wald versteckt, ein dunkel schimmerndes Leben, das seine dünnen schleimigen Fäden aus dem verfilzten Pelz ausstreckt wie tastende Fühler, so dünn, dass es keiner bemerkt, bis sie einem die Augen verkleben, in den Körper dringen, Nase, Mund, alle Öffnungen. Und am Anfang, ganz kurz, ist es Lust. Man öffnet sich weiter, und… Dann ist es in einem. Schimmert dunkel und wächst und grinst höhnisch, mir ins Gesicht, von innen, der ich ängstlich in das Draußen schaue, das plötzlich anders wirkt, obwohl sich nichts geändert hat, für das Draußen.

Dunkel schimmert es, und öffnet sich in mir, immer weiter, bis meine Arme es nicht mehr überspannen können und ich hineinfalle. Und dann sprüht es, mir aus den Augen. Vergiftet die Luft, die ich atme. Doch so lange ich still bleibe, bemerkt es hoffentlich keiner. Es sei denn, jemand beobachtet meine Schultern, die sich spannen und krümmen, als wollten sie etwas daran hindern, aus meinem Mund zu springen. Und so zittere ich leicht, under der Anspannung, nichts entkommen zu lassen, nicht selbst zum Sumpf zu werden, der so heiß in mir brodelt. Ich schließe die Augen, und beginne zu rennen. Gewichte und Gewichte stämme ich in alle Richtungen, und es ist ein Kampf gegen mich selbst. Ich brenne und brodele, in mir bläst sich die matschige Masse des glimmenden Sumpfes auf, stämmt sich gegen meine Haut, um mich endlich zum Platzen zu bringen. Aber ich stämme dagegen. Und je weiter ich laufe, je mehr Gewichte ich stämme, umso mehr formen sich aus den blubbernden Massen Muskeln. Stück für Stück gewinne ich meinen Körper zurück, mich zurück, bis ich schließlich lächeln kann, denn nur noch leicht funkelt es düster an einigen Stellen, und selbst die kann ich unter der Dusche vergessen. Oder spätestens, wenn das Spiel mit ihm wieder anfängt, welches das dunkle Schimmern erst in mich hineingelassen hat. Und dann ist der Tag gerettet.

Aber der Ort in mir schläft nur. Funkelt und schimmert hinter meinen Ohren und untern meinen Fingernägeln und schickt graue Wolken mit meinen Blicken ins Draußen, die werden nur von wenigen bemerkt. Diese jedoch erschrecken. Wie ich ebenfalls erschrecke, und mir etwas suchen möchte, dass Glimmen aus mir herauszukehren. Er wäre so eine Möglichkeit. Aber er will nicht. Und an die Grenzen meines bloßen Wollens gestoßen, möchte ich die impotenten Hände in den Schoß legen und mit den Zähnen blutige Tränen aus der Lippe bohren.

Und da schlägt es wieder los, und löst mich von innen auf. Und es ist Nacht. Ich kann nicht rennen, keine Gewichte in der Nähe, und er, nur zwei Schritte entfernt, seinen Geruch in den kleinen Raum atmend, den wir uns für den Zeitraum des Spieles teilen. Vielleicht fließe ich aus dem Bett und verätze den Fußboden, oder ich explodiere und verunstalte die Wände, oder ich weine einfach, bis der Schlaf kommt, seine kühle Hand auf meine heißen Augen zu legen. Still und leise, denn ich mag ihn nicht aufwecken, wegen so einer Kleinigkeit wie eines inneren Sumpfes. Eine kleine weiche Kuh drückt sich gegen mich, wie um zu sagen, dass ich nicht der einzige Sumpf bin, hier. Aber das presst nur noch mehr Wasser aus mir, und die Kuh wird auch nass. Und wenn ich sie jetzt an mich drücke, weint sie mit.

Die Lust, etwas gegen die Wand zu werfen, und sei es mein Kopf, bleibt jedoch. Auch im Traum, in dem wir uns dann endlich küssen.

Konrad Schulze

Schon eine Weile frage ich mich: was passiert, wenn der ganze Schnee schmilzt?

Ich habe das zarte Leben an der Hand. Vorsichtig führe ich es den Berg hinab. Es ist so unselbstständig geworden, ich habe Angst, es könnte sich den Hals brechen. Ist es zu alt? Ein bläulich schimernder Ball, ganz leise. Es sieht so lebendig aus. Und wenn ich es berühre, flammt es auf, kühl, blau, hell, um gleich wieder nur schwach zu glimmen. Ein wenig weinlerlich. Es ist mir anvertraut, und ich möchte es mit der Hand umspannen, um es zu schützen, aber es gelingt mir nicht. Immer weiter müssen wir den erg hinab. Ummer weinerlicher wird sein Glimmen, immer einsamer, obwohl ich doch da bin. Bin ich das? Vermutlich klaffen andere Abgründe als nur Entfernung zwischen uns, auch wenn Berührungen diese kurz für nichtig erklären. Ich will nicht bergab. Unten wartet das Meer, in dem wie uns auflösen werden, oder, zumindest, das zarte blaue Leben, dass ich begleite. Aber der Wegt lässt sich nicht aufhalten, und so weine ich jetzt schon, wo wir doch noch nebeneinander hergehen. Es ist so viel, was ich dem Leben geben möchte. Wärme, Zärtlichkeit, Verständnis. Etwas weniger Einsamkeit, und vielleicht Zufriedenheit, und alles quillt aus mir und verfliegt farbig hinter uns. Alles was ich erreiche ist eine Berührung, fest, ohne Scheu, und voller Ehrlichkeit. Aber nicht mehr. Und es tut weh, den Rest nicht teilen zu können. Die Erinnerungen sterben. so schnell wie das Licht, und das zarte Leben wird so grau…Es fühlt sich so einsam, und ich vermag es nicht zu lindern, so nah ich auch bleibe. Aber das weiß ich noch nicht. Ich glaube noch an meine Nützlichkeit.

Dann erreichen wir das Meer, und unaufhaltsam strebt das zarte Leben hinein, strebt weiter, und fühlt sich so einsam. Es bricht mir das Herz, ich kann es doch nicht allein lassen. Fest packe ich es und werfe mich mit ihm in die Flut.

Sofort spült das Wasser das zarte Leben aus meiner Hand, dass kaum noch existierte, und ein reißender gewaltiger Strudel wirft uns auseinander. So wie wir das Meer betreten werden wir getrennt und lösen uns langsam auf. Ich spüre wie das Meer durch mich hindurchspült, etwas blaues, noch kräftiges, aus mir mir herausträgt und zerreißt, in tausend Stücke, die in tanzenden Wirbeln auseinanderstieben. Kurz fühle ich mich riesig.Ich bin ganz das Meer, das zarte Leben gibt es schon lange nicht mehr. Dann zerreißt das Netz, das die Teile noch verbunden hielt. Und alles wird grau, entfernt, stumpf, bis es verschwindet. Ich verschwinde. Und kurz bevor ich aufhöre zu existieren, bemerke ich die Nutzlosigkeit des Opfers. Und Bedauern flammt auf, bevor das Nichts mich ver…

Konrad Schulze

Es ist eine kleine Gewissheit. Sie setzt sich von oben auf mich, und es fühlt sich so an, als wäre es auf die Nase. Sie kam herabgeschwebt, schon oft, und verfehlte mich wohl. Vielleicht bewege ich mich zu schnell für sie. Aber jetzt, und wenn es auch nur für den Moment ist, da hat sie sich auf meine Nase gesetzt, so scheint es. Natürlich schmilzt sie dort, ihre perfekte Form kann nicht erhalten bleiben, so nah an mir. Ich bin zu warm. Ich schiele auf sie herab. Wie sie zusammenfällt und noch kleiner wird, wie sie flüssig wird, wabbert, und dann, langsam erst, meine Nase herunterläuft. Schon kann ich sie nicht sehen, nur spüren, wie sie langsam meine Haut entlangwandert, in Richtung Kinn. Einen Mund habe ich heute nicht, der sie verschlingen könnte. Keine Gier, kein Schlund, keine Wolfszähne. Es juckt, als die Gewissheit über die Stelle rinnt, wo mein Mund sonst sperrt. Die Zunge drängt sich von innen an den Tropfen, will ihn in den Rachen ziehen. Aber schon ist er vorbei, verwirrt sich im nicht geschnittetenen Bart und. Verschwindet, ehe sie vom Kinn weiter nach unten fallen kann. Sie hinterließ wohl ihre Spur, auf dem Weg über mein Gesicht, einen kleinen Graben, dessen Ränder golden schimmern. Es sieht aus, als hätte ich einen senkrechten Mund. Sehr hässlich. Aber ganz langsam bin ich geworden. Entspannt. Mit diesem senkrechten Mund, der sich nicht gierig öffnen kann, nach deinen Worten und Berührungen, und die er doch nur wild zerreißt und in Brocken herunterschlingt, anstatt sie in ein weißes Tuch zu hüllen und darauf zu schlafen. Der neue Mund gemahnt zur Ruhe. Und die wilde Zunge wird sich schon noch beruhigen, die so in ihrer Höhle herumtanzt, als wäre sie früher freier gewesen.

Wenn ich jetzt singe, dann ist es eher wie Läuten von Glocken. Klar und frei lösen sich die Töne von den senkrechten Lippen, die vibrieren und bringen die Luft zum Klingen. Golden auch. Und so perlt es aus mir heraus, viel Gewissheit, zu viel vielleicht, aber es fühlt sich so gut an. Und die Töne fliegen wie Seifenblasen von mir weg, setzen sich in die Landschaft, die aufgerissen wie mein leerer Bauch von gestern halb zerstört vor uns liegt. Und, wo sie auftreffen, da platzen sie leise, und ihre Tropfen setzen sich wie Flocken auf die zerflederten Teile. Rinnen an ihnen herab und wo sie rinnen öffnen sich senkrechte Münder und Spalten, aus denen es ebenfalls quillt. Kühl und sanft füllt sich so das ganze Bild, als wäre es in einem Aquarium, füllt sich bis zum Rand, und muss eigentlich überlaufen vor Gewissheit und zerschellen. Aber. Mit einem leisen Plopp verschwindet das Klingen, hallt aus, und mein Bauch ist wieder geschlossen. Nicht vernäht. Keine hässliche Narbe. Mein Bauch, wie er früher war, und wenn ich ihn berühre spüre ich die silberen Kugeln darin, wie sie sich drehen und sacht aneinanderstoßen und es genießen. Und ich genieße es auch. Ein intakter Bauch. Ich blicke nicht zurück in das Tal. Meine Füße lösen sich vom Boden und wie ein Tuch finde ich meinen Weg durch den Wind dahin zurück, wo ich einst herkam. Vor allzukurzer Zeit. Hinter mir schließt das Land seine Wunden von selbst, die ich ihm schlug. Das war schon immer so, und ist auch eine Gewissheit, die sich schon vor langer Zeit auf mich gesetzt hat. Dann beißt der Winter zart in meine Wange und bestreicht die Haare mir Reif.

Konrad Schulze

Und heute stehe ich noch einmal am Rand des Tals. Selbst weiß geworden, wieder. Die losen Haaren wehen im Wind wie Spinnenweben und kleben an meinem trockenen Mund, der rissig weiß in mein Gesicht gegraben ist, wo ich sonst lächle. Heute nicht. Heute öffne ich meinen Mantel, meinen Bauch, reiße ihn weit auf und lasse alles was ich darin festhielt in das Tal strömen. Eine kalte Flut aus weißen Flocken, Eis, silbern ist es auch. Alles strömt und wirbelt und reißt, und senkt sich wie eine riesige Pranke in das Tal hinein um alles unter sich zu begraben. Es ist ein Schrei, ein weiß wirbelnder, der seine kleinen Teile in Flocken von sich stößt und alles mit einer Schicht zudeckt, die das weiße Entsetzen genannt werden kann. Dabei ist es totenstill. Keine Erinnerungen graben sich aus der harten Erde um in ihre zerissenen Kleidung ein falsches Bild von der Vergangenheit zu beschwören. Verrottend. Nein. Es ist friedlich. Nur ich stehe am Rande des Tals, und lasse etwas in das Tal strömen, das aus mir kommt, weil in mir zu wenig Platz ist es zu halten.

Von oben schneit es auch, silbrig glitzernde Tränen, die sich auf meine weißen Augebrauen setzen und sacht vom nächsten Windhauch wieder hinweggetragen werden. Es gibt keine Alptraumvögel mehr, die den Rand des Tales bewachen, damit sich keine Warmen hierher verirren. Es gibt keine grazilen Wesen mehr im Tal, die sich ihre Welt schön singen und dabei nicht altern. Es gibt keine kleinen Jungen mehr, die halb erfroren am Rande des Tals gefunden werden, um das Singen zu erlernen. Nur noch der Schnee, der wirbelnd weiß das Vergessen mit dem Entsetzen vertauscht, und dabei ist es doch ganz still. Selbst der Wind hat seine Stimme abgegeben, nicht aber seine Kraft, die aus mir herausträgt, was keinen Platz mehr hat. Meine Hand, zum Wolf gekrümmt, streckt sich nach dem Tal aus, und der weißen Masse, die es verdecken wird. Ein ganzes Tal habe ich schon gefüllt, und der Winter in mir scheint immernoch hungrig. Rissig weint es aus meinen Augen, trocken, kalt, weiß, und mischt sich auf den Lippen mit dem Salz von der mühsamen Wanderung. Die Haut unter den Augen ist hellrot, der einzige Farbton im gesamten Bild, und schreiend grell übertönt er das wirbelnde Wüten im Tal. In meinem Bauch. Auf den gefrorenen Wimpern balanciert ein Wort, mit dem ich mich ausdrücken möchte. Doch da reißt es mir der Wind fort, von den weit aufgerissenen Augen, die in die Unform starren, die entsetzlich wütet. Still.

Und dann, als es mir genug Zerstörung wurde, da bin ich fortgegangen. In einen Vogel habe ich mich verwandelt, einen weißen, zerzaust und halb gerupft, die Federn am Kopf wie zum Kampf aufgerichtet, und der Wind hat mich getragen, wohin, das weiß ich nicht mehr. Ganz leer, die Brust frei von diesem Sturm, der eisig den gesamtem Platz beanspruchte, der in mir war. Ganz leer, das wäre etwas, das wünsche ich mir. Leer, um zu empfangen. Es presst sich aber mein Leben und Wollen aus mir, etwas, das ich nicht will. Und dabei entleerte ich mich doch am Talesrand, und schnitt einen Riss dahin, wo ich sonst lächle. Das Warten, das habe ich immernoch nicht gelernt. Bis ich ganz hohl und trocken beim nächsten Schritt zerspringen muss. Es drängte zu lange in mir. Ich wusste nicht, wohin. Und der aufgerissene leergestürmte Bauch ist kein schöner Anblick.

Ich sollte mich zunähen. Mich füllen mit silbernen Kugeln und darauf warten, dass ein Hirsch das Gras beiseitereißt, dass sich über mir zu einem filzigen Hut verwoben hat. Ein wenig gebende Weiblichkeit in mich lassen, um zu wachsen und zu geben, ein Mutterleib. Aber ich bin das Vatermesser, das sich selbst schnitt, weil es nichts mit seinen Gefühlen anzufangen wusste. Und so stecke ich wieder am Rande des Tals, Klinge in das Eis gerammt, und niemand kann sie lockern. Und die Welt löst sich um mich auf, bis sie nur noch aus mir besteht. Zu viel Vatermesser, wo ein wenig Mutterleib doch so von Nöten wäre. Hilflos mit sich selbst.

Konrad Schulze

Hinter mir liegt ein Wolf. Vielleicht tot. Und vielmehr trage ich ihn auf meinen beiden Armen. Das Fell ist stumpf und hängt traurig vom Wolf herunter, so wie seine Tatzen und seine rosa Zunge, von der kein Speichel mehr läuft. Ich sehe aus, als würde ich trauern. Aber. Da bin ich mir selbst nicht sicher.

Um mich hetzt die Meute weiter, wild durch die Nacht, sie beißt und faucht, der ganze Wald schrillt voll ihrem treibenden Jaulen. Ich habe die Bisswunden an dem Fell abgestreift, und meine frische Haut leuchtet milchig in der Nacht. Die Nacht ist wie Nebel, und mein Licht ist sichtbar wie eine extra Schicht um mich her. Liebevoll fahre ich durch das Wolfsfell. Es ist, wonach es mich eigentlich reißt. Finger in drahtigen Haaren. Sanft. Mit einer Melodie, die unhörbar von den Lippen sickert und sich mit dem Licht untrennbar vermischt hat, ehe sie ankommt, am Wolfsohr.

Man könnte meinen, es wüchse eine rote Blume aus dem Fell, und ich bin sehr geneigt, es zu glauben. Aber es wird Blut sein, und die ständige Angst vor der vermeintlichen Grausamkeit der Realität lässt keine Blume wachsen, letztendlich. Obwohl es einfach wäre. Einfach den Fingern folgen, die ohne Augen durch das Haar wandern.

“Ich bin bereit alles zu opfen um nichts verlieren zu müssen”, schrie er. Und verlor alles, wie er es opferte. Aber nein. Hätte alles verloren. Wie haben ja nichts verloren. Die grauen Wölfe hetzen uns und reißen mit ihren lüsternen Zähnen an unserem Blumenbeet. - Es bringt nichts, einen von ihnen zu begraben. Und da endlich weine ich einen Bach über den Wolf. Nicht des Wolfes wegen, den ich vermutlich schoss, um aus ihm hervorzukriechen. Nein. Ich weine wegen des Sturmes aus Wölfen der über uns hereinbrechen wird, oder schon brach, und der mir nicht in die Hände fahren wird, nicht aus den Augen leuchtend hervorbrechen wird, nicht mich zu Säule aus Siegesgewissheit wachsen lässt wie der Wind, der mein Freund geworden war. Nein. Dieser Sturm wird ihn umwerfen, mit sich reißen und fliegen lassen, während ich verlacht von den grauen Wölfen verbrenne. Gelb. Hinter mir liegt ein toter Wolf, während um uns die Meute lüstern hetzt.

Konrad Schulze

Ich hetze durch die Nacht, die düster um mich vor sich hinstöhnt, sich wälzt und ab und zu den Mond sehen lässt. Schon erschöpft hängt mir eine große Zunge zum Mund heraus und der Speichel läuft daran herab, wird durch mein Rennen in die Nacht geschleudert, die ihn stöhnend aufnimmt. Um mich rennt es ebenfalls, aber sie sind in den Schatten verborgen und der Mond vermag sie nicht zu enthüllen. Das Ziel ist uns gemeinsam, es liegt vor uns. Es ruft, als würde es nach Blut riechen, als müssten wir es nur noch zerfetzen und verschlingen, ehe wir uns dem nächsten zuwenden. Schwer ist es, nicht an das Ziel zu denken. Selbst bei Tag würde so keiner die Gegend wahrnehmen durch die man hetzt. Aber es ist Nacht, stöhnende, und die Gegend existiert nicht mehr.

Zwischen den Muskeln meines Rückens gebiert der Mond eine Burg, noch dunkler als die Nacht selbst, stel und schroff ragt sie über uns zusammen, verschlingt den Himmel und hat ein glühendes Auge, irgendwo zwischen den Zinnen. Auch in deren Gängen hetzt es, dem gleichen Ziel zu, und meine Haare richten sich wütend auf. Der Klang der harten Krallen, die durch die Steine fruchen wie gläserne Klingen, mit denen geopfert wird. Ununterbrochen. Und die Nacht stöhnt, vielleicht lustvoll, vielleicht gequält, aber auf jeden Fall enthemmt. Bedrohlich ragt die Burg, und kaum bemerke ich das Fleisch, in dem sich meine Zähne verfangen, versenken, dass sie zerreißen, in Stücken aus der Burg, dem Tor, und dahinter wartet die Meute. Ich weiß es genau. Dann, der Mond zerbrach zwischen den Schreien der sich windenden Nacht, öffnet die Burg sich freiwillig, ihre weiten Tore, und die Hunde ergießen sich über mich, knurrend, jaulend, heulend, triumphierend. Ich beiße und reiße, und spüre die Zähne nicht, die sich ungefragt in mich verbohren. Die Leftzen zum Lächeln hochgezogen glaubt keiner den Hetzschweiß, der mir von der Zunge rinnt.

Und im Kampf noch verblutet die Nacht, verblutet das Schloss und der Märchenwald, und alles was bleibt ist ein großes Meer, silbern, an dessen Grund sich die Sehnsucht langsam dreht, die von der Hetze nicht gelindert werden konnte. Wie in einem Bauch. Meine Finger gleiten langsam durch die weichen Federn des Vogels, der mich über das Meer fliegt. Fest an den Hals geschmiegt möchte ich einschlafen, dem fremden Herzschlag lauschend. aber es geht nicht. Ehe ich es mich versehe, taumelt der sichere Schritt und rinnt über die noch warme Wange ins Leere.

Konrad Schulze

Es ist der Gesang einer Mutter, aus dem die dunklen Bäume emporwachsen und mich umspannen, als wäre ich der Himmel. Die Melodie flüchtet sich in den sehnsuchstvollen Schatten, aus denen neugierige Augen glitzern. Sie sind wohl nicht bösartig, denn nichts springt mich an. Nichts, außer ein kalter Schleier, der sich dumpf um meine Füße wickelt. Ihn trage ich herum, ihn und den dunklen Wald, und man sieht es in meinen Augen widerscheinen. Ich weiß nicht, wann ich aufhörte zu tanzen. Aber plötzlich fehlt es mir wieder, und die ersten zaghaften Schritte klingeln zwischen den Bäumen entlang wie ein kaltes Messer. Und dann erwarte ich einen Ausbruch, in den Armen sollte es beginnen, mit denen ich das Gestrüpp zerteilte und die Sicht auf den Mond zurück zu gewinnen suchte. Aber es kommt nichts. Kurz vor der Entladung in die Bewegung fühle ich die steinerne Schwere, in den Füßen, wie sie hinaufkriecht, und grotesk verdreht bleibt die Anspannung erhalten; und geht gerade deshalb verloren. Später sinke ich in mich zusammen, und das Mutterlied schlägt über mir zusammen. Streicht mit holzigen Noten die Sorgenflügel auf meinem Rücken glatt und bringt mit sanften Berührungen das Silber in mir zum Klingen. Und wenn jetzt der Schlaf käme, so wäre ich dankbar. Aber da ist noch diese Kröte. Tief unter mir sitzt sie, und kümmert sich nicht um das Mutterlied, das uns doch die Tränen aus den Augen trieb. Fett und warzig lebt sie vom Wald, und rülpst mir in die Gedanken, so dass das Sonnenlicht einen Schatten auf mir hertanzt. Und wieder furchen die Schultern den Weg uneben, den ich vor mir habe. Ein Klavier rieselt über den Rücken der Kröte, oder wimmelt, und aus den Schatten forme ich eine Seifenblase, in der ich zu dir schweben kann. Bis die Kröte sie mit ihrer Zunge zerschlägt, sie und den Mond, und ich weinend im Moos lande. Das Mutterlied hat sich zurückgezogen, und die Realität steuert auf mich zu, mit Libellenflügeln, die knistern wie Feuer beim Fliegen. Ich sehe keine Lösung. Mit beiden Händen fest vor die Augen gepresst.

Konrad Schulze

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